22. Mai
Rating:4

In ihren drei Büchern um die samische Geschichte und ihre Auswirkungen auf die Gegenwart beleuchtet die Autorin in jedem ihrer Bände andere Aspekte. In Band 1 ging es um die heutige Gesellschaft und die Diskriminierung in Schweden. In Band 2 um die Vergangenheit, die Umerziehungsschulen in die samische Kinder gezwungen wurden. In Band 3 schließt sich der Kreis. Beide Themen werden zusammen gebracht. Was bedeutet es für die heutige Sami Generation wenn sie von einem Teil ihrer Kultur abgeschnitten wurden? Welche Auswirkungen haben die kulturellen Brüche, die durch viele Familien gezogen wurden. Dabei geht es vor allem um die Zeit zwischen 1970er Jahren und den 90ern. Für Marina, ist Samisch eine fremde Sprache, sie kann dadurch auch einen Teil ihrer Verwandten nicht richtig verstehen. Das Trauma ihrer Familie hat auch Auswirkungen auf ihr Leben im Jetzt. Vieles bleibt unausgesprochen, unerzählt, weil damit Schmerz und Leid verbunden ist. Gleichzeitig fühlt sie sich von ihrer Familie immer wieder ausgeschlossen, während ein anderer Teil der Verwandtschaft sich ganz und gar der Religion verschrieben hat. Marina spürt immer wieder, das sie einen Zugang zu diesem Verlorenen finden möchte. Sie weiß nur nicht richtig wie, weil sie oft nicht weiß, welche Fragen sie eigentlich stellen sollte um überhaupt Antworten zu bekommen. Richtig lösen kann sie sich von allem nicht. Erst als sie beginnt, die Stille nicht mehr einfach hin zu nehmen, scheint eine Weiterentwicklung möglich. Manchmal hätte ich mir gewünscht, nicht so viele Namen schnell wieder zu vergessen, da ich gerne Verbindungen zu Band 1 und 2 noch frischer im Gedächtnis gehabt hätte. Manches mal fehlten mir auch mehr Hintergründe, etwa über die 90er in Schweden und ob sich damals in der samischen Community viel änderte. Ich kann die Reihe im gesamten wirklich sehr empfehlen. Die Reihenfolge ist dabei ein bisschen egal, wer also jetzt erst einsteigt, kann ohne weiteres Vorwissen auch die anderen Bände lesen.

Die Rückkehr der Rentiere
Die Rückkehr der Rentiereby Ann-Helén LaestadiusHoffmann und Campe
25. Jan.
Rating:4.5

