27. Sept.
Rating:2.5

Sogar für Baxter-Verhältnisse zuviel des Guten

Man kann Baxters Romanen ja durchaus das eine oder andere vorwerfen, aber was mir häufig daran gefällt, sind zum einen seine vielen außergewöhnlichen, originellen, kreativen Ideen, und zum zweiten sein Hang, in - zeitlich/räumlich/technologisch - ganz gewaltigen Maßstäben zu denken. Beide diese typischen Merkmale treffen auch auf dieses Buch zu. Mit ersterem erschafft er mal wieder ein echt abgefahrenes Universum, über das man nur staunen kann. Das hat mir in der ersten Hälfte des Romans durchaus Spaß gemacht. Mit letzterem allerdings, und hier liegt das Problem, übertreibt er es diesmal: Diese Geschichte hier führt uns nicht nur tausende, hunderttausende oder Millionen von Jahren in die Zukunft, sondern Milliarden. Erstmal. Und dann Billionen(!) Da hört's dann ehrlich gesagt doch irgendwann auf. Nicht nur, dass sich Biologie und Psychologie der Menschheit in all der Zeit erstaunlich wenig verändert haben (mal ganz abgesehen von - gemessen an solchen Zeiträumen - absurden Details wie problemlos funktionierenden Übersetzungsprogrammen oder Historikern, die tatsächlich noch über einige Dinge aus unserer heutigen Zeit Bescheid wissen). Es ist außerdem auch albern zu glauben, dass Menschen in diesen Dimensionen denken oder gar planen würden; die Erfahrung zeigt doch eher, dass praktisch niemals auch nur mal ein paar Generationen weit in die Zukunft gedacht wird. Insgesamt ist das alles einfach too much ... bei allem Spaß an gigantischen Dimensionen und gewaltigen Entwicklungen: da sind jetzt Ausmaße erreicht, die jede Vorstellungskraft sprengen und eine glaubhafte Geschichte nahezu unmöglich machen. Aber angesichts dessen hat sich in Baxters Welt abgesehen von technischen Möglichkeiten dann doch erstaunlich wenig geändert. Das will alles irgendwie nicht so recht zusammenpassen. Fairerweise muss man sagen: so bekloppt die hier beschriebene Gesellschaft bzw. die in ihr lebenden Menschen auch handeln ... das scheint mir fast noch das realistischste an der ganzen Sache. Wohlwollend könnte man hier Kritik an aktuellen Verhältnissen hineininterpretieren (Stichwort: Klimaflüchtlinge), wobei das nun auch nicht gerade tiefschürfend behandelt wird. So fand ich das Buch ab etwa der Mitte immer anstrengender zu lesen (wozu auch die nur mäßig interessanten Figuren beigetragen haben), und auch das Ende hat nicht die geniale Wendung gebracht, die alles herausgerissen hätte. Nein, das hat selbst mir als bekennendem Baxter-Sympathisanten nicht gefallen.

Die tausend Erden
Die tausend Erdenby Stephen BaxterHeyne
12. Juni
Interessante Sci-Fi-Ideen, aber zu wenig Drama und Tiefe. Erzählerisch solide, emotional eher kühl.
Rating:3

Interessante Sci-Fi-Ideen, aber zu wenig Drama und Tiefe. Erzählerisch solide, emotional eher kühl.

