18. Jan.
Ein Buch, das bereits bestehende Argumentationslinien des Autors aufgreift und zusammenfasst.
Rating:3.5

Ein Buch, das bereits bestehende Argumentationslinien des Autors aufgreift und zusammenfasst.

Wie in dem Werk vom „Ende der Geschichte“ alles auf das „Streben nach Anerkennung“ zuläuft, mit dem Fukuyama an den platonischen Thymosbegriff anknüpft, so steht in diesem Buch ebenfalls ein Wert der griechischen Antike im Mittelpunkt: Wie damals das Μηδὲν ἄγαν, also „Nichts im Übermaß“ Denken und Handeln leiten sollte, so seien heute wieder der Verabsolutierung und den Extremen Mäßigung und Besonnenheit vorzuziehen. Fukuyama folgt genau diesem Prinzip und verzichtet konsequent darauf, jede Kritik am Liberalismus pauschal zurückzuweisen. Allerdings benennt er deutlich, wozu, Überdehnung, Überspitzung und ausgrenzenden Züge dieser Kritik führen können. Stattdessen nutzt er aber diese kritischen Ansätze zur Verbesserung liberaler Ideale. Dem Unbehagen am Liberalismus, das von „linker“ wie „rechter“ Seite oft vehement und in denunziatorische Absicht artikuliert wird, hält er Mäßigung und die Rückkehr zur Rationalität entgegen. Um seine Argumentationen besser verstehen und nachvollziehen zu können, ist es sehr hilfreich, dass er noch einmal grundlegend sein Liberalismusverständnis dargelegt hat, bevor er auf die Gefahren für liberale Ideen, Werte und Konzepte eingeht. Generell war das Buch gut und angenehm lesbar. Wo politische Theorie zum Verständnis nötig ist, werden alle wesentlichen Aspekte dieser Theorien ohne Abschweifungen dargelegt. Bei der Lektüre entsteht daher nie der Eindruck, sich in der der Bandbreite der Themen und Gefahren für den Liberalismus, mit denen er sich intensiv auseinandersetzt, zu verlieren und in Nebensächliches abzuschweifen. Damit erfüllt das Buch auch den Anspruch, das Thema einer breiteren Leser*innenschaft, auch außerhalb eines Fachpublikums nahezubringen. Zu Verständnisschwierigkeiten führt jedoch die Verwendung der Begriffe „kritische Theorie“. Es scheint, als würde er unter kritischer Theorie weniger die Frankfurter Schule verstehen, die gemein im deutschsprachigen Raum unter diesem „Label“ firmiert - Herbert Marcuse ist der einzige aus dem Institut für Sozialforschung, der in dem Buch erwähnt wird -, sondern jegliche Theorie, die sich kritisch mit etwas beschäftigt, sei es nun „Critical Race Theory“, „Postkoloniale Theorie“ oder "Analytischer Feminismus“. Dies führt, durch die Assoziation mit der Frankfurter Schule, zu Verwirrung und zur Vermischung von verschiedenen Strömungen, die sich sicherlich gegenseitig beeinflussten, aber dennoch konsequenter auseinandergehalten werden sollten. Ähnlich wie bei dem Kapitel über linke Identitätspolitik sorgt auch bei seiner Auseinandersetzung mit dem Einfluss von Identitätspolitik auf Wissenschaft eine begriffliche Vermischung für Irritationen: Vermengt werden ganz offensichtlich unterschiedliche methodische und epistemische Voraussetzungen in Natur-, Sozial- und Kulturwissenschaften. Selten wird klar, worauf sich die Kritik der „kritischen Theorie“ laut Fukuyama nun konkret bezieht. Man kann den, Eindruck gewinnen, dass der Autor die Bedeutung einzelner Beispiele zugunsten seiner Argumentation überhöht. Obwohl Fukuyama bei der Gefahr von rechtspopulistischer Seite verschiedene europäische Beispiele aufgreift wie Victor Orbán in Ungarn oder die polnische PiS-Partei, bleibt das Werk zu großen Teilen auf Amerika konzentriert. Angesichts dessen, dass der Liberalismus auf eine europäische Entstehungsgeschichte zurückgeht, wäre es wünschenswert gewesen, wenn Fukuyama noch mehr den Bogen über den Atlantik nach Europa (zurück)geschlagen hätte, wo die liberale Demokratie von „linker“ Identitätspolitik genauso bedroht zu sein scheint wie von rechtem Populismus, ja Autoritarismus und sogar Rechtsextremismus. Auch die Auseinandersetzung mit der sog. „kritischen Theorie“, unter der offensichtlich nicht die „Frankfurter Schule“ zur verstehen ist, bleibt zum Großteil auf Amerika beschränkt und wird damit einem verallgemeinernden Anspruch auf eine Auseinandersetzung mit den Gefahren für die liberale Demokratie nicht gerecht, da sich amerikanische Diskurse nicht ohne Differenzierung auf Europa übertragen lassen. Dennoch lässt sich ein positives Fazit ziehe: Vieles von dem, was von Fukuyama thematisiert wird, glaubt man zwar schon irgendwo, u. a. auch bei ihm einmal gelesen zu haben, wie aber der Diskurs angereichert und belebt wird, indem Gedanken und Argumentationslinien zusammengeführt, manchmal gewissermaßen „auf den Punkt“ gebracht werden, macht das Buch dennoch zu einer bereichernden und anregenden Lektüre.

Der Liberalismus und seine Feinde
Der Liberalismus und seine Feindeby Francis FukuyamaHoffmann und Campe