23. Mai
Rating:4

Anders als der Klappentext vermuten lässt

Das kurze Buch hat viel Tiefgang, welcher sich aber nicht sofort zu erkennen gibt. Irgendwie das, was gerade in japanischen Werken immer (mal stärker, mal schwächer) mitschwingt. Auch wenn die Erwartung an das Buch eine andere war, habe ich kein Gefühl von Enttäuschung sondern eine stärkere Wertschätzung dieser Erzählungs-Art und Weise. Sympatiqch philosophisch. Das einzige was immer mal wieder verwirrenden für mich war waren die fließenden Perspektivwechsel.

Tokyo Sympathy Tower
Tokyo Sympathy Towerby Rie QudanHoffmann und Campe
10. Aug.
Rating:2

Was war das?

**** Mein Eindruck ****
Dieses Buch war wirklich alles – nur nicht das, was ich erwartet hatte oder jemals zuvor gelesen habe. Ich bin mit Offenheit hineingegangen und habe die Worte auf mich wirken lassen, musste aber mit wachsender Geduld feststellen, dass ich einfach nicht verstand, was mir die Geschichte eigentlich vermitteln möchte. Wir stecken fest im Gedankenkarussell der Protagonistin und sezieren Stück für Stück Wortbedeutungen. Die Frage „Was hat das Ganze mit dem Tower zu tun?“ blieb lange ein Rätsel – und selbst, als sich die Antwort offenbarte, fragte ich mich: Wozu das alles? Das Buch ist anders. Es geht um Schriftzeichen, Bedeutungen und die Gedanken eines Menschen – im Gegensatz oder auch im Einklang mit einer künstlichen Intelligenz. Diesen Austausch fand ich insoweit interessant, als dass ich herausfinden wollte, worum es eigentlich geht. Leider blieb es für mich dennoch eine Enttäuschung. Die Idee war ungewöhnlich, aber die Umsetzung hat mich weder emotional noch erzählerisch erreicht. **** Empfehlung? **** Dieses Buch ist nur für Leser*innen geeignet, die bewusst experimentelle, ungewöhnliche Literatur ausprobieren wollen – wer eine klassische, nachvollziehbare Geschichte erwartet, wird hier vermutlich enttäuscht.

Tokyo Sympathy Tower
Tokyo Sympathy Towerby Rie QudanHoffmann und Campe
1. Juli
Rating:2

Kühl und distanziert

Ich habe letztens erst bekräftigt, dass ich niemals einen Roman lesen würde, der von KI geschrieben wird. Als ich ungefähr in der Mitte des Werks von Rie Qudan war, wurde mir die Info gesteckt, dass dieses Buch zu 5 % von KI, insbesondere von ChatGPT geschrieben wurde - und das auch als Hilfe für die Autorin. Ich gebe zu, das Experiment ist interessant, unterhält sich doch die Protagonistin mit einem K.I. Chatbot über Architektur und Philosophie, doch trotzdem hat es mir das Lesen des Romans ein bisschen verdorben. Ich bin dringend für eine Kennzeichnung von texten, die mit KI erstellt wurden. Sara Makina ist eine angesehene Architektin, die den Tokio Sympathy Tower entworfen hat. Dieser soll ein Gefängnis beherbergen in dem so genannte „Homo Miserabilis“ unterkommen werden – Menschen, die aufgrund ihrer Lebensumstände in die Kriminalität abgerutscht sind. In der Ich-Form erzählt uns die Architektin, wie es dazu kam Involviert ist auch ihr Freund, der jünger und sehr künstlich beschrieben wird und ein Chatbot, mit dem sie sich über die Ethik in Bezug auf Kriminalität und andere philosophische Fragen unterhält. Stilistisch ist dieser Roman eine Herausforderung. Ich war oft verloren in der Einschätzung, wer hier gerade redet, und musste auf ein Pronomen oder eine Benennung warten, bis ich es einordnen konnte. Die hochphilosophischen Fragen, die von den Erzählende ausgehen tauchen sehr in die Tiefe und lassen in diesem Buch sehr wenig Raum für Handlung. Ich hatte Mühe, mich zum Lesen zu motivieren, wollte aber unbedingt wissen, was uns die Autorin vermitteln will. Ab dem Zeitpunkt, wo ich wusste, dass KI einen Anteil an der Arbeit übernommen hat, habe ich natürlich versucht herauszulesen, wo das sein könnte. Gelungen ist es mir nicht. Mir kam der ganze Roman sehr konstruiert vor, wenn er sich auch mit zeitgenössischen Fragen rund um Sprache, Ethik und Architektur auseinandersetzt. Letzteres hat mir noch am allerbesten gefallen. Ein Lesegenuss war das für mich nicht. Ich bekam keinen Bezug zum Geschehen und zu den Figuren, konnte mich nicht mal im Ansatz mit jemandem identifizieren oder mich hineinfühlen. Einen kühleren Roman hab ich dieses Jahr noch nicht gelesen. Die Autorin wurde mit dem renommierten Akutagawa Prize ausgezeichnet. Ich kann diesen Roman nur Menschen empfehlen, die bereit sind, sich mit hochkomplexen Themen in einem stilistisch, anspruchsvollen Kontext auseinanderzusetzen und beim Lesen in Kauf nehmen, evtl. kaum Emotionen zu entdecken

