15. Jan.
Rating:4

Das Thema "Umgang mit Isreal" ist aktueller denn je, angesichts der Eskalation nach dem Anschlag der Hamas auf Israel und Israels Angriffe auf Gaza als Antwort darauf. Natürlich bekomme ich mit was aktuell passiert, ich bin aber bei weitem keine Expertin und habe mich ehrlich gesagt nur wenig mit der politischen Geschichte Isreals und des Nahen Ostens auseinandergesetzt. Genau deswegen wollte ich ein reflektiertes Buch darüber lesen. Meron Mendel liefert dies meiner Meinung nach sehr gut. Er berichtet von seinen eigenen Erfahrungen. Er zeigt, dass es hier kein schlichtes und absolutes Gut und Böse gibt. Er zeigt, dass man sich als Deutsche solidarisch mit Juden zeigen und verantwortlich für Israel fühlen kann (und sollte), aber die Entscheidungen und Aktionen der Regierung nicht blind gutheißen muss (und sollte). Ich habe aus diesem Buch viel mitgenommen. Aufgrund der Länge bietet es natürlich nur eine Einordnung und keine ausführliche Analyse oder historische Ausführung.

Über Israel reden
Über Israel redenby Meron MendelKiepenheuer & Witsch
1. Jan.
Rating:4.5

Mendels Werk versucht in tragisch-komplexen Zeiten, einen Beitrag für einen Empathie befördenden Diskurs im Nahostkonflikt zu leisten. So diffus die spezifisch deutsche Debatte auch sein mag, umso einladender ist diese Abhandlung, sich verstärkter mit jüdischen und palästinensischen Lebensrealitäten und Perspektiven auseinanderzusetzen.

„Es bleibt eine dauerhafte Herausforderung, der Komplexität der Geschichte und ihren Konsequenzen für die Gegenwart gerecht zu werden. Empathie entsteht nicht per Ranking, indem man die Leichen von Auschwitz gegen die Leichen in der Omaheke Wüste aufrechnet. Das Leiden anderer Gruppen oder Individuen und das Gedenken an sie wird durch die Erinnerung an den Holocaust nicht berührt.“ (Mendel 2023, S. 179f.) Meron Mendel umreißt in seiner Abhandlung „Über Israel reden. Eine deutsche Debatte“ im Prinzip genau das, was der Titel schon aussagt. Er analysiert das schwierige Verhältnis des öffentlichen, deutschen Diskurses auf einen Konflikt, der so vielschichtig und komplex ist, dass er öfter absolut einvernehmend, emotional und eher identitätsstiftend geführt wird. Exemplarisch zeichnet Mendel zunächst die Entstehung des (west)deutschen Blicks auf Israel nach, bezieht sich auf Ereignisse wie den Sechstagekrieg in 1967 (den er als Zäsur in der öffentlich-gesellschaftlichen Meinung identifiziert) und den Golfkrieg in 1990/91 sowie Äußerungen in der Öffentlichkeit stehender Personen in Deutschland. Anschließend geht er auf aktuellere Ereignisse (bspw. documenta fifteen, Bundestagsbeschlüsse zu BDS, Historiker*innenstreits) ein, in denen die Festgefahrenheit gesellschaftlicher (auch linker) Diskurse in Deutschland, die er letztendlich in die Darlegung überführt, wie die verhärteten Fronten derzeit „diskutieren“. Die Spezifik insbesondere einer deutschen Debatte ist begründet auf einer Verwobenheit der Staatsgründung Israels mit der deutschen Geschichte des Nationalsozialismus. Mendel konstatiert selbst, dass die deutsche Debatte und die Spaltung der deutschen Linken zwischen „antideutschen Israelfreunden“ und „linksradikalen Israelfeinden“ (Bezeichnungen entnommen von Martin Kloke) in linken Gruppierungen anderer westlich geprägter Länder „mit Verwunderung aufgenommen“ werde, da sich linker Diskurs seit den 1960ern in einer stark antiimperialistischen Art ausdrückte (vgl. Mendel 2023, S. 115). Mendel setzt sich gleichermaßen mit Narrativen, Vorurteilen und Vorwürfen (an die jeweils andere Seite) antiimperialistischer, palästinasolidarischer wie auch antideutscher, israelsolidarischer Gruppierungen auseinander und legt dar, worin seiner Meinung nach das Problem der Festgefahrenheit und des nicht zustande kommenden Diskurses für eine mögliche, natürlich schwierig zu führende, aber friedliche Lösungsfindung liegt. Dabei mischen sich unter die analytischen Passagen private Erlebnisse, bspw. als Soldat in Hebron, als Student in Haifa oder München oder aber auch sein Kontakt mit linken Gruppen in Deutschland, um seiner Analyse auch eine persönliche Note zu verleihen. Besonders ist dem Autor anzurechnen, dass er sich im Buch auch mit Vorwürfen, die sich an ihn und seine Person richten, auseinandersetzt und diese Auseinandersetzungen in seine Argumentationsstruktur einfließen lässt. „Es ist richtig, dass man sich gegen Antisemitismus und Rassismus positionieren sollte – aber wenn gegenseitige Anschuldigungen zur Folge haben, dass man überhaupt nicht miteinander spricht, ist keinem geholfen.“ (Mendel 2023, S. 138) Mendel plädiert für einen beidseitig Empathie fördernden Diskurs - ohne Verharmlosung und Leugnung der Shoah, ohne grassierenden Antisemitismus auf der einen Seite und ohne Ignoranz der Nakba, ohne Verkennen und unsichtbar machen des Leids palästinensischer Familien, ohne rassistische Ressentiments auf der anderen Seite. Und das gelingt ihm, meiner Meinung nach, trotz der sehr dichten und komplexen Darlegung, sehr gut. Das Buch hat mir den Anlass dazu gegeben, mich noch mehr mit der Thematik auseinanderzusetzen, mehr jüdische und palästinensische Lebensrealitäten anzuschauen. Das Werk trägt eine tragische Aktualität mit sich, trägt aber auch zur Entmystifizierung bei. Es will vermitteln und ich nehme das gern als Anlass, weitere Literatur diesbezüglich zu lesen.

