27. Jan.
Rating:5

„Aber wir sind aus der Steinhammerstraße. Künstler? Sowas haben wir da nicht.“

Steinhammerstraße, Dortmund-Lütgendortmund. Eine einfache Gegend, eingequetscht zwischen Bahngleise, geprägt von den noch qualmenden Schloten der Zechen. Hier wachsen sie auf in der Nachkriegszeit, Nelly, Edgar und Jürgen, Teenager auf dem Weg in eine Zukunft, die mehr bieten soll, als Grube und Herd … Ein wunderbares Buch hat Jörg Thadeusz mit ‚Steinhammerstraße‘ geschrieben, ein herrlich erlebbares Zeitporträt der frühen Nachkriegsjahre mit den ersten Anklängen des Wirtschaftswunders, die ihren Weg in die Dortmunder Arbeitersiedlung noch nicht gefunden haben. Und doch spüren die drei jungen Leute ganz instinktiv, dass da mehr sein muss, als das, was die Eltern, desillusioniert und innerlich wie äußerlich verletzt von den Kriegserfahrungen, für sie vorgesehen haben. Die Gemeinschaft des Straßenzuges ist eine eingeschworene, man kennt sich, man hilft sich, auch wenn man selbst nicht viel hat. Aber gerade der künstlerisch begabte Edgar merkt früh, dass er nicht ganz rein passt, anders ist, etwas anderes braucht als Familie und Nachbarn. Er wird es bekommen, wird an der Kunsthochschule studieren und ein gefeierter Künstler werden, aber lange mit den Prägungen der ärmlichen Kindheit leben. Thadeusz‘ Buch, das angelehnt an das Leben des Malers Norbert Thadeusz, ein Cousin seines Vaters, ist, ist unglaublich warmherzig und berührend geschrieben. Ich mochte die Menschen aus der Steinhammerstraße sehr, Edgars Mutter, Jürgens Vater und natürlich die Freundschaft von Jürgen und Edgar. Oder Nelly, die mutig und selbstbewusst den Aufbruch der Nachkriegsgeneration in eine neue Zeit verkörpert. Auch die Lebensumstände, die sich wohl kein junger Mensch heute noch vorstellen kann und weswegen ich dem Buch gerade von diesen sehr viele Leser wünschen würde. Damit ist das Buch für mich gleich mehreres in einem - eine interessante Biografie, ein starkes Stück Zeitgeschichte und ein toller Roman!

Steinhammerstraße
Steinhammerstraßeby Jörg ThadeuszKiepenheuer & Witsch
29. Nov.
Rating:4

Atmosphärischer Roman über Kindheit im Ruhrgebiet der Nachkriegszeit Steinhammer nimmt einen unmittelbar mit in das Westdeutschland der 50er/60er Jahre. Besonders stark ist die Atmosphäre: Bergbau, Nachkriegszeit, harte Lebenswelten – aber gleichzeitig viel Warmes, Menschliches. Die Figuren begleiten einen von der Kindheit an, wachsen einem zunehmend ans Herz, und das macht den Roman gerade gegen Ende sehr lohnend. Eine ruhige, dichte, empfehlenswerte Lektüre.

Steinhammerstraße
Steinhammerstraßeby Jörg ThadeuszKiepenheuer & Witsch
13. Nov.
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Rating:5

Mir stehen die Tränen in den Augen, weil ich die Menschen in diesem Buch nicht gehen lassen wollte. Die letzten Tage und Stunden war die Steinhammerstraße mein Zuhause - mit all diesen Menschen, die ich von klein auf zu kennen schien, mit ihren großen Herzen, die sich hinter der rauhen Fassade verbergen und unter all dem Schmutz für ihre Liebsten schlagen. Sie wollen nur das Beste für Familie und Freunde. Sie sind Fachleute für den täglichen Kampf zwischen verlorenem Krieg und Zeche . Und dann bekommen sie es mit der Angst zu tun, wenn das Beste außerhalb ihrer Welt liegt. Die Geschichte erzählt von Edgar, der Künstler werden will und nicht Frisör oder Bergmann, Nelly, die wider Willen aus besserem Hause stammt und Jürgen, dem Sohn eines kriegsversehrten Deutschlehrers, den das ferne Amerika ruft. Es ist die Geschichte einer Freundschaft und Liebe, die dem Kohlenstaub entwächst und in der Fremde auf Hindernisse stößt. Die Geschichte hat mich zurück in meine Kindheit geführt - nein, weiter noch in die Kindheit meiner Eltern, das erwachsene Leben meiner Großeltern. Die Sprache ist nach Hause kommen - bin ich doch auch im Ruhrpott groß geworden, wenn auch nicht in Dortmund- Lütgendortmund. Doch das Leben und die Sorgen waren die selben. Das Buch wird vom Autor selbst gelesen. Das hat es mir anfänglich etwas schwer gemacht, bis mein Inneres sich wieder erinnerte. Und die Stimmen von Omma Frieda und Frau Wichmann nebenan in mir erwachten. Für mich ein wunderbares Buch, genauso wie es ist - ohne Schnörkel und mit einer ordentlichen Portion Dreck unter den Nägeln.

Steinhammerstraße
Steinhammerstraßeby Jörg ThadeuszKiepenheuer & Witsch