Tiefe Einblicke in die zerstörende Kraft von Glaubensgemeinschaften

Wenn Staat und Kirche an einem Strang ziehen und gemeinsam das kulturelle Erbe eines Volkes durch Verbote zerstören, dann hat das für viele Generationen Folgen, die oft schmerzhaft sind und nicht selten in sozialem Abstieg, Krankheit oder Sucht münden. So ist es den Samen im Norden Europas ergangen und hält auch weiter an, indem zum Beispiel ihre Stadt „Kiruna“ nach und nach dem Bergbau weichen muss Ann Hélén Laestadius hat mit ihren Romanen ihrem Volk und ihrer Herkunft eine Stimme gegeben, die mich jetzt nun schon zum 3. Mal gefangen genommen hat Marina hat etwas Unverzeihliches getan und sich so den Zorn, eines Großteils ihrer Familie, Freunden und Bekannten zugezogen. Die kurzzeitige Flucht nach Stockholm hat ihr nichts gebracht und so zieht sie 1998 zurück nach Kiruna. Ihr Schweigen trifft auf das Schweigen ihrer Familie. Ihre samischen Wurzeln drohen abzusterben, denn ihre Mutter schämt sich für die Herkunft. Nur ihre Großeltern leben die Traditionen zum Teil noch und sprechen die Sprache, die Marina fehlt. In Rückblicken, die Ende der 70er beginnen begreifen wir nach und nach welchen Einflüssen Marinas Familie ausgesetzt war und warum sich besonders ihre Mutter dafür entschieden hat, die Fürsorge für ihre Kinder zu ersticken und sich stärkeren Persönlichkeiten anzupassen. Gelungen finde ich das die Geschichte der Mutter einen Bezug zu Laestadius Roman „Die Zeit im Sommerlicht“ hat. Großen Einfluss auf Marinas Familie hat Sture, der Bruder von Marinas Vater, ein Prediger der Laestadianer, einer Erweckungsbewegung, die die Bedeutung der Sünde übersteigert. Es darf nicht gesungen und nicht getanzt werden, jegliches Vergnügen ist gleichzusetzen, mit dem Verderben und Marina, die außerehelich geboren wurde, wird von dem Onkel und seiner Frau schon als Kind mit Höllenvisionen und übergriffigen Aktionen malträtiert. Deren Tochter Eva wiedrum ist mit Marina nicht nur verwandt, sondern sie verstehen sich als Freundinnen, von denen man aber bald merkt, dass das Gleichgewicht gar nicht stimmt und es auch hier nur um Kontrolle geht. So wendet sich Marina Ingela zu, einem lebenslustigen Mädchen, das zwar versucht, Marina auf die helle Seite des Lebens zu ziehen, gleichzeitig aber selber unzuverlässig und unstet ist, und am anderen Ende der emotionalen Bedürfniskette manipuliert. Und dann ist da noch Daniel… Ich könnte euch noch so viel schreiben, um was es hier alles geht aber das würde den Rahmen dieser Rezension tatsächlich sprengen. Aber so viel steht fest: Wir haben es mit einer Protagonistin zu tun, die droht zwischen vielen Mühlsteinen zerrieben zu werden. In diesem Text erleben wir aber auch wie von dieser stummen, gebeugten Gestalt der Wille ausgeht, ein Platz im Leben zu finden, denn in ihrem Herzen ist ein Splitter, von dem sie noch nicht weiß, wie viel Kraft er ihr geben wird. Sehr interessant fand ich die Auseinandersetzung mit dem strengen Korsett, dass die Samen sich selbst durch ihren Zuspruch für die laestadianische Gemeinschaft gegeben haben. Somit hat nicht nur der Staat Schweden jahrhundertelang diesem indigenen Volk die Identität geraubt, indem sie die Sprache verboten, verordnete Umerziehung organisierten und Lizenzen für die Rentierzucht vergaben, sondern die Samen selbst wollten dieser Assimilierung etwas entgegensetzen, indem sie sich in den Glauben flüchteten. Viele haben nicht gemerkt, dass sich das wiedersprach und sind noch heute Teil dieser konservativen Gemeinschaft die mit abfälligem Blick auf ihre Brüder und Schwestern schauen, die die traditionelle Lebensweise wiederbeleben möchten. Dieses leise Beben, die Überzeugung, dass schlechte Dinge, die in ihrem Leben geschahen, eine Strafe waren, kann Marina nicht ganz ablegen. Das Ganze äußert sich dann durchaus bei ihr und ihren Verwandten in psychosomatischen Symptomen. Die Autorin zeichnet sich durch eine sehr ruhige Erzählweise aus, das kannte ich schon aus den beiden anderen Romanen. Dieser scheint etwas stringenter zu sein. Doch auch hier haben wir es mit Passagen zu tun, die sich mehr mit der Beobachtung auseinandersetzen als mit Action und kraftvollen Wendungen. Die Veränderungen passieren eher ganzheitlich und setzen sich wie Puzzlestücke nach und nach aneinander, so dass am Ende ein gut erkennbares Bild der Zusammenhänge erscheint. Das ist diesmal sehr komplex, aber trotzdem leicht zu lesen. Durch die Lektüre habe ich wirklich viel über die Identität des samischen Volkes gelernt, und das, obwohl wir nicht zu den ursprünglichen Traditionen reisen, sondern aus dem Verlust lernen. An der Protagonistin war man sehr nah dran. Nimmt man ihre ganze Persönlichkeit, so versteht man auch, warum sie das ein oder andere Mal vielleicht nicht vernunftgesteuert gehandelt hat. Anzuklagen wären hier die Eltern, die ihre Rolle zwar als Versorger gewissenhaft wahrgenommen haben, sich um die emotionalen Belange ihrer Töchter aber nicht kümmern konnten. Das, was sie Ihnen hätten geben müssen, schenkte insbesondere die Mutter eher anderen Personen. Auch, dass sie sich nicht schützend vor Marina gestellt haben, um keinen Ärger mit dem übergriffigen Onkel zu riskieren ist meinem Empfinden nach unverzeihlich. Sture und seine Frau Helmi haben mit jedem Auftreten brennende Wut bei mir hervorgerufen. Den Glauben als Vorwand für den eigenen moralischen Kompass zu nehmen ist ja in Ordnung, aber diese beiden haben in erster Linie das Leben anderer ins Visier genommen und griffen aktiv in Angelegenheiten ein, die sie nichts angehen. Diese Scheinheiligkeit begegnet uns ja leider auch auf politischer Ebene durch Einmischung von Glaubensgemeinschaften, wenn man sich die evangelikalen Christen in den USA anschaut, um ein Beispiel zu nennen. Der Staat Schweden hat sich für die Diskriminierung des samischen Volkes in Worten und Taten rntschuldigt und man ist um Wiedergutmachung bemüht. Ob Kirche und hier, insbesondere die Gemeinschaft der Laestadianer genauso zu Kreuze kriecht, wage ich zu bezweifeln. Ann-Hélén Laestadius hat für mich die Gabe den Blick auf die Narben der samischen Geschichte zu lenken, damit sie nicht vergessen werden, und sie tut dies bedächtig und mit unglaublicher Intensität Ich empfehle euch die Lektüre ihrer Bücher und lege euch besonders dieses ans Herz, welches mich wirklich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat.

