Rezension, kurz zusammengefasst Hubert Ecetara hat 19 Namen, er lebt in einer Zukunft, die unserer erschreckend ähnlich ist. Die Technik ist zwar fortgeschrittener, doch von unserer nicht weit entfernt. Die Schere zwischen Arm und Reich ist beinahe bodenlos. Die Gesellschaft wird nur noch unterteilt unter den Armen und den „Zotas“ den Superreichen. Der Klimawandel hat so sehr gewütet, dass es nun Zonen gibt, die nicht mehr bewohnbar sind, die sogenannten „Outlands“. Auf einer Kommunisten Party lernen Hubert und sein Freund Seth die Tochter eines solchen Superreichen kennen; Natalie. Doch anders als erwartet, stellt sich diese auf die Seite der Armen und möchte sich zusammen mit ihnen den Walkaways anschliessen. Eine Gruppe von Menschen, die sich bewusst aus dem System zurückgezogen haben. Doch dort ist es alles andere als friedlich und schon bald müssen sie sich Kriegen, Gewalt und sogar Gehirnwäschen entgegenstellen. Darüber Gedanken gemacht Meiner Meinung nach wurde Walkaway spannend aufgebaut, man wird zu Beginn in eine neue Welt hineingeworfen, erhält nicht viele Erklärungen, findet sich aber doch schnell zurecht. Aus Wasser kann man mittlerweile Bier herstellen und die Drogen, sind um einiges ausgetüftelter. Die Menschen sind nun ständig „Online“ und die Überwachung ist vollkommen präsent. Man kann nur noch anonym an einem Ort sein, wenn man „Dunkel“ reist, sein System also Offline stellt. Das ganze erinnert stark an die heutige „Online-Präsenz“ und war erschreckend und faszinierend zugleich. Interessant war auch, wie Cory Doctorow technische Geräte mit in die Geschichte einbaute, die auch heute bereits genutzt werden, wenn auch (noch) nicht in diesem Masse. So kann man in Walkaway mit den 3d-Druckern bereits ganze Häuser erschaffen, von Möbeln und anderen Gegenständen ganz zu schweigen. Gefiel mir sehr Die Utopie, die in diesem Buch geschaffen wird ist überaus interessant und lässt einen sehr nachdenklich zurück. Man fragt sich bewusst; ist diese Zukunft auf die wir zusteuern wirklich die Richtige für uns? Gefiel mir nicht Meiner Meinung nach hätten diesem Buch 100-200 Seiten weniger nicht geschadet. Denn besonders im mittleren Teil wurde es doch etwas langatmig. Schreibstil & Cover Dieses Buch ist nichts für Zwischendurch, den der Schreibstil ist teilweise sehr komplex und die Debatten ziehen sich über mehrere Seiten. Nichtsdestotrotz sind die Themen dafür aber umso interessanter. Das Cover gefällt mir richtig gut und wurde meiner Meinung nach gut auf das Buch angepasst. Fazit In Walkaway erwartet euch eine spannende Geschichte, mit interessanter Thematik und vielen Punkten, die einen nachdenklich zurück lassen. Von mir eine bedingte Leseempfehlung, da ihr viel Zeit für diese Geschichte einplanen solltet. Bewertung Buchlänge ♥♥♥ (3/5) Schreibstil ♥♥♥ (3/5) Botschaft ♥♥♥♥♥ (5/5) Lesevergnügen ♥♥♥ (3/5)
Wenn das Gehirn ein Muskel wäre, hätte ich jetzt Muskelkater. Die gute Art, bei der man spürt: ich habe mich so richtig gefordert, das war es wert. Denn das Buch regt zum Nachdenken an – und das 762 Seiten lang, in denen die Handlung oft zurücktritt hinter den Fragestellungen, die in den Dialogen aufgeworfen werden. Sozialökonomische, ethische, politische, technologische, philosophische Themen… Ich empfand das selten als anstrengend, sondern meist als anregend und hochinteressant. Man sollte an das Buch jedoch mit der Erwartung herangehen, dass man viel Zeit investieren muss, während der die Gehirnzellen Überstunden schieben (und auch ein paar Nachtschichten einlegen). Die Welt des Buches ist scheinbar nur einen Wimpernschlag von unserer entfernt. Die Technologie ist der unseren überlegen, aber durchaus denkbar und glaubhaft. Die Gesellschaft unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht sonderlich von der heutigen. Aber dies ist die Welt, auf die wir sehenden Auges zusteuern: die sozialen Ungerechtigkeiten sind eklatant, Klimawandel und Umweltverschmutzung haben große Teile der Erde unbewohnbar gemacht. Eine sehr kleine Gruppe ‘Zottas’ (obszön reiche Menschen) regiert die Welt, während die Ärmeren sich