Tokyo Sympathy Tower
Tokyo Sympathy Towerby Rie QudanHoffmann und Campe
23. Mai
Rating:5

Sternebewertung fiktiv

⸻ Das war ein wildes Buch. Die Autorin Rie Qudan wurde mit dem renommierten Akutagawa-Preis ausgezeichnet. Wir lernen die Architektin Sara Machina kennen, die im zukünftigen Tokio ein Gefängnis entwerfen soll. Den Sympathy Tower, ein Hochsicherheitsgefängnis, das auf Empathie statt Bestrafung setzt. Gefangene sollen dort unter besonderen Umständen resozialisiert werden. Die Umstände sind luxuriös und deuten nicht auf ein normales Gefängnis hin. Klingt erstmal neu und irgendwie auch seltsam und das ist es auch. Die Geschichte spielt in der Zukunft, und die dortigen Verhaltensrichtlinien sind teilweise absurd und beängstigend. An einigen Stellen verliert sich die Handlung in komplexen Strängen, genau da hatte ich auch ein paar Schwierigkeiten. Die Hauptprotagonistin beginnt, ihre Zweifel mit einem KI-Chatbot zu diskutieren. Zu Beginn hilft ihr das, doch mit der Zeit hat sie das Gefühl, dass dieser KI-Bot sie auch beeinflusst. Dieses Buch schildert sehr eindrucksvoll unsere heutige Zeit. Künstliche Intelligenz ist immer mehr im Kommen. Natürlich hilft sie dabei, den Alltag zu erleichtern aber gleichzeitig ist es auch beängstigend, welchen Einfluss sie inzwischen hat. Übrigens ein interessanter Fun Fact zu diesem Buch: Nach der Veröffentlichung wurde bekannt bzw. die Autorin gab es selbst zu, dass etwa 5 % des Romans mithilfe einer KI erstellt wurden. Das löste natürlich eine Debatte aus, vor allem angesichts der Tatsache, dass es sich um eine der wichtigsten japanischen Literaturauszeichnungen handelt. Dieser Roman war wild und auch irgendwie real. Trotz seiner dystopischen Züge zeigt er sehr deutlich den gesellschaftlichen Wandel, den wir gerade erleben, verpackt in einem kurzen, intensiven Setting. Wer sich für KI interessiert oder einfach ein Faible für Science-Fiction hat, bekommt hier einen spannenden Einblick in eine verrückte Zukunft. Eine Sache hat mich jedoch viel beschäftigt: wie sehe ich so ein Gefängnis? Als Chance oder Gefahr? Ein Gefängnis, das auf Empathie statt Bestrafung setzt? Ich wäre nicht dafür. Ein funktionierendes Rechtssystem ist für mich unumgänglich. Gerade Haftstrafen erscheinen mir in vielen Fällen ohnehin schon sehr milde. Je nach Schwere der Tat halte ich ein Strafsystem, das eher wie eine Belohnung wirkt, für nicht sinnvoll

