19. Mai
Ein Buch, dass zu Herzen geht - Mascha Kalékos Rückkehr aus dem Exil
Rating:4.5

Ein Buch, dass zu Herzen geht - Mascha Kalékos Rückkehr aus dem Exil

Das Buch behandelt die letzten 20 Lebensjahre von Mascha Kaléko und widmet sich insbesondere der Reise ihres Lebens - der ersten Reise nach Europa nach dem Holocaust. Ende der 1930er Jahre gelingt Kaléko die Flucht nach New York gemeinsam mit ihrem geliebten Ehemann Chemjo und dem einzigen Kind Steven. Amerika und New York werden ihr nicht zur Heimat, sie kommen über die Runden, aber insbesondere Mascha sehnt sich nach Europa und ihrem Berlin. Mitte der 1950er Jahre kehrt sie nach Werben von Rowohlt zurück nach Deutschland und beginnt eine Lesereise mit der Neuauflage ihres "Lyrischen Stenogrammhefts", dass erstmalig zu Beginn der 1930er Jahre erschienen ist. Die ersten Monate ist sie wie im Rausch, genießt das Essen, lässt keine Party aus. Die Rückkehr nach Berlin zögert sie hinaus und ist dann voller Erinnerungen, sucht private Orte auf und trauert um die verlorenen Jahre. Mit Chemjo ist sie im ständigen Austausch und bittet um seine Rückkehr nach Deutschland. Als es dann endlich soweit ist, wird es eine Enttäuschung... Das Buch schildert detailreich die Ereignisse der 1950er Jahre. Besonders eindrücklich wird das Schweigen der Deutschen und das Negieren von Verantwortung der Nazischergen deutlich. An Aufarbeitung ist nicht zu denken. Und auch Mascha versucht in ihren Interviews und Lesungen möglichst nicht zu heftig Kritik an den Deutschen zu üben. Versucht zu vergeben, was nicht zu vergeben und vergessen ist. Zitat: "Dieses Land hat sich seine jüngste Geschichte längst noch nicht erzählt. Es gibt noch gar keine Sprache dafür. Auch noch gar kein breites Wissen und kein breites Wissenwollen über alle Details des deutschen Angriffskrieg und des Holocausts." Volker Weidermann schafft es, dass wir mit Mascha leiden, wir uns gemeinsam freuen und spüren die Enttäuschung, als der große Erfolg ausbleibt und ihr verwehrt wird, weil wichtige Unterstützer*innen nicht mehr an ihrer Seite sind. Ein anrührendes Buch - nicht nur für Kaléko-Fans.

Wenn ich eine Wolke wäre
Wenn ich eine Wolke wäreby Volker WeidermannKiepenheuer & Witsch
27. Apr.
Rating:2.5

Um Hintergrundwissen über die wirklich faszinierende Dichterin Mascha Kaléko zu sammeln, eignet sich "Wenn ich eine Wolke wäre" tatsächlich gut. Es ist informativ sowohl Kaléko als Person betreffend als auch den literarischen Betrieb der Bundesrepublik Deutschland in den 50er, 60er und 70er Jahren und darüber hinaus. Und hoch anzurechnen ist Weidermann die klare Schilderung darüber, wie lange, wie viele Jahrzehnte lang in der BRD noch Nazis in politischen, institutionellen und, ja, auch literarischen Gremien und Ämtern und Kommitees saßen. Das alles war schon wirklich interessant und auch wie sorgsam ausgewählte Gedichte Kalékos in Weidermanns Text eingebaut wurden, fand ich überzeugend. Dennoch bleibt nach der Lektüre ein fader Beigeschmack, nämlich dergestalt, dass Weidermann doch ein besserer Rezensent als Autor ist. So ist "Wenn ich eine Wolke wäre" literarisch doch zu seicht, zu konservativ, zu konventionell, zu sehr spiegelbestsellerhaft und fast schon etwas spießig-fad geschrieben, um seiner Protagonistin wirklich gerecht zu werden. Und das wiederum ist dann doch nicht so gelungen. 2,5 Sterne, denn schlecht ist dieses Buch nicht. Aber auch nicht wirklich gut. Es bleibt auf jeden Fall um so viele Welten weniger im Gedächtnis haften als nur ein einziges Gedicht von Mascha Kaléko.