einlullen lassen von den sozialen Medien und der Suggestion, auch sie könnten Zottas werden, wenn sie sich nur eifrig genug im Hamsterrad abstrampeln. Dies ist eine Welt kurz vor der Katastrophe, dem Zusammenbruch aller Werte. Der Supergau des Kapitalismus. Und hier schafft das Buch den Übergang von Dystopie zu Utopie. Denn es gibt eine immer größere Anzahl von Menschen, die die Gesellschaft ändern wollen – indem sie fortgehen und alles hinter sich lassen: den Materialismus und die absurden Hierarchien, die Ich-Bezogenheit und das blinde Erdulden des eigenen Lebens. Die Walkaways kämpfen nicht gegen die, die das System bewahren wollen – sie nehmen Gegenden in Besitz, die schon vor langer Zeit aufgegeben wurden, und bauen sich ihre eigene Gesellschaft auf. Und wenn ihnen etwas weggenommen wird, was sie sich aufgebaut haben, dann gehen sie wieder fort und fangen woanders von vorne an. Natürlich geht das nicht ohne Konflikte. Aber es ist eine erstaunlich plausible Vision der Zukunft. In den Reihen der Ausssteiger befinden sich auch einige Wissenschaftler, und so kommt es schon bald zu einem Wettrennen: können die Walkaways das Geheimnis der Unsterblichkeit ‘Open-Source’ (also allen zugänglich) machen, bevor die Zottas es für sich (und nur für sich) vereinnahmen? Durch die verschiedenen Charaktere sieht man die angesprochenen Fragen aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln, was es dem Buch erlaubt, beides zu sein: Science Fiction und Philosophie. Nicht alles wird erklärt. Vieles an Hintergrundgeschichte muss man einfach hinnehmen, weil das Buch sonst wahrscheinlich noch 800 Seiten länger wäre. Aber der Autor ist ein Meister darin, die erstaunlichsten Details beiläufig in Nebensätzen einfließen zu lassen, so dass man das Gefühl bekommt, man verstehe die Welt im Großen, weil man sie im Kleinen kennt. Das ist in meinen Augen umwerfend originell und einfallsreich. Spannend ist es auch, denn so friedlich die Walkaways (meist) sind, so skrupellos und aggressiv gehen ihre Feinde gegen sie vor. Ihre Siedlungen sind immer in Gefahr, zerbombt zu werden, während sie in den Medien als die Unruhestifter und Terroristen dargestellt werden. Und natürlich gibt es auch interne Konflikte und Verrat. Die Charaktere bestechen durch unbemühte Diversität. Und weil diese Diversität so wunderbar selbstverständlich ist, werde ich hier keine Auflistung erstellen. Denn was die Charaktere vor allem sind, ist authentisch und komplex – ungeachtet von Hautfarbe oder Sexualität. Die Handlung erstreckt sich über einige Jahre, in denen die wichtigsten Charaktere eine immense Entwicklung durchmachen, sich dabei aber selbst immer treu bleiben. Sie begehen furchtbare Fehler, aber es sind die Fehler, die sie machen mussten. Sie feiern Erfolge, und es sind die Erfolge, die nur sie so erreichen konnten. Diese Person hat in dieser Situation und mit diesem Background gar keine andere Wahl. Der Schreibstil ist so intelligent wie die Handlung, dabei aber erstaunlich locker und fast schon jugendlich. Dazu kommt eine Dosis Humor, und verbunden mit der zum Nachdenken anregenden Handlung ist das meines Erachtens eine großartige Mischung. Weil das Gehirn kein Muskel ist, habe ich den Muskelkater stattdessen in den Armen. 736 Seiten haben ein ganz schönes Gewicht… FAZIT In der Zukunft wird die Welt von Superreichen regiert, doch das System des skrupellosen Kapitalismus steht kurz vor dem Zusammenbruch. Immer mehr Menschen werden zu ‘Walkaways’, die dieser Welt den Rücken kehren und in verlassenen Gebieten ganz neu anfangen – mit gänzlich anderen Vorstellungen von einer gerechten Gesellschaft, in der niemand ‘gewinnt’ und niemand ‘verliert’. Für mich ist “Walkaway” ein großartiges Buch. Ich hatte beim Lesen ununterbrochen das Gefühl, scharf nachzudenken und alles zu hinterfragen, und langweilig ist mir das nie geworden. Aber man sollte schon ein gewisses Interesse an sozialökonomischen Themen mitbringen! Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog 'Mikka liest von A bis Z': https://wordpress.mikkaliest.de/2018/08/03/rezension-cory-doctorow-walkaway/

