„Achtsamkeit ist eine private Praxis. Im Privaten hat sie ihren Platz. Doch wenn sie vorgibt, die Welt retten zu können, überschreitet sie ihre Grenzen. Das dürfen wir nicht länger hinnehmen. Zu viel steht auf dem Spiel.“ (S. 252) Achtsamkeit – am A***! Tschuldigung, das musste kurz raus. Ich kann’s nämlich nicht mehr hören. Und genau deshalb habe ich zu diesem Buch gegriffen. Weil es ein für allemal aufräumt mit dem Märchen, gegen den Wahnsinn der Welt helfe ein positives Mindset. Lerne zu schweigen, ohne zu platzen – das alleine wäre schon eine Herausforderung. Oder, um es mit Shirley Manson zu sagen: „The trick is to keep breathing.“ Aber nun zu Kathrin Fischer und ihrem Buch "Achtsam geht die Welt zugrunde". Die Autorin beschreibt Achtsamkeit in der heutigen, populären Form nicht als Lösung, sondern als Ablenkungsmanöver. Eines, das uns permanent mit uns selbst beschäftigt hält und uns genau dadurch davon abhält, die Welt tatsächlich zu verändern. Das Individuum rückt in den Fokus, nach dem Motto: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Was dabei verloren geht, ist der Blick auf Strukturen. Die Achtsamkeitsströmung kommt nicht selten mit einer gewissen Strukturblindheit und Weltvergessenheit daher. Das hat eine fatale Verschiebung zur Folge: „Ziel ist nicht, die Welt zu verändern, sondern sie zu bewältigen.“ (S. 162) Gesellschaftliche Ungerechtigkeit lässt sich aber nicht wegatmen. Es sei denn, man sitzt insgesamt weicher als andere. „Das neoliberale Wirtschafts- und Staatsverständnis und die Psychologisierung des Sozialen sind ziemlich beste Freunde.“ (S. 106) So gut kann keine Atemtechnik sein, dass sich durch sie Klimakrise, Wohnungsnot, Demokratiezerfall oder Kriegszustände in Luft auflösen. Im schlimmsten Fall gipfelt das Ganze in einer "toxische[n], weil fahrlässige[n] Gelassenheit" – einer Haltung, die mehr verdrängt als bewältigt. Dabei zeigt das Buch durchaus auch, worauf Achtsamkeit ursprünglich basiert: auf einer religiös-philosophischen Praxis, die mit Disziplin, Reflexion und einem klaren ethischen Rahmen verbunden ist. Fischer zeichnet nach, wie daraus im westlichen Kontext eine entkernte Lebensphilosophie wurde – angepasst an einen neoliberalen Mainstream, der sie trivialisiert, kommerzialisiert und funktionalisiert hat. "Achtsamkeit als Ausdruck eines bewussten Lebensstils, geprägt von Well-Being, Selfcare und dem Wunsch nach emotionaler Selbstprogrammierung ist vor allem ein Phänomen der Mittel- und Oberklassen." (S. 76) Hauptzielgruppe: erschöpfte Frauen. Denn das Versprechen, mithilfe von Meditation, Journaling und der Anleitung zum Runterkommen funktionstüchtig zu bleiben, ist gesellschaftlich deutlich anschlussfähiger, als die Ursachen von Erschöpfung wirklich anzugehen. Achtsamkeit wird so zu einem Instrument, mit dem sich reale Sorgen und Ängste zumindest kurzfristig überdecken lassen. Dass das keine nachhaltige Lösung ist, liegt auf der Hand. Im Gegenteil: Es kann sogar einen spaltenden Effekt haben, weil Probleme individualisiert werden, die eigentlich kollektiver Natur sind. Ich bin eine realistische, pragmatische Person mit Tendenz zum Pessimismus. Und trotzdem hatte ich beim Lesen mehrfach den Impuls, das Buch wegzulegen. Nicht, weil es schlecht wäre, sondern weil es schwer auszuhalten ist. Weil es den Finger so konsequent in die Wunde legt. Weil es einen mit einem Ausmaß an gesellschaftlichem Fatalismus konfrontiert, das man erstmal verdauen muss. Am Ende dieses Buches wird euch Achtsamkeit nicht mehr helfen. Dann bringt auch tief durchatmen nichts mehr. Denn es ist fünf vor zwölf. Oder ehrlicherweise bleiben nur 85 Sekunden. Wollt ihr diese wirklich im Schneidersitz verbringen – atmend und säuselnd, während draußen die Welt brennt? Es ist kein Ratgeber, sondern ein hochkomplexes Werk, das gesellschaftlich relevante Bereiche beleuchtet und im Zusammenspiel mit dem menschlichen Wunsch nach Verdrängung, Stabilisierung und Heilung betrachtet. Fischer zieht dabei auch Parallelen zu historischen Krisen wie der Weltwirtschaftskrise von 1929 und deren politischen Folgen. Obacht! Daher ruft die Autorin zur kollektiven, statt individuellen Achtsamkeit auf, denn nur so können sich Systeme stabilisieren. Politische, ökonomische und ökologische Stabilisierung nimmt die Last der Selbstoptimierung von den Schultern der Einzelnen. Unsere Gefühle entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind eng verwoben mit den Umständen, in denen wir leben. Das eine bedingt das andere. Daher ist es völlig absurd zu glauben, die Lösung unserer Probleme sei in uns selbst zu finden. Lediglich die Kraft, uns mit der Realität auseinanderzusetzen und die brenzlige Lage, in der wir uns befinden, anzuerkennen, müssen wir selber aufbringen.
25. Apr.Apr 25, 2026
Achtsam geht die Welt zugrundeby Kathrin Fischerhanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