Ein Mann reist Millionen Jahre in die Zukunft, ein Mädchen kämpft auf einer sterbenden Erde ums Überleben... Klingt nach epischem Stoff, oder? "Die tausend Erden" startet vielversprechend: John Hackett hebt im Jahr 2145 zur Andromeda-Mission ab, während in ferner Zukunft Mela versucht, der schleichenden Zerstörung ihrer Welt zu entkommen. Zwei Erzählstränge, zwei Zeitlinien, viele Fragen und zunächst auch jede Menge Lesespaß. Die Interview-Situation mit John zu Beginn und die Tatsache, dass Mela zu Beginn ein Kind bzw Teenager ist, machen die Erklärungen, die die Figuren sich gegenseitig aber eigentlich dem Leser geben, plausibel. Melas Szenen sind bedrückend und atmosphärisch dicht, man lernt ihre kleine, bröckelnde Welt kennen, spürt die Bedrohung, die ständige Bewegung, das große Nichts, das immer näher rückt. Dann aber kehrt John zurück und irgendwie bleibt alles... seltsam ruhig. Ja, er ist ausgebildet, ja, er kennt die Theorie, aber ein bisschen mehr Schock, ein Hauch mehr Emotion hätte der Figur gutgetan. Seine Perspektive ist mehr oder weniger nur für die astronomischen, physikalischen Erklärungen da. Stephen Baxters Schreibstil empfand ich als angenehm und leicht zu lesen aber etwas wiederholend. Sowohl inhaltlich als auch was die Formulierungen angeht. Die große Vision, die der Titel und das Konzept versprechen, wird oft nur angerissen und nicht konsequent weiterverfolgt. Viele Szenarien, die unglaublich faszinierend hätten sein können, werden einfach liegengelassen. Der Satz "Manches ändert sich nie." kam in verschiedenen Varianten viel zu häufig vor für ein Sci-Fi-Buch, dass so weit in die Zukunft blickt. Trotz über 700 Seiten fehlt es an Drama, an echten Konflikten, an greifbaren Konsequenzen. Gerade in Melas Welt, die so offensichtlich vor dem Abgrund steht, hätte ich mehr direkte Konfrontationen, mehr spürbare Verzweiflung erwartet. Stattdessen bleibt vieles blass oder wird nur angedeutet. Trotzdem hat mich das Buch über weite Strecken bei der Stange gehalten. Ich wollte wissen, wie die beiden Erzählstränge zusammenhängen, und obwohl es immer wieder Hinweise gab, konnte ich es bis kurz vor Schluss nicht erkennen. Das Miträtseln hat mir Spaß gemacht. Nur leider verpuffte die Geschichte auf den letzten 100 Seiten, weil klar wurde, der große Knaller wird nicht mehr kommen. In "Die tausend Erden" stecken gute Ideen und verständlich erklärte Hard Sci-Fi Facts. Aber in Sachen Figuren, Emotionen und erzählerischer Wucht bleibt zu viel auf der Strecke. Kein Reinfall, aber auch kein Highlight. Das war mein erstes Buch von ihm und ich bin trotzdem neugierig auf weitere Bücher von Stephen Baxter!

Die tausend Erden
Die tausend Erdenby Stephen BaxterHeyne
27. Nov.
Rating:4

Stephen Baxter, ein altgedienter Veteran der Science-Fiction-Literatur, kehrt mit "Die tausend Erden" zu seinen Wurzeln zurück und liefert eine epische Geschichte, die Raum und Zeit in beeindruckendem Maßstab durchquert. Das Buch ist sowohl in seiner thematischen Tiefe als auch in der schieren physischen Größe imposant (700+ Seiten), was Baxter-Fans sicherlich zu schätzen wissen werden. Das zentrale Thema des Buches ist die bevorstehende Kollision zwischen der Milchstraße und der Andromeda-Galaxie, ein Ereignis, das in 4,5 Milliarden Jahren eintreten soll. Diese kosmische Katastrophe dient als Metapher für aktuelle globale Krisen und betont die Dringlichkeit proaktiven Handelns. Baxter verwebt zwei parallel verlaufende Handlungsstränge: Zum einen folgt der Leser John Hackett, einem Abenteurer, der mit einem Raumschiff namens Perseus auf eine Reise zur Andromeda-Galaxie geht und nach Millionen von Jahren auf die Erde zurückkehrt. Zum anderen erleben wir Mela und ihre Familie, die auf einer von tausend Erden leben und deren Heimatwelt langsam in einen unaufhaltsamen Untergang abdriftet. Baxter ist bekannt für seine großen Ideen, und dieses Buch enttäuscht in dieser Hinsicht nicht. Die wissenschaftlichen Konzepte und die beeindruckende Darstellung der menschlichen Evolution über Milliarden von Jahren hinweg sind faszinierend. Besonders beeindruckend ist Baxters erneute Auseinandersetzung mit dem Fermi-Paradoxon, das er mit neuen und überraschenden Antworten angeht. Die Charaktere bleiben jedoch weitgehend stereotyp und ihre Entwicklungen sind vorhersehbar. John Hackett erinnert stark an Baxters frühere Heldenfiguren wie Reid Malenfant – getrieben, unnachgiebig und stets auf der Suche nach dem Unbekannten. Melas Geschichte hingegen bietet einen intimen Einblick in die Familiendynamik und die sozialen Herausforderungen einer schrumpfenden Welt, was einige der stärksten Passagen des Buches ausmacht. Trotz einiger Schwächen in der Charakterzeichnung und gelegentlichen melodramatischen Wendungen bietet "Die tausend Erden" eine packende und intellektuell anregende Lektüre. Baxter gelingt es, den Leser zum Nachdenken über die Zukunft der Menschheit und die potenziellen Auswirkungen wissenschaftlicher Fortschritte zu bringen. Das Buch ist ein Muss für Fans von Hard Science-Fiction und für alle, die von der schieren Weite und Tiefe des Universums fasziniert sind. Es ist eine beeindruckende Reise durch Zeit und Raum, die die menschliche Neugier und das Streben nach Wissen in den Mittelpunkt stellt.

Die tausend Erden
Die tausend Erdenby Stephen BaxterHeyne