Ein kluger Text über Verlust, Erinnerungen und Trauer. Allerdings mit deutlichen Längen...
Feridun Zaimoglu verarbeitet mit diesem Text den Tod seines Vaters. Mit dem Anruf seiner Mutter, die ihn über den Tod des Vaters in der fernen Türkei unterrichtet, beginnt der Trauerprozess und die Verarbeitung. Gute Freunde unterstützen ihn bei der Reise zu seiner Mutter, die für muslimische Bestattungsrituale Tage zu spät kommt.
Zahlreiche Erinnerungen des Ich-Erzählers bringen uns den Vater näher. Berichte über einen Urlaub in Spanien mit der ganzen Familie oder das Ankommen in der Bundesrepublik als so genannter Gastarbeiter, wurden ernsthaft, aber auch mit einer Prise Humor erzählt. Zaimoglu schafft es mit seiner Erzählung, Interesse an diesem Mann zu wecken, der scheinbar nicht nur attraktiv, sondern auch sehr anerkannt in der Nachbarschaft war.
Neben den Erinnerungen beschreibt der Autor auch seine Erfahrungen bei dem 5.000 km langen Roadtrip durch Ungarn, Serbien, Bulgarien und Griechenland, in die die Erinnerungen eingewoben sind. Insbesondere die Beschreibungen zu den Grenzkontrollen fand ich gut ausgearbeitet. Auch die Telefonate mit seiner Mutter fand ich authentisch erzählt. Die Lesenden erhalten einen guten Eindruck von ihrer Beziehung. Verloren hat er mich bspw. bei seinen Beschreibungen zu den nächtlichen Flüchten aus seinem Hotel.
Fazit: Kein schlechtes Buch, dass ich aber nicht uneingeschränkt empfehlen kann.
Das Buch hat mich bis zum Ende leider nicht überzeugt. Ich habe mich wirklich bemüht. Leider ohne Erfolg. Ich habe zwischen den einzelnen Personen irgendwie keine Verbindung gespürt, sodass ich selbst auch keine Verbindung aufbauen konnte.
Inhaltlich geht es um Gastarbeiter, Integration in die Gesellschaft, Freundschaft, Familie sowie um Trauer und Verlust.
Am Ende hatte ich das Gefühl, es hat sich nichts verändert. Schade.
... Hochschauen, das Blau des Himmels, wolkenlos, still. Ich werde als Nächstes sterben. Ich bin der nächste Tote. Tod. Das Wort würde ich mir gerne in einem Atem aus dem Mund rupfen. In der Fußgänger Zone führen mir Kinder ein Kunststück vor: Sie rollen Lakritzschnecken auf, trennen sie in der Mitte in zwei lange Streifen, halten einen Streifen an einem Ende und stecken sich das andere Ende in den Mund, sie schlucken und schlucken, bis der Streifen fast zur Gänze in ihrem Mund verschwindet. Dann ziehen sie langsam daran, als würden sie eine Angelschnur aus dem Tümpel ziehen. Ich gebe ihnen eine Handvoll Münzen. Verhasste große Gefühle, verhasstes Unglück. Wo ist mein Vater?
- Zitat, Seite 9
Dieser Roman steht auf der ZEIT Liste der 100 besten Bücher aus dem Jahr 2025. Der Autor Feridun Zaimoglu, geboren 1964, wohnhaft in Kiel, ist bereits mehrfach für sein Schreiben ausgezeichnet worden. Der Sonderausgabe entnehmen wir, dass auch der Schriftsteller selbst den Verlust seines Vaters in der im Buch beschriebenen Zeit zu beklagen hatte. Autofiktionales Schreiben ist schon seit längerem Trend in der Gegenwartsliteratur, aber was will uns diese Geschichte über das persönliche Erinnern hinaus mitgeben?
"Mein Herz vereist vor Entsetzen."
So beschreibt uns der Ich-Erzähler seine Reaktion auf den Ruf seiner Mutter aus der Heimat der Eltern, ihr nun nach dem Tod des Vaters beizustehen. Aber geht es bei diesem Gefühl, um die Ohnmacht ob des Unvermögens, den schnellsten Weg zu wählen und mit dem Flugzeug in die Türkei zu reisen? Oder umfasst diese Reaktion auch den unmittelbaren Verlust eines geliebten Menschen? Oder macht es die eisige Hand der Vorahnung sichtbar, dass man für den Sensenmann nun in der nächsten Reihe steht?