Über Israel reden
Über Israel redenby Meron MendelKiepenheuer & Witsch
1. Okt.
Rating:5

Verständlich geschrieben, erfordert aber Konzentration.

Das Buch regt dazu an, eingetrichterte und für selbstverständlich erachtete Meinungen zu hinterfragen. Anschaulich beschreibt der Autor das hochpolitische und sehr sensible Thema "Haltung zu Israel" und seine Sicht und Erlebnisse bzgl. Judentum, Islam und Politik. Es erfordert Konzentration beim Lesen und Verständnis des ein oder anderen Fachvokabulars-aber das kann man ja googeln. Eine Bereicherung für die Allgemeinbildung und Mutmacher für eine eigene Meinungsbildung.

Über Israel reden
Über Israel redenby Meron MendelKiepenheuer & Witsch
9. Juli
Rating:4

Meron Mendel fasst die Geschichte der (bundes)deutschen Debatte über Israel und den Nahostkonflikt prägnant zusammen, von der RAF über den ersten Historikerstreit (Habermas vs Nolde), die Friedensbewegung bis hin zu Ruhrbarone und Documenta 15. Es wird schnell klar, dass keine Seite auch auf Mendels Solidarität verlassen kann. Ausgewogen und differenziert bekommen Antideutsche und Anti-Imps gleichermaßen ihr Fett weg. Eine Antwort auf die Frage, WIE wir denn nun "über Israel reden" können, ohne uns auf eine Seite zu schlagen, hat Mendel aber nicht. Er kommt selbst zu dem Schluss, dass die Gräben in der deutschen Debatte aktuell zu tief, zu unüberwindbar scheinen, als das da Anlass zur Hoffnung wäre.

Über Israel reden
Über Israel redenby Meron MendelKiepenheuer & Witsch