Die Rückkehr der Rentiere
Die Rückkehr der Rentiereby Ann-Helén LaestadiusHoffmann und Campe
21. Jan.
Grosse Leseempfehlung!
Rating:5

Grosse Leseempfehlung!

Mit «Die Rückkehr der Rentiere» ist Ann-Helén Laestadius ein weiterer eindrücklicher Roman über die Unterdrückung der Sami und den psychischen Folgen für die Betroffenen gelungen. Die Geschichte spielt zwischen den 1970er und den 1990er Jahren. Begleitet wird Marina während ihrer Kindheit sowie als junge Frau. Sie ist hin- und hergerissen zwischen ihrer samischen Herkunft mütterlicherseits und dem Idealismus und Fanatismus ihres Onkels und dessen Familie väterlicherseits, einem Laestadianer, die streng nach moralischen und äußerst konservativen Maßstäben leben. Die Geschichte beleuchtet beeindruckend, wie eine Psyche bereits in der Kindheit geschädigt wird, wenn vieles verschwiegen wird, wenn die eigene Herkunft geleugnet werden muss und stets nach den Vorstellungen aussenstehender gehandelt werden muss – aus Angst, wenn aus dem Wunsch nach Zugehörigkeit eine jahrelange freundschaftliche, aber dennoch toxische Beziehung zu einer Mitschülerin entsteht. Marina ist mit bald dreissig Jahren noch immer in ihren Mustern gefangen, fängt aber nach und nach an Fragen zu stellen, zu hinterfragen und so ihren eigenen Weg zu finden. Ihren Lebensweg, der mit ihrer großen Liebe einfacher hätte sein können, aber auch diese Liebe wurde ihr vor ihren Augen weggeschnappt. Laestadius Bücher sind nicht einfach zu lesen, ich brauche dafür immer länger, brauche Zeit um das Gelesene zu verdauen, zu verstehen. Den Schreibstil empfinde ich als eher schwer, jedoch zum Thema passend. Die Autorin versteht es, die jahrelange Unterdrückung der Sámi zu beleuchten, sichtbar zu machen mit Geschichten die tiefgehen, berühren und bewegen. Große Leseempfehlung.

