Intensiv und bewegend
Casablanca, frühe 90er Jahre. Sarah, Französin, 15 und wunderhübsch aber bettelarm, träumt von einem Leben abseits der Armenviertel. Driss, Marokkaner, hässlich und unsicher, aber aus einer der reichsten Familien stammend wird zum Ziel ihrer Pläne … Lange wusste ich in diesem Roman nicht, wie die im Klappentext erwähnte Liebesgeschichte zwischen Sarah und Driss entstehen sollte. Dazu ist der Roman mit seinen gerade einmal 200 Seiten doch eigentlich viel zu kurz, denn natürlich ist es keine Liebe, die Sarah Driss ins Visier nehmen lässt. Es ist die bittere Armut und die Aussichtslosigkeit ihrer Zukunft, die das junge Mädchen dazu bringt, ihr Aussehen und ihren Körper dazu einzusetzen, ihre Lage zu verbessern. Man neigt schnell dazu, darüber zu urteilen, dass sie sich von Dealer Yaya in die besseren Kreise einschleusen lässt … bis einem dann mit einem Schlag auffällt, dass es nicht teure Geschenke sind, die Sarah sich von Driss wünscht - sondern Essen. Driss hingegen lässt sich erst schwer einschätzen, schwer greifen, mit seinem unattraktiven Äusseren und den nervösen Ticks, dem Schweigen, der Unsicherheit. Sarah ist das erste Mädchen, dass ihn küsst und er weiß natürlich, dass ihn das etwas kostet. Aber dann ist sie tatsächlich irgendwann da, die Liebe, schleicht sich klammheimlich ein, durch die gemeinsam verbrachte Zeit, das einvernehmliche Schweigen, durch Driss‘ Verständnis für Sarahs Armut. Nur ob diese Liebe auch eine Chance hat, steht auf einem anderen Blatt … Ganz große Erzählkunst ist das, was Abigail Assor da zu Papier gebracht hat! Eine Geschichte so reich an Bildern - man fühlt, riecht und schmeckt ihr Casablanca nahezu - und Figuren, die sie emotional nahebringt, erstaunlicherweise gerade durch eine zurückgenommene, ja manchmal fast nüchterne Schreibweise. Ein großartiger, intensiver Roman, den manche so nicht auf vier- oder fünfhundert Seiten hinbekommen würden.







