12. Jan.
Rating:4

Einfach beeindruckend

Ich habe "Was vor uns liegt" von Alba de Céspedes mit großem Interesse gelesen, weil mich Geschichten über Frauenleben und Selbstbestimmung in historischen Kontexten besonders ansprechen. Der Roman spielt 1934 im Rom des aufkommenden Faschismus und begleitet acht junge Frauen, die im Grimaldi‑Konvikt studieren und miteinander Freundschaft, Hoffnungen und Zweifel teilen. Jede der Protagonistinnen hat eigene Träume von Bildung, Unabhängigkeit und einem Leben jenseits der engen gesellschaftlichen Erwartungen, doch gleichzeitig trägt jede auch Geheimnisse und Widersprüche in sich. Besonders gefallen hat mir, wie differenziert die Autorin die Lebensentwürfe der Frauen darstellt. Die Figuren wirken vielschichtig, ihre Hoffnungen, Ängste und inneren Konflikte sind nachvollziehbar und bleiben glaubwürdig. Die Erzählung ist kein klassischer Plot mit klaren Höhepunkten, sondern ein vielstimmiges Porträt, das Freundschaft, Selbstzweifel und gesellschaftliche Zwänge in den Vordergrund stellt. Diese leisen, innerlichen Konflikte haben mich oft nachdenken lassen, weil sie auch heute noch relevant wirken. Die Schreibweise ist ruhig sowie beobachtend und die verschiedenen Perspektiven geben einen guten Einblick in die Vielfalt weiblicher Lebenswege unter restriktiven äußeren Bedingungen. Ich habe besonders geschätzt, wie die Autorin den Blick auf die individuellen Wünsche und Zwänge jeder Frau richtet und so ein lebendiges Gesamtbild der Zeit vermittelt. Einige Aspekte haben mir jedoch nicht ganz so gut gefallen. Die Erzählung ist stellenweise sehr detailreich und manche Handlungsstränge bleiben länger unklar, sodass der Lesefluss manchmal gehemmt wird. Auch hätten mir einige Figuren noch klarere innere Orientierungspunkte gewünscht, um ihre Entscheidungen und Entwicklungen noch intensiver nachvollziehen zu können. Zum Ende hin hätte ich mir außerdem etwas mehr Kontrast oder eine deutlicher spürbare Richtung gewünscht, statt des offenen Nachklingens der einzelnen Geschichten. Insgesamt ist "Was vor uns liegt" für mich ein anspruchsvoller und reflektierter Roman, der seine Stärke in der Vielstimmigkeit und im genauen Blick auf persönliche und gesellschaftliche Konflikte hat. Ich habe beim Lesen viel über die historischen Möglichkeiten und Grenzen weiblicher Selbstbestimmung gelernt und immer wieder über einzelne Szenen nachgedacht. Für Leserinnen und Leser, die Literatur mögen, die nachdenklich macht und feine Zwischentöne zeigt, ist dieses Buch auf jeden Fall lohnenswert.

Was vor uns liegt
Was vor uns liegtby Alba de de CéspedesInsel Verlag
29. Dez.
Rating:5

Ich bin so oft so dankbar das ich in einer Zeit leben darf wo Frauen in vielen Regionen der Welt selbstbestimmt handeln und leben dürfen. Aber das war nicht immer so. Es ist unglaublich spannend Lektüren zu lesen über Frauen von früher! Über ihre Ängste, Träume und den Mut etwas zu ändern! Wir schreiben das Jahr 1934, acht junge Frauen leben zusammen in einem Wohnheim. Sie sind sich gleich und doch auf unterschiedliche Weise verschieden. Und alle tragen ein Geheimnis in sich das nicht ans Tageslicht komme soll! Eine wirklich berührende und tiefgründige Geschichte. Ich habe mich sofort einfühlen können und die Geschichte sehr berührt verfolgt. Ich finde es einfach toll wie die verschiedenen Charaktere im Buch dargestellt und begleitet werden! Denn genau so ist doch das Leben! Wir alle haben Träume, Ängste und eben auch Geheimnisse die für immer verborgen bleiben sollen! Gerade das Geheimnis um das uneheliche Kind nimmt viel Raum im Buch ein was mir aber sehr gut gefallen hat. Das Buch ist sehr ausführlich geschrieben, was mich jedoch nur bestärkt hat! Lebensschicksale kann man eben nicht einfach so abvespern! Für mich ein wirklich gelungenes Buch, die Autorin hat eine tolle Schreibweise die mich sehr fasziniert und berührt hat! Ich hoffe die Geschichte wird mich viele Menschen begleiten!