Tokyo Sympathy Tower
Tokyo Sympathy Towerby Rie QudanHoffmann und Campe
21. Mai
Post image
Rating:4.5

Es ist lange her, dass mir eine Rezension so schwergefallen ist. Vorab: Es hat mir gut gefallen, doch die Einordnung war eine Herausforderung. Basierend auf dem Klappentext hatte ich tatsächlich etwas ganz anderes erwartet: eine Auseinandersetzung mit dem Umgang von Kriminellen und dem weitreichenden Einfluss von KI auf uns. Die Geschichte entpuppt sich als recht verschachtelt und behandelt meine ursprünglichen Erwartungen nur am Rande. Dafür taucht sie in zahlreiche andere Themen ein, allen voran den inneren Zensor und die gesamte Gedankenwelt der Architektin. Dies zu verfolgen, ist absolut spannend, wenn auch manchmal etwas verwirrend. Völlig unerwartet kamen für mich die Perspektivwechsel zu ihrem Freund und später einem Journalisten. Diese bereicherten die Erzählung um zusätzliche, wirklich faszinierende Aspekte, die allerdings wiederum neue Fragezeichen aufwarfen. Einiges war befremdlich, manches sehr nebulös, was dem Buch viel Interpretationsspielraum verleiht – und genau das macht seinen Reiz aus. Besonders fesselnd war für mich der Fokus auf die Sprache oder die zahlreichen kleinen, versteckten Kritiken. Der Stil ist hervorragend und die Übersetzung wirkt überaus sauber und stimmig, sodass das ursprüngliche Gefühl des Textes erhalten bleibt. Ein außergewöhnliches Buch, das mich überrascht und dessen Inhalt mich noch immer beschäftigt. Ich kann es also weiterempfehlen.

Tokyo Sympathy Tower
Tokyo Sympathy Towerby Rie QudanHoffmann und Campe
19. Mai
Rating:3

Die Architektin Sara Makina befindet sich im wichtigsten Wettbewerb ihrer Karriere. Sie will es sein, die den s.g. „Tokyo Sympathy Tower“ errichtet, einen 70-stöckigen Gefängnisturm, der mitten in einem Park in Shinjuku entstehen und in dem die Insassen ein luxuriöses Leben führen sollen. Eine Meinung will sie sich zum Projekt nicht erlauben – und dass, obwohl es in ihrer Vergangenheit durchaus ein Erlebnis gibt, weswegen sie den Turmbau ablehnen müsste. „Tokyo Sympathy Tower“ ist das erste Werk der Autorin Rie Qudan, das ins Deutsche übersetzt wurde – und zwar von Ursula Gräfe, die auch schon die Texte von Haruki Murakami oder Sayaka Murata übertrug. Der Roman schildert die Ereignisse vor und nach dem Bau des Turms, wobei der Erzähler sowohl die Perspektive von Sara, als auch die ihres 15 Jahre jüngeren Liebhabers Takuto Tojo einnimmt. Das ist durchaus spannend, weil beide – vielleicht aufgrund ihres Alters, vielleicht aber auch aufgrund ihres Charakters oder ihrer Erfahrungen – eine sehr unterschiedliche Haltung zum Turm aufweisen. Das Konzept, das zum Bau des Turms führte, erdachte der Soziologe und Glücksforscher Masaki Seto. Ihm zufolge steht dem „Homo felix“, dem glücklichen Menschen, der „Homo miserabilis“ gegenüber, also derjenige, der unser Mitleid verdient. So möchte er Kriminelle von nun an bezeichnet wissen und fordert unsere Empathie für Menschen ein, deren Schicksal oder Umstände ihnen weniger günstige Karten in die Hände gespielt haben. Dass diese Haltung nicht jeder teilt und es zu Demonstrationen, Bomben- und Morddrohungen und schließlich auch zu einem Attentat aufgrund des Turmbaus kommt, scheint nicht weiter verwunderlich. Die Autorin stellt hier zwei sehr gegensätzliche Haltungen einander gegenüber, deren Wahrheit wohl irgendwo dazwischenliegt. Takuto unterstützt den Bau des Turms und lebt nach der Fertigstellung selbst dort. Der Journalist Max Klein, der einen Artikel über ihn schreiben soll, vertritt die Gegenposition. Ihm ist der Gedanke verhasst, dass Verbrecher im Luxus leben sollen, während er selbst zu kämpfen hat. Ein grundsätzlich sehr interessanter Roman, der aber fragmentarisch wirkt.

