Cuma ist Spielhalleninhaber in der fiktiven Kleinstadt Steinheim. Seit er einst als mutmaßlicher Mörder in Untersuchungshaft war, hat er seinen Ruf nicht mehr retten können. Statt sich darüber zu grämen, beschließt er, sein Leben im Sinne von "ist der Ruf erst ruiniert..." zu leben und sich nicht um das Urteil anderer zu scheren. Nun betrifft das nicht nur ihn, sondern auch seine Frau und seine beiden Kinder. Die Loyalität dem Vater gegenüber hat demnach ihren Preis. Das Buch wird hauptsächlich aus der Perspektive der vier Familienmitglieder erzählt. Die Figuren sind gut gezeichnet, wobei in meinen Augen insbesondere die Mutter sehr spannend und glaubhaft gelungen ist. Bei den Kindern gibt es interessante Aspekte, die beiden bleiben mir aber insgesamt etwas zu oberflächlich. Auch von Cuma konnte ich mir nur bedingt ein Bild machen, was seine Persönlichkeit angeht. Die inneren Konflikte der Charaktere sind allerdings tatsächlich bei allen gut raus gearbeitet worden. Der Schreibstil ist angenehm und kurzweilig. Es gibt Szenen die sich mir sehr lebhaft und gut eingeprägt haben, allein durch die literarische Art und Weise, wie sie geschildert werden. Hier wird das Talent des Autors deutlich. Der Plot ist nur bedingt als solcher zu Bezeichnen, es dreht sich alles eher um die Figurenentwicklung. Die Geschichte bewegt sich recht linear auf die Eröffnung eines neuen Mega Casinos zu. Ohne zu viel zu verraten, möchte ich doch anmerken, dass ich mir vom Schluss etwas mehr erwartet habe. Durchaus lesenswert.
Sternebewertung fiktiv
Cihan Acar erzählt in Casino keine reine Milieustudie. Er erzählt eine Familiengeschichte. Über Macht. Über Gerüchte. Über Loyalität. Und über die Frage, wie viel Vergangenheit in einer Gegenwart mitschwingt. Cuma Karagöz betreibt mehrere Casinos in Steinheim. Man kennt sie. Man spricht über sie. Für manche ist er so etwas wie der „Pate von Steinheim, mächtig, einflussreich, jemand, der Probleme lösen kann. Für andere ist er einfach Ehemann und Vater. Und genau da setzt der Roman an, bei diesem Spannungsfeld. Auf der einen Seite das Imperium, die nächste Eröffnung, der Ruf. Auf der anderen Seite Hannah, er nennt Sie Hülya, seine Jugendliebe. Eine Frau, die aus schwierigen Verhältnissen kommt, die Familie immer als Schutzraum verstanden hat. Sie hat mit ihm bei null angefangen. Sie weiß, dass nicht alles Gerede erfunden ist. Es ist immer da, dieses Gefühl aber auch ihre Loyalität. Die Geschichte beginnt fast unspektakulär, beinahe wie eine Nachbarschaftserzählung. Es plätschert. Man beobachtet. Und dann, mit dem Moment, in dem die Vergangenheit des Mannes konkreter wird und die Entscheidung zur Selbstständigkeit, zum Casino thematisiert wird, zieht es an. Denn die Familie wird gemieden. Cuma wurde vor Jahren wegen dem Verdacht des Mordes an seinen alten Arbeitgeber verhaftet und später freigesprochen. Und dennoch, selbst seinen Familienmitglieder leiden an den zweifelnden Menschen in der Umgebung und auch manchmal seine Frau. Erst da hat mich der Roman wirklich gepackt. Denn natürlich denkt man bei diesem Milieu sofort an dunkle Machenschaften. An Schatten. An Machtspiele. Aber Casino bleibt leiser. Intimer. Es geht weniger um Kriminalität als um Wahrnehmung, um das Leben mit einem Ruf, um Einsamkeit trotz Reichtum. Hannah fühlt sich isoliert. Gemieden. Schon allein wegen der Gerüchte. Und doch hält sie die Familie zusammen. Besonders stark fand ich das Bild des Baumes, den sie im Garten pflanzen lässt. Ein Sichtschutz nach außen, aber für mich auch ein Symbol für Wachstum, Wandel und Verwurzelung und die Familie. Der Roman ist schmal, lässt aber viel Raum für Gedanken. Für Zwischentöne. Für das, was nicht ausgesprochen wird. Für mich hatte das Buch irgendwie 90er-Vibes, es hat mich an vieles aus meiner Kindheit erinnert. Vielleicht an diese Zeit, in der man wusste, dass manche Familien „anders“ sind, ohne genau benennen zu können warum. Das Ende fand ich emotional. Nicht spektakulär. Aber friedlich. Fast versöhnlich. Eine leise Art von Abschluss inmitten von Ungewissheit. Ich habe es gern gelesen und kann empfehle es daher auch gerne weiter.

