6. Apr.
Rating:3

Was habe ich hier gelesen?!

Die Beschreibung „Anarchistisches Sprachereignis“ trifft es ganz gut. Die Erzählerin ist äußerst unzuverlässig und springt ständig von Ereignis zu Ereignis, die Zusammenhänge oder Hintergründe werden zum Teil erst später oder gar nicht erklärt. Verstanden habe ich, dass es um die Identitätsfindung einer jungen Frau geht, die für einschneidende Lebensereignisse einen Umgang finden muss. Bei einigen Kapiteln hoffe ich allerdings sehr, dass ich sie falsch verstanden habe oder die Erzählerin wirklich extrem unzuverlässig ist. Würde ich das Buch weiterempfehlen? An Personen, die Spaß an Sprache haben - schon, eventuell. Aber an alle, die Freude an Storylines und Spannungsbögen haben - nicht unbedingt…

Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron
Wir wissen, wir könnten, und fallen synchronby Yade Yasemin ÖnderKiepenheuer & Witsch
11. Mai
Rating:4

In ihrem Debütroman »Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron« erzählt Yade Yasemin Önder die Geschichte einer jungen Frau mit multikulturellem Hintergrund, die in der westdeutschen Provinz aufwächst. Nach dem frühen Tod ihres türkischen Vaters kämpft sie mit der problematischen Beziehung zur deutschen Mutter und ihrer eigenen Essstörung. Im Laufe des Romans wird die Protagonistin immer wieder mit schwierigen Situationen konfrontiert, zerbricht ein Stück weit daran und muss lernen, sich neu zu formen und zu finden. Der Geist ihres Vaters begleitet sie dabei – mal tröstlich, mal schauderhaft wie ein Wiedergänger –, während sie sich durch Erinnerungen an Sommer in Istanbul, Familienbesuche und Verluste kämpft. Önders Roman behandelt Themen wie Identität, Herkunft und körperliche Selbstbestimmung, und er erweckt durch seine kühne Erzählweise das Leben und die Emotionen der Ich-Erzählerin zum Leben. Zugegeben: Ich tat mich erst schwer mit diesem Roman, der Leser:innen direkt in einen wahren Wirbelsturm von Bildfragmenten und Sprachexperimenten wirft. Ohne Netz und doppelten Boden – und ohne nennenswerten roten Faden! Die Erzählerin widerspricht sich, zerpflückt Erinnerungen und Gegebenheiten und setzt sie immer wieder neu zusammen. Wie ist zum Beispiel der Vater gestorben? Hatte er einen grauenhaften Unfall mit der Kettensäge, ist er ertrunken? Doch irgendwann entfaltete der Roman eine ungeheure Sogwirkung, und ich gewann ein Gespür dafür, dass die Wiederholungen der verschiedenen Schlüsselelemente durchaus einen Sinn ergeben. Sie kamen mir letztlich vor wie Kamerafilter, die verschiedene Aspekte der Wahrheit klarer herausstellen, indem sie Lesende zwingen, ihre Wahrnehmung und Interpretation der Handlung zu hinterfragen. Wie der Klappentext schon verrät, ist das Buch ein furioser Zyklus von Verlieren und Wiederfinden, Zerfallen und Wiederzusammensetzen, und die Erzählerin manifestiert das in Bulimie, One-Night-Stands und einer toxischen Beziehung zur Mutter – und zu sich selbst. Die Sprache ist zutiefst originell und intensiv, findet ungewöhnliche Bilder, springt durch Zeit und Raum und driftet oft ab ins Absurde. Das ist wahnsinnig virtuos und das Lesen macht Spaß, auch wenn die Geschichte durchaus schwierige, herausfordernden^ Themen anspricht. In einem Moment ist eine Szene noch vollkommen realistisch, im nächsten gleitet sie ab ins humoristisch Surreale. Da kann dir schon mal der Kopf schwirren, und manchmal war mir das auch einfach zu viel. Doch wenn ich jetzt zurückblicke auf den Roman, dann weiß ich das Spiel mit Sprache und persönlichen Assoziationen sehr zu schätzen. Habe ich alles verstanden? Himmel, nein, aber das ist meines Erachtens auch nicht das Ziel. Die Erzählerin ist sicher nicht ohne Grund so unzuverlässig, wie eine Erzählerin nur sein kann; sie wirft die Leser:innen zurück auf ihre eigenen Ansichten. Schau, schau und hinterfrag. Und darin ist der Roman grandios.

Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron
Wir wissen, wir könnten, und fallen synchronby Yade Yasemin ÖnderKiepenheuer & Witsch
23. Sept.
Rating:2

Die namenlose Protagonistin wird im Jahr nach Tschernobyl geboren, der Vater Türke, die Mutter Deutsche. Zu Beginn ist noch alles gut, doch dann stirbt der Vater bei einem Sägeunfall, das Verhältnis zur Mutter wird immer schwieriger und auch in der Schule findet sie keinen Anschluss. Nach und nach gewinnt sie zwar vier Freundinnen, aus einer Zweckgemeinschaft heraus, aber auch eine hartnäckige Essstörung und eine lange Liste von Ex-Liebhabern. Ihren Roman erzählt Yade Yasemin Önders Hauptfigur aus der Ich-Perspektive, wobei sie immer wieder durch die Zeiten springt, von der Geburt und Kindheit, zur Jugend, den ersten sexuellen Erfahrungen bis hin zur psychiatrischen Klinik, in der sie sich als Erwachsene befindet. Sprachlich gesehen sprengt sie dabei alle Grenzen, zerfasert Wörter und Sätze und setzt sie so lange neu zusammen, bis die Realität nicht mehr von der Imagination zu unterscheiden ist. Sprachexperimente haben durchaus etwas für sich und es ist sicherlich hochinteressant, wenn die Autorin ein Kapitel in Varianten immer wieder neu erzählt, mal in Dopplungen, in Verneinungen oder in extremst genauen Angaben. Darüber hinaus muss ein Text für mich aber auch Substanz haben, eine Handlung, charakterisierte Figuren und einen gewissen roten Faden, auch dann, wenn die Reihenfolge der Ereignisse nicht stringent ist. Das alles fehlt mir in diesem Roman aber komplett. In einer anderen Rezension habe ich gelesen, am Ende füge sich alles zusammen: für mich war das leider nicht der Fall. Ja, es geht um die klassisch modernen Themen: Identität, Rassismus, Mental Health und Sex, aber das ist manchmal auch einfach nicht genug. Für mich reicht es nicht aus, darzustellen, wie versiert man mit Sprache spielen kann, wenn sie dann eben nicht genutzt wird. Es genügt mir nicht, pausenlos über irgendwelche Ausscheidungen, Geschlechtsteile oder sexuelle Handlungen zu lesen. Es reicht nicht, wenn die Protagonistin sich mit ihrer personifizierten Bulimie unterhält. Das mag zwar alles sehr weltoffen und locker wirken, wurde aber eben von so vielen Autor*innen vorher auch schon gemacht – und das leider viel besser.

Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron
Wir wissen, wir könnten, und fallen synchronby Yade Yasemin ÖnderKiepenheuer & Witsch