Was vor uns liegt
Was vor uns liegtby Alba de de CéspedesInsel Verlag
10. Dez.
Rating:3

Verschiedene Frauen Portraits im Italien in den 1930er Jahren

"Was vor uns liegt" zeichnet die Portraits von acht jungen Frauen, die im Rom in den 1930er Jahren studieren. Dabei wohnen sie im Kloster Grimaldi unter der strengen Aufsicht der Nonnen. Jede von ihnen trägt dabei ein kleines oder großes Geheimnis in sich und versucht dieses vor den Freundinnen geheim zu halten und ihr Studium gleichzeitig erfolgreich zu beenden. Den Schreibstil fand ich teilweise etwas gewöhnungsbedürftig, als ich nach dem Beenden des Buches allerdings erfahren habe, dass das Buch ursprünglich aus dem Jahr 1938 stammt, hat sich mir dieser besser erschlossen. Genauso wie die Aufteilung des Buches, denn die 380 Seiten sind in nur 4 Kapitel aufgeteilt. Dies hat mich teilweise gestört, da die Perspektiven deutlich öfter wechseln und dies nur durch kleine Absätze gekennzeichnet war. Außerdem gab es immer wieder Zeitsprünge. So viel mir die Orientierung teilweise schwer, weil ich die Perspektive und die Zeit manchmal nicht direkt erkannt habe und erstmal eine halbe Seite in dieser Perspektive gebraucht habe, um reinzufinden. Dagegen fand ich die Charakterzeichnung sehr gelungen, alle Freundinnen wirkten sehr real und unterschieden sich auch sehr voneinander, dennoch erschien es mir sehr glaubhaft, dass sie alle miteinander befreundet sind. Alles in allem war es ein gelungenes Buch, dass ich allen empfehlen könnte, die historische Romane mögen und die kein Problem mit häufig wechselnden Perspektiven hat.

Was vor uns liegt
Was vor uns liegtby Alba de de CéspedesInsel Verlag
2. Dez.
Rating:4

Auf der Suche nach dem Platz im Leben

Acht junge Frauen leben in Rom in einem Convent, das von Nonnen geführt wird.  Die Gründe warum die Frauen dort leben und studieren sind sehr unterschiedlich.  Doch eines haben sie gemeinsam,  sie  sind auf der Suche nach ihrem Platz im Leben und werden dabei  von ihren Ängsten, Träumen und Geheimnissen beeinflusst. Das Buch bildet nur eine kurze Zeitspanne aus dem Leben der Frauen ab, die aber richtungsweisend scheint. Ich habe den Schreibstil als distanziert empfunden und ich finde er passt gut zu der damaligen Zeit.  Dadurch war ich mehr eine Betrachterin von aussen, was den Lesegenuss aber nicht beeinträchtigt hat. Mich wundert nicht,  dass dieser Roman sofort nach seinem Erscheinen 1938 zensiert wurde.  Entspricht die Geschichte doch so gar nicht dem gewünschten Frauenbild von damals. Das Cover passt sehr gut zu der Zeit in der die Geschichte spielt.

Was vor uns liegt
Was vor uns liegtby Alba de de CéspedesInsel Verlag
28. Nov.
Rating:4

Ein zensierter Roman? Ein Roman gegen das Zensieren, gegen das Verstummen - in acht beeindruckenden kämpferisch-literarischen Variationen.

Alba de Cépendes gehört für mich zu den literarisch faszinierendsten Wiederentdeckungen des 20. Jahrhunderts. Hier nimmt sie gleich acht Versuche des feministischen Widerstands unter die Lupe - und gibt gleichsam jenseits wie diesseits den neunten Versuch mit: allyship. Allies gegen patriarchale Machtstrukturen in Familie, Schule, Staat und Kirche. Empowernd, widerständig und empathisch. Literarisch ein Lese-Vergnügen!

Was vor uns liegt
Was vor uns liegtby Alba de de CéspedesInsel Verlag