Wenn ich eine Wolke wäre
Wenn ich eine Wolke wäreby Volker WeidermannKiepenheuer & Witsch
25. Apr.
Rating:4

Mit viel Wehmut aber auch mit Längen

Volker Weidemann erzählt von unterschiedlichen Stationen in Mascha Kalékos Leben, im Zentrum steht ihre einjährige Rückkehr nach Europa (vor allem in die Heimat Berlin) nach 17 Jahren im Exil. Tragisch und doch immer wieder voll Wunder ist diese Lebensgeschichte, denn trotz schmerzhafter Vertreibung hat Mascha mit ihrer Familie überlebt. Leider hat das Buch seine Längen- der Autor wirft seitenweise mit Namen um sich, das wurde mir zu viel und zu "aufgezählt", auch wenn es sicherlich seinen Sinn hatte. So erfährt man einiges über das kulturelle Nachkriegsdeutschland, die fehlende Aufarbeitung und das Weitertragen der Bevölkerung von hochrangigen Nazis. Volker Weidemann hat viel von Maschas Leben rekonstruieren können durch Briefe und Zeitzeug:innen. Doch da, wo Briefe fehlen, fehlen auch die Informationen. Und die letzten Jahre von Mascha scheinen so schmerzhaft und einsam gewesen zu sein. Es hat mich sehr berührt, immer wieder Gedichte von ihr in den Text eingewoben zu finden. Ich bin nun noch ein größerer Kaléko-Fan und trage ihre Geschichte im Herzen.

Wenn ich eine Wolke wäre
Wenn ich eine Wolke wäreby Volker WeidermannKiepenheuer & Witsch
28. März
Rating:5

Mit Mascha Kaléko zurück im Nachkriegsdeutschland

Ein wundervolles Buch über eine großartige Lyrikerin. Wir begleiten Mascha Kaléko auf ihren Aufenthalten in Deutschland nach Nazi-Herrschaft und Krieg. Volker Weidermann begleitet sie bei ihren Begegnungen mit den verschiedensten Deutschen. Es ist die berührende Geschichte einer Heimatlosen. Große Empfehlung für alle, die Kalékos Gedichte lieben.

Wenn ich eine Wolke wäre
Wenn ich eine Wolke wäreby Volker WeidermannKiepenheuer & Witsch
11. März
»Ach ist das Leben seltsam ... Ich denke immer noch, es muss ein Traum sein, besonders da alles sich so eins ins andre fuegt, – – vom Kleinsten begonnen, wie einst. Wunder.? Wunder/Zufall?«
Rating:4.5

»Ach ist das Leben seltsam ... Ich denke immer noch, es muss ein Traum sein, besonders da alles sich so eins ins andre fuegt, – – vom Kleinsten begonnen, wie einst. Wunder.? Wunder/Zufall?«