Es erscheint unmöglich, in dieser Erzählung einen wirklichen Schwerpunkt festzulegen. Da ist einmal der sprachbegabte Vater, für den die Attribute Ehre und Eleganz unabdingbar sind, auch wenn die fremde Umgebung und die andersartige Kultur die Auslebung dieser Prinzipien nicht leicht machen. Aber als Andenken an ein ganzes Leben, bleibt die Geschichte zu fragmentarisch. Aber auch als ungewöhnlicher Reisebericht über den Landweg von Deutschland bis in die Türkei bleibt die Geschichte zu schemenhaft, und speist den Lesenden mit einigen, manchmal auch sonderbaren, Anekdoten ab. Vielleicht sollte dieser fragmentarische Bericht, die ambivaltente Zeit der ersten Tauer abbilden, aber vielleicht wäre hier ein persönlicherer Essay pointierter und zugänglicher gewesen.
Vielleicht ist das vage Gefühl, welches den Lesenden beschleicht, vom Autoren beabsichtigt, aber es versagt leider weitestgehend den Genuss der Lektüre.
FAZIT
Mütter haben eben fast immer Recht. Als ich meine Irritation darüber kundtat, dass es im Buch so wenig um die Geschichte des Vaters gehe, meinte meine Mama weise: "Der Titel lautet ja auch "Sohn ohne Vater", daher muss der Fokus auf dem Sohn liegen."
Daher liegt es vermutlich an meinen falschen Erwartungen, dass mir das Buch, trotz der eleganten Sprache, weniger gefiel. Und eine Sache ist mir auch noch aufgefallen: was hat der Erzähler für ein Ding mit Haaren? - Sehr seltsam.
Eingeschränkt empfehlenswert.
Der Vater ist im hohen Alter gestorben. Nun begibt sich der Sohn in Begleitung eines Freundes auf die Reise mit dem Auto in die Türkei um Abschied zu nehmen. Eindrücklich beschreibt Feridun Zaimoglu die Reise in der der Protagonist immer wieder in Erinnerungen aus seinem Leben mit dem Vater und der Familie verfällt. Die Eltern sind in den 60er Jahren als "Gastarbeiter" nach Deutschland gekommen, die Geschichte ist durchwirkt von dem verlangen in der neuen Heimat anzukommen sich anzupassen und dennoch einen Weg zu finden an den Traditionen der Herkunft festzuhalten. Zuweilen macht der Protagonist den Eindruck ein Wanderer zwischen den Welten zu sein. Melancholisch und poetisch geschrieben, durchaus lesenswert!
Der Vater des Autors stirbt in der Türkei und wird dort, gemäß der muslimischen Regeln, innerhalb kurzer Zeit bestattet.
Der Autor, in Deutschland lebend, möchte schnellstmöglich zum Grab seines Vaters aber auch zu seiner trauernden Mutter in die Türkei reisen., leidet aber unter Flugangst.
Gemeinsam mit seinen Freunden mietet er ein Wohnmobil und macht sich auf die lange Fahrt von Deutschland in die Türkei.
"Sohn ohne Vater" handelt von dieser Reise und von der Trauer um den Vater. In Rückblicken erfahren wir mehr über das Leben der Familie und vor allem vom Vater, der in den 60er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kam.
Leider habe ich keinen Zugang gefunden. Es gab ein paar Szenen (wie zum Beispiel über die Zeit des Autors als Gastarbeiterkind im Kinderhort oder die Schikanen, die die Mutter als Verkäuferin erleben musste), da öffnete sich für mich kurz ein Fenster zur Welt des Autors. Aber den Großteil der Dialoge fand ich so schwierig nachvollziehbar und verwirrend und oftmals auch sehr pathetisch, so dass ich das Buch am Ende eher ratlos zugeschlagen habe.
Der Erzähler wird von seiner Mutter aus der Türkei kontaktiert, die ihm mitteilt, dass der Vater verstorben ist. Dies wirft ihn ziemlich aus der Bahn und er beschließt sehr schnell, dass er hin muss, um sich am Grab vom Vater zu verabschieden. Seine Flugangst zwingt ihn jedoch die Reise in Form eines Roadtrips anzutreten. Während der Reise hat er Zeit, sich mit dem Verlust und mit seinen Erinnerungen auseinander zu setzen.
Diesem Roman konnte ich so gut wie gar nichts abgewinnen. Was sich nach einer emotionalen und tiefgründigen Geschichte anhörte, hat sich für mich als kaum anrührend und vor allem wenig nachvollziehbar entpuppt. Häufig löste der Text bei mir gehobene Augenbrauen und Kopfschütteln aus, anstatt emphatische Gefühle auf Grund der Thematik.
