
Eine Verschwörung aus Kreidestaub
Nichts wünscht sich der junge Joel mehr, als eines Tages ein Rithmatist zu werden, ein Kreidezauberer, der mit nichts als seiner Fantasie Formen lebendig werden lassen kann. Doch leider fehlt ihm jedes Talent dazu und so bleibt sein Traum unerreichbar und er nur ein normaler Schüler an einer Akademie für Fähigere. Doch dann erschüttern seltsame Ereignisse die Schule und dann das ganze Land: Rithmatistenschüler verschwinden, Entführungen und Morde häufen sich. In seiner Neugier schafft Joel es, sich selbst in die Ermittlungen zu verstricken und was er herausfindet, lässt ihm die Haare zu Berge stehen… Brandon Sanderson, der König der modernen Fantasy, lädt den Leser mit diesem Jugendbuch-Einzelband auf eine Reise in eine Welt ein, die unserer gar nicht mal so unähnlich ist. Grob angelehnt an unsere Welt im 20. Jahrhundert spielt die Handlung auf den Vereinigten Inseln, eine interessantere Version der USA. Ein wenig erinnert die Technologie und die Atmosphäre an Steampunk-Fantasy, auch wenn weit und breit keine Dampfmaschinen zu finden sind. Stattdessen gibt es eigentümliche Maschinen, die mit riesigen Federn aufgezogen werden, rasenmähende Metallkrabben und mechanische Pferde. Wie üblich sind Brandon Sandersons Fantasie keine Grenzen gesetzt. Der wirkliche Star der Geschichte ist aber natürlich die Kreidemagie, deren Skizzen auch immer wieder als schönes Detail im Buch zu finden sind. Auch diese Idee ist ungewöhnlich und vielversprechend, sie kombiniert die Idee von Zauberei aus Runen oder Zeichen mit etwas Neuem und einer nicht zu unterschätzenden Menge Mathematik. Kein Wunder also, dass ihre Schüler regelmäßig an ihr verzweifeln. Nicht jedoch Joel. Er ist sechzehn und wirkt manchmal wirklich recht jung, nicht jede seiner Handlungen ist durchdacht und er hat noch so einiges zu lernen. Er besitzt aber auch eine außerordentliche Begabung für Zahlen und Formen und ist außerdem mit einer Menge Forschergeist und Erfindungsreichtum gesegnet. Eine Ausbildung als Rithmatist bleibt ihm verwehrt, doch er gibt nicht auf und will trotzdem alles über diese erstaunliche Kraft lernen. Eine Weile wirkt die Rithmatik ein wenig merkwürdig, weil ihre Anwendung beinahe limitiert und wenig sinnvoll erscheint. Später gibt es dann etwas Kontext dazu, allerdings weniger, als - für Sanderson-Verhältnisse – normal ist. Die Handlung entwickelt sich nach und nach und braucht zu Beginn ihre Zeit, um in Fahrt zu kommen. Danach wird sie zu einer recht rasanten, beinahe Krimi-artigen Verbrecherjagd, bei der mehr als nur die Leben einiger Entführter auf dem Spiel stehen, denn der Verbrecher nutzt Kreidemagie, wie die Welt sie noch nie gesehen hat und mysteriöse Kreidemonster versetzen die Städte in Aufruhr. Es gibt einen größeren Handlungszusammenhang, der auch der Rithmatik ihre Daseinsberechtigung gibt, eine Art Krieg gegen wilde Kreidewesen, die die Menschen bedrohen und auch mehrere angerissene Erklärungen zur Geschichte der Welt und der Magie, doch am Ende führen die leider nicht in die Tiefe. Das Buch fokussiert sich darauf, eine abenteuerliche Verbrecherjagd zu schildern, und das tut es auch, gut verpackt als ansprechendes Jugendbuch, mit liebenswürdigen Charakteren, die dem Leser schnell ans Herz wachsen und einer nicht sofort durchschaubaren, wenn auch nicht unfassbar komplexen Handlung, doch die Welt und ihr Magiesystem hätten durchaus noch eine Menge mehr Potenzial gehabt, eine größere Geschichte zu erzählen. Für Sandersons Ideen scheint ein einzelnes Buch eben nie genug Platz zu bieten. Fazit: Dass dem Hintergrund der Verschwörung und der Magie unter dem Strich in der Handlung nicht so viel Bedeutung beigemessen wurde und das Buch relativ offen endet, ist vielleicht nicht für jeden Leser ganz zufriedenstellend – das Buch ist eben nicht Sandersons Meisterstück – und man darf auch nicht vergessen, dass es sich um ein recht frühes Werk und Jugendbuch handelt, bei dem der Fokus anders gesetzt ist, als etwa bei den Sturmlicht-Chroniken. Nichtsdestotrotz bietet „Der Rithmatist“ ein unterhaltsames Abenteuer, eine kurzweilige, spannende Mischung aus Verbrecherjagd, magischen Zeichen und ein wenig jugendlichem Coming of Age, in einer faszinierenden Welt, über die ich gerne noch eine Menge mehr erfahren hätte: die Reise durch das kreideverstaubte Neubritannien hat sich doch gelohnt.
