Die Rückkehr der Rentiere
Die Rückkehr der Rentiereby Ann-Helén LaestadiusHoffmann und Campe
8. Jan.
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Rating:5

Mein drittes Buch der Autorin und wieder etwas ganz Besonderes. Der leise Familienroman erzählt von Weitergabe familiärer Traumata, Benachteiligung und Abwertung der indigenen Bevölkerung und Einfluss der sektenartiger Religion der Laestadianer und ihren Einfluss auf die Menschen der Gemeinde. Wie auch die anderen Geschichten besticht die Erzählung durch ihre Charaktertiefe und macht die strukturelle Probleme im Einzelfall spürbar. Im Mittelpunkt steht Marina, obwohl sie Samin ist, spricht sie die Sprache nicht und lernt von klein auf, sich nicht als solche erkennen zu geben. Wer im Leben etwas erreichen will spricht Schwedisch und benimmt sich auch so. Die Familie väterlicherseits gehört zu dem Laestadianer, einer christlichen Vereinigung mit sehr extremen Ansichten und einer starken Fokussierung, Sünden zu enttarnen und auszumerzen. Als sehr sensibles Kind leidet Marina unter der Verteufelung von kleinen Alltagsannehmlichkeiten und Wünsche von Kindern und Teenagern. Auch die Unfähigkeit ihrer Mutter Probleme zu besprechen und Zuneigung zu zeigen, setzen ihr zu. Durch viele Rückblicke tritt das Familienbild und seine tiefen Verletzungen immer deutlicher zu Tage. Dabei gefällt mir besonders wie deutlich die Konflikte in Situationen gezeigt werden, anstatt nur darüber geschrieben wird. Ich kann die innere Zerrissenheit und Heimatlosigkeit von Marina mit jeder Seite stärker spüren, Panikattacken, falsche Freunde und das familiäre Schweigen lassen sie immer einsamer erscheinen. Zum Ende kullern tatsächlich ein paar Tränen und ich bin erleichtert über das hoffnungsfrohen Ende. Empfehlung für Fans von leisen Erzählungen und charakterorientierte Plots über gesellschaftlich brisante Themen.

Die Rückkehr der Rentiere
Die Rückkehr der Rentiereby Ann-Helén LaestadiusHoffmann und Campe
4. Jan.
Rating:4

Eine mitreißenden Erzählung über Familie, Religion, Liebe, Abstammung und das Erwachsenwerden im Norden vom Schweden

Leider habe ich beim dritten Band der Reihe angefangen und muss wohl die ersten beiden noch nachholen. Aber das Buch konnte man auch so gut lesen. Ich habe das Cover gesehen und den Klappentext nicht so ganz genau gelesen, das Buch lachte mich zum zweiten Mal in der Buchhandlung an und irgendwie dachte ich, es könnte mein Weihnachtsbuch werden. Aus dem Kauf, der eher auf Gefühl beruhte, wurde aber kein cozy weihnachtlicher Leseabend. Als Leser spürt man eher gegenteilige Emotionen: erst die Verwirrung über die Familienverhältnisse, die man erstmal durchblicken muss, dann Entsetzen über alles, was Marina zwischen 1978 und 1999 passiert. Mitgefühl, Wut und Hass auf viele Menschen aus Marianas Familie und die schwedische Gesellschaft. Marinas Mutter ist Samin. Ihr Vater kommt aus einer fanatisch religiösen Familie. Und die kleine Marina ist zwischen beiden Welten hin und her gerissen. Sie weiß nicht, was ihre Identität ist, der Scham über die samische Abstammung und die permanente Angst, vor dem zornigen Gott etwas falsches zu tun, tun ihrer Kinderseele nicht gut. Sie entwickelt Panikattacken, die zu dieser Zeit als solches noch keinen Namen haben. Die Tante ist ja auch schon verrückt, da hat sich Marina bestimmt angesteckt weil sie eine Sünde begangen hat. Die Dynamik in beiden Familie ist erschreckend und interessant. Man möchte immer weiter erfahren, was in der Familie passiert ist und wie es mit allen Beteiligten weitergeht. Das Ausmaß an Rassismus, den Samen erfahren müssen, war mir bis dahin gar nicht klar. Ich möchte beide vorherigen Bücher lesen um darüber noch mehr zu erfahren. Die Geschichte hinterlässt nicht das wohlige Gefühl, das ich mir erhofft habe, auch wenn ich das Ende passend und schön finde. Wer sich aber auf eine dramatische Familiengeschichte in der Zeit vor der Jahrtausendwende einlassen kann, wird mit einer mitreißenden Erzählung über Familie, Religion, Liebe, Abstammung und das Erwachsenwerden belohnt, die zum nachdenken anregt.