Tokyo Sympathy Tower
Tokyo Sympathy Towerby Rie QudanHoffmann und Campe
8. Mai
Rating:3.5

Interessant, aber nicht das, was ich mir erhofft hatte

Ich habe mich wirklich sehr auf das Buch gefreut. Die Prämisse klang sehr spannend und der Klappentext hat in mir die Erwartung geweckt, einen tiefen Einblick in ein gesellschaftliches Konzept zu bekommen, das ich so noch nie gelesen habe. Und generell lese ich asiatische Literatur sehr gerne, weil sie oft eine ganz eigene, tiefgründige Perspektive mitbringt. Leider wurde ich ein bisschen enttäuscht, da es doch anders war, als ich erwartet hatte. Im Mittelpunkt steht die Architektin Sara, die den Tokyo Sympathy Tower entworfen hat. Man begleitet sie durch ihre Gedankenwelt, und das auf eine sehr intensive und manchmal auch verstörende Weise. Schon früh erfährt man, dass sie sexuellen Missbrauch erlebt hat, was ihren Blick auf sich selbst, auf andere und auf Beziehungen stark prägt. Sie zensiert sich ständig selbst in ihren Gedanken. Eine Art innere Stimme greift immer wieder ein, wenn ein Gedanke potenziell problematisch sein könnte. Das war auf eine Art sehr spannend, aber auch bedrückend. Inhaltlich geht es viel stärker um ihre inneren Konflikte, ihre oberflächliche Beziehung zu Takato, den sie hauptsächlich wegen seiner äußeren Erscheinung trifft, und um ihre Auseinandersetzung mit einer künstlichen Intelligenz, mit der sie sich fast schon philosophisch unterhält. Der Tokyo Sympathy Tower selbst, also das, was ich eigentlich erwartet hatte, bleibt eher eine Kulisse. Es gibt kaum echte Einblicke, was dort passiert, wie das Konzept gelebt wird oder wie diese Utopie im Alltag aussieht. Das hat mich enttäuscht, weil gerade das der Grund war, warum ich das Buch überhaupt lesen wollte. Das Buch ist recht kurz, etwa 170 Seiten, aber es werden sehr viele Themen angesprochen. Sexuelle Gewalt, Gleichberechtigung, Zensur, Oberflächlichkeit, der Umgang mit Tätern in der Gesellschaft, künstliche Intelligenz und emotionale Kontrolle. Jeder dieser Aspekte ist für sich genommen interessant, aber zusammen hat es sich überladen angefühlt. Fast jede Szene beinhaltete eine neue Kritik, eine neue Botschaft. Es war mir etwas zu viel, zu gewollt. Was das Buch aber dennoch lesenswert macht, ist die Figur von Sara. Sie ist komplex, emotional schwer greifbar, aber gerade deshalb faszinierend. Ihre Art zu denken, ihr Verhalten, das hat mich berührt, auch wenn es manchmal schwer war, ihr zu folgen. Insgesamt würde ich sagen: Das Buch ist gut geschrieben, besonders in seiner Sprache und Atmosphäre. Es hat eine gewisse Sogwirkung, vor allem durch die Hauptfigur. Aber es hat meine Erwartungen nicht erfüllt, weil es thematisch in eine ganz andere Richtung ging, als der Klappentext vermuten ließ. Vielleicht hätte ich es anders bewertet, wenn ich mit einer anderen Vorstellung herangegangen wäre. So bleibt bei mir ein zwiespältiger Eindruck. Ich habe dem Buch 3,5 ⭐️ gegeben und kann es vor allem denjenigen empfehlen, die sich für tiefgründige, gesellschaftskritische und psychologisch geprägte Literatur interessieren.

Tokyo Sympathy Tower
Tokyo Sympathy Towerby Rie QudanHoffmann und Campe