Mascha Kaléko, die Getriebene – Verfasserin von Lyrik, die Gefühle und Wahrnehmung ohne Umschweife schildert und dadurch unzählige Menschen berührt. Immer auf der Suche, ihren Traum – als Dichterin – zu erfüllen und als das möglich schien, wurde er abrupt zunichte gemacht. Nach zwei kurz aufeinanderfolgenden Lyrik-Bänden, floh sie mit ihrem zweiten Mann Chemjo Vinaver und dem gemeinsamen Sohn Evjatar – später Steven genannt – nach Amerika. Nach siebzehn Jahren, in denen sie ihr geliebtes Deutschland nicht besucht hat, wird es 1956 Zeit, dorthin zurückzukehren. Es folgt ein Jahr, das sie emotional aufleben lässt, als wären diese siebzehn Jahre nie geschehen. Als könnte sie da weitermachen, wo sie vor dem Krieg aufgehört hat. Als wäre nichts passiert. In unzähligen Briefen schildert sie ihrem Mann, der in New York geblieben ist, was sich verändert hat und was sie erlebt. Mal direkt und manchmal nur zwischen den Zeilen bringt sie ihren Wunsch zum Ausdruck, wieder nach Berlin zurückzukehren, in der Hoffnung nochmal neu anfangen und an ihren Erfolg anknüpfen zu können. Neu war für mich, neben Einblicken in das Leben Mascha Kalékos, Ernst Rowohlts Haltung während der NS-Diktatur. Auch wenn ich Volker Weidermanns Erzählstil – leider! – oft etwas trocken und langatmig empfinde, obwohl die Themen seiner Bücher für mich gar nicht ansprechender sein könnten, hat mich dieses Buch etwa ab der Hälfte begeistert. Insbesondere das Verlorensein Kalékos innerhalb des Exils und noch viel mehr nach ihrer Reise 1956 nach Berlin – ihrem Sehnsuchtsort. Durch dieses Buch erfährt man nicht nur von ihrem Leben – zerrissen hinsichtlich ihrer deutsch-jüdischen Identität –, sondern bekommt auch Lust, mehr von ihr zu lesen und sich ausführlicher mit ihrer Biografie zu beschäftigen. Denn ihre Lyrik wird bis heute – nicht ohne Grund und völlig zurecht – von vielen geschätzt und geliebt.

Wenn ich eine Wolke wäre
Wenn ich eine Wolke wäreby Volker WeidermannKiepenheuer & Witsch
7. März
Eine der schönsten Biographien die es gibt.
Rating:5

Eine der schönsten Biographien die es gibt.

"Ärgern sie sich nicht, wundern sie sich bloß." Ein Satz, den ich mir merken werde. Das Gedicht "Memento" ist eines der berührensten. Maschas Leben ist so berührend und bewegend, dass man das Buch am liebsten gleich mehrmals lesen möchte. Die Flucht aus Deutschland in die USA und ihr dortiges Leben mit Chemjo und Steven. Es war nicht einfach für sie, weder das Verlassen der eigenen Heimat noch der Entschluss zur Rückkehr. Das Leben um und mit ihrer Familie und das in Israel... Alles Teile eines unglaublichen Lebens. Die Sehnsucht nach dem alten Zuhause und zeitgleich der Angst diesen Ort nicht mehr wieder zu erkennen. Den Menschen dort zu begegnen, die 'guten Deutschen'. Menschen, die ihr sympathisch sind, 'blitz-entnazifizierte' sie sofort. Man verliert sonst vielleicht allen Glauben an die Menschheit. Lass die Vergangenheit ruhen, denn sie ist ja schon vergangen. Das Buch gibt einen das Gefühl mir ihr zusammen auf Ihrer Reise zu sein. Zudem sind da so viele andere, kleine Informationen über Personen in dem Buch, dass ich es auf jeden Fall nochmal lesen werde.

Wenn ich eine Wolke wäre
Wenn ich eine Wolke wäreby Volker WeidermannKiepenheuer & Witsch
3. Nov.
Rating:4.5