Die Rückkehr der Rentiere
Die Rückkehr der Rentiereby Ann-Helén LaestadiusHoffmann und Campe
1. Jan.
Rating:2

Hat mir leider nicht gefallen. Der Einstieg war schwierig wegen der Vielzahl an Personen. Später hat sich einiges offenbart, doch ich musste mich nochmal in die samische Kultur einlesen, um den Kontext besser zu verstehen. Auch gab es keine richtigen Dynamiken, sondern ausschließlich peinlich berührte Momente. Der kulturelle Hintergrund war ganz interessant aber mehr hat mir das Buch nicht gegeben

Die Rückkehr der Rentiere
Die Rückkehr der Rentiereby Ann-Helén LaestadiusHoffmann und Campe
29. Nov.

Marina kehrt zurück in ihre Heimatstadt Kiruna. Sie war überstürzt nach Stockholm geflohen und jetzt ist sie wieder da. In Stockholm ist sie nie so richtig angekommen, doch ihre Vergangenheit ist die gleiche wie vor dem Aufbruch. Da gibts ihre heimliche Liebe Daniel, ihre eher kühle Mutter und die Freundin, die sich immer mehr abgewandt hat. Noch dazu die streng gläubige Verwandtschaft, die alles beobachtet und bewertet was Marina betrifft. Ich bin großer Fan der zwei Vorgänger-Romane und musste natürlich auch dieses Buch lesen. Die Erzählweise ist gewohnt ruhig. In verschiedenen Zeitsträngen erfahren wir was damals passiert ist und wie Marina jetzt damit lebt. Von der Kultur und Lebensweise der Samen wird hier eher beiläufig erzählt. Da ist es gut, wenn man ein paar Vorkenntnisse hat. Für mich plätscherte die Geschichte recht lange vor sich hin, bis ich dann endlich in der Geschichte angekommen bin. Ann-Helen Laestadius schreibt toll und das hat sie auch hier wieder bewiesen. Trotzdem fand ich beide Vorgänger stärker. Die Hintergründe kamen hier erst recht spät ans Licht. Ein ruhiges Buch, das auf jeden Fall nachhallt und sich zu lesen lohnt.

Die Rückkehr der Rentiere
Die Rückkehr der Rentiereby Ann-Helén LaestadiusHoffmann und Campe
16. Okt.
Rating:5

Ein wichtiges Buch über die Ungerechtigkeiten, die dem samischen Volk widerfahren sind

Ein Buch über all die Ungerechtigkeiten, die dem samischen Volk widerfahren sind. 
Marina ist samischer Abstammung und wächst in Kiruna auf. Samisch wird nur in geschlossenen Räumen innerhalb der Familie gesprochen – niemand soll erfahren, dass sie eine Sámi ist. In der Öffentlichkeit wird ausschließlich Schwedisch gesprochen. Der Großteil ihrer Familie gehört den Laestadianern an, einer strengen christlichen Gemeinde, der sie sich jedoch nicht zugehörig fühlt. So wächst sie tief gespalten zwischen verschiedenen Welten auf und muss ihren eigenen Weg finden, sich selbst zu definieren. Warum gelingt ihr das nicht so gut wie anderen? Nie ist sie genug! Das Buch spielt auf zwei Zeitebenen, die sich im Verlauf der Handlung miteinander verbinden. Die eine beginnt in Marinas Kindheit und erzählt ihre Geschichte mit all ihren Schwierigkeiten; die andere spielt in der Gegenwart und zeigt ihren Prozess der Selbstfindung. Am Ende verstehen wir Marinas Entwurzelung viel besser. Ann-Helén Laestadius, die selbst aus Kiruna stammt, zeigt in diesem Buch, wie es vielen ihrer Generation ergangen ist – was es für ein Volk bedeutet, im eigenen Land nicht mehr erwünscht zu sein, die eigene Sprache nicht mehr sprechen zu dürfen und dadurch seine Wurzeln zu verlieren. Das Buch ist eher traurig, da die Protagonistin mit Panikattacken zu kämpfen hat und lange Zeit sehr unglücklich ist. Dennoch ist es nicht hoffnungslos. Ich habe es trotzdem sehr gerne gelesen, weil es hochinteressant und aufschlussreich ist. Immer wieder bin ich erstaunt, wie skrupellos die Kirche und der schwedische Staat mit den Sámi umgegangen sind. Ich spreche eine große Leseempfehlung für dieses wichtige Buch aus. Es eignet sich für alle, die gerne Werke über indigene Völker lesen. Leider ist – meiner Meinung nach – die Übersetzung des Titels diesmal nicht geglückt. Scham heißt das Buch im Original, und dieser Titel passt wesentlich besser. Auch das deutsche Cover ist unpassend, da es ein romantisches Buch vermuten lässt, was es jedoch überhaupt nicht ist

