21. Feb.
Rating:2

Es sollte ein mysterischer, moderner Gothic-Thriller im nebelumwaberten Venedig sein, bleibt aber sehr unstimmig Außerdem eine Triggerwarnung für sexuelle Gewalt

Der Protagonist Evelyn Dolmam und seine frisch angetraute Ehefrau Laura fahren am Neujahrsmorgen des Jahres 1900 für ihre Flitterwochen nach Venedig. Doch von Anfang an, scheint alles nicht ganz so zu sein, wie es den Eindruck erwecken soll und dann verschwindet Laura auch noch spurlos... Der Roman beginnt langsam, da sich der bewusst überzeichnete und äußerst unsympathische Protagonist in sehr dahinziehenden Monologen ergießt (bei denen er die 4. Wand durchbricht). Die Spannung und mystische Atmoshäre, die aufgebaut werden soll, sodass man nicht mehr weiß, was echt ist und was Einbildung, wird dadurch stark abgeschwächt. Hinzu kommen immer wieder kurze Momente, in denen der Protagonist seltsame sexuelle Fantasien schildert, die sehr deplatziert wirken. Ich hatte den Eindruck, der Autor wollte einen Plot à la Gone Girl inszenieren, aber es ist sehr durchschaubar, dass es sich um ein abgekatertes Spiel handelt, das Evelyn am Schluss zu fallen bringen soll. Dies hat Evelyn absolut verdient, aber dennoch war das Ende für mich unbefriedigend.

Schatten der Gondeln
Schatten der Gondelnby John BanvilleKiepenheuer & Witsch
1. Jan.
Im Nebel von Venedig: Wenn Stimmen lauter werden als die Realität
Rating:4

Im Nebel von Venedig: Wenn Stimmen lauter werden als die Realität

„Schatten der Gondeln“ wird vollständig als Monolog erzählt, aus der Sicht von Evelyn Dolman. Diese Erzählform hat mich schnell gepackt, denn man ist ihm sehr nah, vielleicht sogar ein wenig zu nah. Evelyn führt durch die Geschichte mit scharfem Blick, Selbstironie und einer zunehmenden inneren Unruhe, die sich leise, aber beständig auf die Lesenden überträgt. Inhaltlich begleitet man ein frisch verheiratetes Paar, dessen Hoffnungen auf ein sorgenfreies Leben jäh enttäuscht werden. Die Reise nach Venedig wirkt zunächst wie ein Neuanfang, entwickelt sich aber rasch zu etwas ganz anderem. Banville nutzt die Stadt nicht nur als Kulisse, sondern macht sie zu einem atmenden, beinahe bedrohlichen Raum. Nebel, Wasser, alte Palazzi und unausgesprochene Spannungen verschmelzen zu einer Atmosphäre, die mich dauerhaft in Alarmbereitschaft gehalten hat. Besonders gelungen fand ich, wie subtil die Unsicherheit wächst. Man fragt sich ständig, wie zuverlässig Evelyn als Erzähler wirklich ist. Realität und Wahrnehmung beginnen zu verschwimmen, ohne dass man genau sagen kann, wann es passiert. Die Handlung nimmt mehrfach Richtungen, die ich so nicht erwartet hätte, und genau das macht den Reiz dieses Romans aus. Die Wendungen sind nicht laut, sondern schleichend – und dadurch umso wirkungsvoller. Der Stil ist anspruchsvoll, stellenweise sehr dicht, aber immer elegant. Es ist kein Buch, das man nebenbei liest. Wer sich jedoch darauf einlässt, wird mit einer intensiven, unheimlichen und stilistisch starken Geschichte belohnt, die noch lange nachhallt.

Schatten der Gondeln
Schatten der Gondelnby John BanvilleKiepenheuer & Witsch
18. Nov.
Sehr atmosphärisch und beklemmend.
Rating:4

Sehr atmosphärisch und beklemmend.

"Sie war für mich zu einem lebenden Rätsel geworden, zu einem Wesen, das ich gleichzeitig sehr gut kannte und doch nicht kennen konnte, zu einer physischen Präsenz und gleichzeitig zu einem schwer fassbaren Geist, der mein Leben heimsuchte." Mit "Schatten der Gondeln" liefert uns John Banville einen Roman, der uns mitnimmt ins Venedig von 1899. Inspiriert wurde Banville nach eigener Aussage von seinem ambivalenten Verhältnis, vor allem jedoch von seiner Angst vor dieser Stadt. "Einen Moment sah ich mich selbst, klar und beängstigend deutlich, ein kleines Stück in der Zukunft, wie ich mit einer schwarzen Armbinde allein hinter Beppo und seinem Gepäckkarren und einem zweiten, größeren Karren mit einem mit Blei ausgekleideten Sarg durch die schmale Gasse ging, die vom Palazzo aus am Kai entlang zum Vaporetto führte, dann weiter zum Bahnhof, zum Zug, und mich dann auf die lange Heimreise machte." Wer mich kennt, der weiß, dass nur der Name einer italienischen Stadt fallen muss und ich bin ganz Ohr. Und Venedig? Venedig klingt nach Magie und Geheimnissen. Nach Leben und Genuss. Nach Erhabenheit und Geschichte. Venedig ist für mich schillernd wie das Wasser der Lagunen im Sonnenschein. Doch schnell stellte ich fest, dass meine romantischen Vorstellungen Venedigs sich nicht mit den Beobachtungen des guten Evelyns deckten. Aber wahrscheinlich sieht ein Mann, der von Verzweiflung getrieben wird, nicht mit dem Herzen auf die Stadt. Sein Blick ist von Kummer und Reue getrübt. Ihr habt richtig gehört. Ich traf mich mit dem Schriftsteller und Journalisten Evelyn Dolman, der mir von seiner Zeit in Venedig erzählte. Er unternahm diese Reise mit seiner Frau Laura im Winter 1899. Sie hatten ein halbes Jahr zuvor geheiratet und die Flitterwochen standen noch aus. Doch nach den Vorkommnissen der ersten Nacht, verschwand Laura spurlos ... "Ich war nicht mehr ich selbst. Das Ich, das ich zuvor gewesen war, war nun fort, für immer. Gestern Abend hatte ich als Evelyn Dolman das Haus verlassen und war hinaus in die nebelige Dunkelheit getreten, vorsichtig, zurückhaltend, pedantisch, und war mit aller Macht in dieser neuen, schrecklichen und furchterregenden Gestalt zurückgekehrt." Der Roman wird aus der Sicht von Evelyn erzählt und Banville schafft hier eine sehr atmosphärische, teils auch sehr beklemmende Stimmung. Als Leserin machte ich mir die ganze Zeit so meine Gedanken und Banville schaffte es immer wieder bei mir neue Zweifel zu säen und mit meinen Ängsten zu spielen. Wann immer ich dachte, ich komme dahinter, was hier abläuft, waberte neuer Nebel auf, der alles wieder undurchsichtig machte. Immer wieder stellt sich die Frage: Ist Evelyn Täter oder Opfer? Sitzt er einer Verschwörung auf oder ist er wahnsinnig? Für Banville Fans ist dieser Roman sicherlich sowieso ein Muss. Für mich war es sein erster und sicher nicht sein letzter Roman. "Dann wurde mir bewusst, dass die Präsenz im Raum, vor der ich mich fürchtete, niemand anderes war als ich selbst. Ich war hier die lauernde Bestie." Übersetzt aus dem Englischen von Elke Link.

Schatten der Gondeln
Schatten der Gondelnby John BanvilleKiepenheuer & Witsch