Genau so muss eine Biografie sein

Mascha Kaleko es für mich die zugänglichste Lyrikerin Deutschlands. Ihre Gedichte wirken zeitlos und haben eine berührende und gleichzeitig humorvolle Rhythmik. Niemand spielt so vollendet mit Worten wie sie. Sie wirken wie aus leichter Feder, doch jeder, der es einmal mit dem Reimen intelligenter Texte versucht hat, weiß, wie schwer es ist, mit so einer Selbstverständlichkeit Themen in Versform zu bringen. Volker Weidermann hat eine wichtige Phase im Leben von Mascha Kaleko rekonstruiert. Nachdem sie nach Amerika immigrierte, um den Schergen der Nationalsozialisten zu entkommen, reist sie 1956 erstmalig wieder nach Europa. Zögerlich testet sie sich vor, bis sie sich auch in ihr geliebtes Berlin traut. Sie ist zwar erst skeptisch, wird aber doch mit offenen Armen empfangen, besonders von Ernst Rowohlt, und man tut so, als wären die, die jetzt darüber entscheiden, ob ihre Gedichte noch einmal aufgelegt werden, frei von jeder Schuld und jedem Mitläufertum der jünsten Vergangenheit. Ihr Misstrauen verschwindet nie ganz, doch lässt sie sich einlullen vom Gefühl des Neuanfangs und dem Reichtum der Schuldigen. Weidermann hat nicht nur eine wichtige Reise nachgezeichnet, sondern auch die Persönlichkeit Kalekos herausgearbeitet. Wie ein Archäologe mit dem Pinsel vorsichtig Stück für Stück ein Skelett freilegt, so befreit der Autor den Charakter der Dichterin nach und nach vom Schutt der vorkrieglichen Repressalien. Es kommt sogar zu einem großen Wiedersehen, welches auch mein Herz hat, höher hüpfen lassen. Hieran erkennt ihr, wie nahbar er Kaleko macht. Er verzichtet auf allzu trockene Daten und Fakten und schafft es uns die Zerrissenheit der Künstlerin spüren zu lassen. Sie war schon eine exzentrische und zugleich verletzliche Person, die ich wirklich gerne persönlich kennen gelernt hätte. Schwer war es mit zu erleben wie eine von Männern geprägte Verlagswelt sie für eigene Zwecke genutzt, um sie nachher mit Nichtachtung zu strafen. Wenn ihr also mehr über diese Ausnahme-Dichterin wissen möchtet, dann lässt euch Weidermann sehr nah an sie ran und ich empfehle euch dieses Buch von Herzen.

Wenn ich eine Wolke wäre
Wenn ich eine Wolke wäreby Volker WeidermannKiepenheuer & Witsch
30. Okt.
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Was passiert, wenn eine Dichterin nach siebzehn Jahren Exil in das Land zurückkehrt, das sie vertrieben hat? Volker Weidermann erzählt in „Wenn ich eine Wolke wäre – Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens“ von Mascha Kalékos Deutschlandreise im Jahr 1956 – einem Jahr voller Hoffnung, Heimweh und Enttäuschung. Nach siebzehn Jahren im Exil kehrt Mascha Kaléko aus New York nach Deutschland zurück. Sie will das Land, die Sprache, das alte Berlin wiederfinden – und vielleicht auch sich selbst. Weidermann konzentriert sich auf dieses eine Jahr, in dem Hoffnung, Heimweh und Schmerz aufeinandertreffen. Aus ihren Briefen, Tagebucheinträgen, Zeitzeugenberichten und Gedichten formt er das Porträt einer Frau, die zwischen zwei Welten steht: zwischen dem alten Berlin, das sie liebte, und dem neuen Deutschland, das ihr fremd blieb. Sie wird gefeiert, ihr „Lyrisches Stenogrammheft“ neu aufgelegt, sie reist durch das Land, trifft Freunde, erlebt Wunder – und doch spürt sie, dass die Schatten der Vergangenheit noch überall sind. Weidermann erzählt das mit viel Empathie und feinem Gespür für Atmosphäre. Seine Sprache pendelt zwischen Reportage und Poesie, zwischen Dokument und Erzählung. Er verzichtet bewusst auf wissenschaftliche Fußnoten und schafft stattdessen Nähe – zu einer Dichterin, die sich selbst nie sicher war, wo sie hingehört. Das Buch liest sich leicht, fast filmisch. Man taucht ein in Cafés, Hotels und Lesesäle der Nachkriegszeit und hört Kalékos Stimme inmitten all dessen, manchmal zärtlich, manchmal bitter, immer hellwach. Für alle, die Mascha Kalékos Gedichte lieben, die sich für Exilliteratur oder die deutsch-jüdische Kulturgeschichte interessieren, ist dieses Buch ein echtes Geschenk. Keine trockene Biographie, sondern eine poetische Hommage – klug, liebevoll, traurig und schön zugleich!

Wenn ich eine Wolke wäre
Wenn ich eine Wolke wäreby Volker WeidermannKiepenheuer & Witsch