Die Rückkehr der Rentiere
Die Rückkehr der Rentiereby Ann-Helén LaestadiusHoffmann und Campe
14. Okt.
Rating:5

Originaltitel "Skam"

Nachdem ich ein paar Seiten brauchte, um in die Geschichte reinzufinden, hat sie mich dann, wie bei den beiden ersten Büchern, doch wieder mit voller Wucht und einer Fassungslosigkeit erfasst über das Unrecht, welches die Samen ertragen mussten und müssen. Der Roman spielt in zwei Zeitebenen, in Marinas Kindheit und Jugend in den 70/80er und dann Ende der 90er Jahre. Marina wächst gefühlt zwischen zwei Welten oder gar drei Welten auf - der samischen, die sie bei ihren Großeltern erlebt, der schwedisch-angepassten ihrer Eltern und der fanatisch gläubigen Welt der Laestadianer-Bewegung, die in Gestalt der Familie ihres Onkels väterlicherseits sie als sündiges Kind bezeichnet und mit allen Mitteln versucht, sie in ihre "Fänge" zu bekommen. Marina leidet, die Kindheit ist von Angstattacken geprägt, die eigenen Eltern keine Hilfe, das ändert sich erst, als in der Oberstufe Ingela hinzukommt und Marina sich von ihrer Cousine Eva distanziert. Die Einmischung in ihr Leben geht dennoch weiter. Rückhalt bekommt sie von ihren Großeltern, mütterlicherseits, doch alles mit angezogener Handbremse. Samen sind nicht gern gesehen, alles Samische ist mit "Scham" behaftet - so auch der Originaltitel "Skam" dieses Buches. Auf der gesamten Familie lasten Geheimnisse und es gibt Dinge, über die nicht gesprochen wird. Für die zartfühlige Marina ein Alptraum. Als sie nach einer einjährigen Flucht nach Stockholm wieder in ihre Heimat zurückkehrt, ist sie noch immer einsam und irgendwie rastlos, auf der Suche und nach und nach entblättern sich die tiefen Wunden ihrer Kindheit und somit auch die ihrer Vorfahren. Ann-Helén Laestadius hat mich auch mit ihrem dritten Buch wieder wütend werden lassen, ich hatte einen dicken Kloß im Hals und den Tränen freien Lauf gelassen. Und dennoch bin ich so dankbar für dieses Buch und ihre laute Stimme, die nicht nur mit ihren Büchern aufmerksam auf diese Themen und samische Belange macht! Anmerkung: Ich habe das Buch im Original gelesen, ist hier leider nur nicht auf Reado🙄 In der schwedischen Version kommen zwischendurch immer wieder samische Wörter und Sätze vor, die aber in einem Glossar am Ende des Buches übersetzt werden. Wie auch bei den beiden anderen Büchern bin ich kein Freund vom romantischen und irreführenden deutschen Titel und Cover, die der Brisanz der Themen nicht gerecht werden. Das passt das Original perfekt😔

Die Rückkehr der Rentiere
Die Rückkehr der Rentiereby Ann-Helén LaestadiusHoffmann und Campe