Zum Teil liegt es an den kaum nachvollziehbaren Denkweisen des Protagonisten, die viel zu häufig im Lesefluss irritieren. Zum anderen sind die Dialoge, meines Erachtens, fast alle eine Katastrophe. Was die Figuren in dem Roman zueinander sagen wirkt künstlich und überhaupt nicht glaubhaft. Vielleicht wollte der Autor keine Realitätsnähe in den Interaktionen seiner Charaktere? Aber was wollte er dann? Ästhetik? Auch das ist hier, meiner Meinung nach, nicht geglückt.
Lediglich die Erinnerungen an Tage des Erzählers in seinem damaligen Kinder Hort haben mir ganz gut gefallen. Wir sprechen hier aber nur von wenigen Seiten, leider.
Alles in allem ziemlich enttäuschend!
... dann aber wird das Buch eine Liebeserklärung an den Vater. Der Trip in die Türkei, der Umschlag mit der Graberde, die eingestreuten Erinnerungen. Toll!
Ein Buch, welches wirklich schwer zu beschreiben ist. Die Geschichte und die Akteure sind aufgeladen mit Trauer, Nachdenklichkeit und Verzweiflung. Es ließt sich trotzdem sehr flüssig, weil sehr interessant und bildhaft geschrieben wird. Die Idee der Handlung erscheint wenig originell, aber die Beschreibung der Gefühle, der Menschen und der Umgebung machen es trotzdem extrem atmosphärisch. Es lässt einen etwas nachdenklich zurück und man weiß nicht so wirklich was man da gerade gelesen hat.
Durchaus zu empfehlen!
Wenn ein geliebter Mensch stirbt, muss jedem überlassen sein, wie er den Weg der Trauer geht. Feridun Zaimoglu ist den Weg einmal quer durch Europa gefahren, als sein Vater hochbetagt aus dem Leben scheidet. Seine Trauer ist tief, und er lässt uns dabei sein und zurückschauen auf das, was war.
Als die Mutter den Ich-Erzähler anruft, der starke Parallelen zum Autor hat, und ihm sagt, dass sein Vater nicht mehr ist, wird sehr schnell klar wie sehr ihn das mitnimmt. In der Türkei werden die Toten sehr schnell beerdigt und so wird er es zum Begräbnis nicht mehr schaffen. Aber er reist mit seinen beiden Freunden Aras und Tan in einem Wohnmobil über Serbien und Bulgarien, sowie Griechenland in die Türkei.
Während die beiden alles für ihn regeln, wirft er Blicke zurück, und wir erfahren nicht nur, wie die Familie als Gastarbeiter in Deutschland gelebt hat, welche Hürden sie nehmen musste und wie sie es geschafft haben, ihren Kindern viel mit auf den Weg zu geben, sondern wir werfen auch einen Blick auf die Beziehungen. Was macht einen Sohn aus? Welche Bindungen machen den Vater zu einem „Role Model“ und was bleibt, wenn man kein Sohn mehr ist, weil der Vater nicht mehr lebt?
Die Reise gestaltet sich nicht immer einfach, was unter anderem an einem farbkopierten Fahrzeugschein liegt. Mit Voranschreiten der Geschichte rückt die Mutter immer mehr in den Fokus. Sie ist nicht nur der Elternteil, der übrig bleibt, auch als Geschichtenerzählerinnen hat sie eine wichtige Rolle.
Ich habe vorher noch nichts von Zaimoglu gelesen und kann feststellen, dass es schon eine besondere Erfahrung ist sich in seinen Text zu vertiefen. Er erzählt Geschichten und spart nicht an Details. Dabei sind sie anspruchsvoll und literarisch moduliert. Mir fiel es nicht immer leicht, jedem Gedanken mit hoher Motivation zu folgen. Die Trauer und Melancholie, die über dem Roman liegt machte sich beim Lesen auch in meiner Brust breit. Ich musste ein ums andere Mal damit kämpfen, nach dem Buch zu greifen. Wenn ich mir Stellen laut vorgelesen hab, erschloss sich mir die Lyrik in der Art seines Schreibens auf andere Art und Weise. Auf einmal bekam ich Zugang, und es fühlte sich richtig gehend gut an. Die Sätze sind dann wunderschön, aber eben auch ohne jede Leichtigkeit. Eine Sprache zwischen Schwere und Poesie.
Wenn ihr das mögt, dann ist dieses Buch eine tolle Erfahrung, wenn nicht sogar eine Offenbarung. Es braucht aber Zeit und kann nicht mal eben weggelesen werden.