Lang und finster, wie ein Winter im Polarmeer
Dies ist offiziell das längste Buch, das ich je gelesen habe. Und auch das Beste? Nein. Aber ziemlich gut ist es trotzdem. Sonst hätte ich die 962 Seiten vermutlich auch nicht durchgestanden... Ich kannte zu Beginn nur vage die Prämisse: Schiffe. Eis. Grusel. Und ja, diese drei Punkte gibt es zuhauf. Simmons versteht es schon auf den ersten Seiten ganz meisterlich, Atmosphäre zu erschaffen. Man spürt die Polarkälte in den eigenen Körper kriechen, die dunstige Luft unter Deck, die knarzend-dröhnende Geräuschkulisse von altem Holz, Schneestürmen und immensen Eisplatten. Ein großer Teil dieses Buches lebt von dieser intensiven Erzählweise. Und dann fängt man an, sich ganz aus Versehen auch für die Hintergründe der echten Franklin-Expedition zu interessieren, verschollen im ewigen Eis in der Mitte des 19. Jahrhunderts beim Versuch, die sagenumwobene Nordwestpassage zu finden. Die Namen, Orte und viele Geschehnisse im Buch orientieren sich an dem, was wirklich geschah. Aber abseits vom Horror, den es schon mit sich bringt, 3 Jahre mit seinen Schiffen im Eis festgefroren zu sein, bringt das Buch natürlich auch noch eine direkte Horror-Ebene ins Spiel, die so hoffentlich nicht der damaligen Wahrheit entspricht. Inuit, Übernatürliches, und was ist das eigentlich für ein riesiger Schatten, der gerade durch's Unterdeck gehuscht ist? Als hätten die armen Männer der Expedition nicht schon mit genug zu kämpfen. Das ist nicht nur sehr gekonnt eingewoben, sondern kulminiert auch in einem Finale, das, nach ein paar Seiten voller "Was lese ich hier"-Momente, noch die Kurve bekommt und ein, für mich, sehr passendes Ende findet. Zum Glück! Ich glaube, wenn nach über 900 Seiten das Ende richtiger Murks gewesen wäre, wäre mein Herz gebrochen wie eine Eisscholle und ich hätte das Lesen (vorerst) aufgegeben. Aber so fiebert, fühlt und leidet man in einem Umfang mit den dem Untergang geweihten Männern mit, wie es nur auf so vielen Seiten möglich ist. Wie bei einer Serie: Die Zeit, die man mit den Leuten verbringt, wird zu einem eigenen Faktor. Zum Glück war sie hier nicht verschwendet. Aber jetzt bitte wieder was Kürzeres.

































