27. Apr.
Rating:4

Eine berührende Geschichte mit unerwartetem Tiefgang 

Ich hab ja so einen kleinen Staubsaugerroboter, der hier ab und zu rum fährt und alles sauber macht. Kehrbert nenne ich ihn liebevoll und ich hab schon mal überlegt ihm ein paar Augen auf zu kleben, damit es authentischer wirkt, wenn ich mit ihm rede. Das tue ich nämlich tatsächlich ab und zu und auch Besucher, die ihn in Action erlebt haben, sprechen ihn an. Irgendwas üben diese kleinen Helfer auf uns aus. Und wenn wir dann dieses Buch lesen dann wissen wir, dass wir richtig liegen. Scout ist der Saugwischroboter von Harold. Seine Frau ist gestorben und sein SmartHome macht sich Sorgen, dass er einsam wird. Neben Scout gibt es noch Auto, Watch, Kühlschrank und einige mehr. Dann taucht Kate auf, die verlorene Tochter, die dem Vater eine schlechte Nachricht überbringen muss. Seine Haushaltsgeräte beschließen, ihm zu helfen, und Adrian der Nachbarsjunge ist mit von der Partie. Was sich als süße kleine Geschichte zusammensetzt, entpuppt sich mit fortschreiten des Textes zu einer Dystopie, die einem nicht nur schöne Gefühle macht. Im Hintergrund regiert das Raster, dass das Leben aller Menschen bestimmt. Man wird überwacht, man lebt sehr eingeschränkt, aber man lebt in Frieden, dem man sehr vieles opfern muss. Es versteckt sich eine liebevoll geschriebene Geschichte zwischen den Buchdeckeln. Mit so viel Tiefgang hatte ich gar nicht gerechnet. doch wir beschäftigen uns hier tatsächlich mit politischen Themen, die zwischen den Zeilen mitschwingen. Was passiert, wenn immer mehr Sicherheit unsere Freiheit einschränkt. Wer bestimmt, wann wir wie zu leben haben. Einige Gedanken haben mich schon sehr beschäftigt. Auch die Geschichte rund um Kate und deren Abwesenheit ist gleichzeitig spannend und beunruhigend. Dass der Text manchmal etwas holprig wird, weil er Ereignisse nicht nahtlos eingefügt werden oder die Namen der Haushaltsgeräte etwas sperrig wirken, fand ich jetzt zweitrangig Mir hat die Lektüre ganz gut getan. Sie ist leicht zugänglich, hat aktuelle und wichtige Botschaften und einen besonderen Unterhaltung Wenn ihr also auf der Suche seid, nach etwas leicht dystopischen, das warm und wertschätzend daherkommt und mit einigen spannenden Elementen aufwartet dann empfehle ich das Buch sehr. Meine Rezensionen geben immer ehrlich meine eigene Einschätzung wieder, unabhängig davon, ob ich das Buch selbst gekauft habe oder es mir vom Verlag oder den Autoren zur Verfügung gestellt wurde.

Die unendliche Sehnsucht der Haushaltsgeräte
Die unendliche Sehnsucht der Haushaltsgeräteby Glenn Dixonhanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
27. Apr.
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Rating:5

1984 meets Wall-E „Sämtliche Apparate im Haus… verfügten… über ein unterschiedliches Maß an Bewusstsein.“ (S. 20) In einer Welt, in der die Geräte, Wohnungen und Häuser immer smarter werden, wehrt sich ein kleiner Staubsaugerroboter dagegen, dass ihr Besitzer Harold nach dem Tod seiner Frau Edie aus seinem Haus entfernt und in ein Heim gesteckt werden soll. Scout gehört schon seit Jahren zu diesem Haushalt, hat Edie immer beim Klavierspielen und Harold beim Vorlesen zugehört. In gewissen Grenzen sind die Haushaltgeräte nämlich selbstständig. So hat sich Scout ihren Namen und ihr Geschlecht selber ausgesucht, nach einer Figur aus Harolds Lieblingsbuch. Sie entscheidet auch selber, wann sie was putzt. Und nachts, wenn die Menschen schlafen, trifft sie sich mit den anderen Geräte in der Küche. Sie alle führen ein autarkes, autonomes Leben und haben ein Bewusstsein. Scout ist die jüngste und wird von ihnen als Kind angesehen, deswegen lässt man ihr einiges durchgehen, was eigentlich verboten ist. Doch als Scout Gefühle entwickelt, über den Sinn des Lebens philosophiert und darüber nachdenkt, was sie von Menschen unterscheidet, verstehen die anderen sie nicht mehr. „Du kannst nichts fühlen.“ „Kann ich wohl. Zumindest metaphorisch.“ (S. 136) „Das Raster ... will besser als die Menschen werden. Es wird bald stärker sein, schneller und klüger.“ „Nur eben nicht menschlich.“ „Nein, aber das ist auch nicht so wichtig.“ (S. 208) Glenn Dixon zeichnet eine dystopische Welt, die mich stark an 1984 erinnert, in der eine KI namens Raster alles kontrolliert und entscheidet. Unbemerkt hat sie die Welt übernommen, doch für die Menschen fühlt sich alles ganz normal an, bis sie alt werden… Sie sind es gewohnt, dass ihre Watch ihre Lebensfunktionen überwacht und im Notfall reagiert. Dass sich der Wasserkocher anschaltet, wenn sie Tee wollen, und der Kühlschrank automatisch nachbestellt, was fehlt. Komfort ersetzt Selbstbestimmung – leise, effizient und scheinbar fürsorglich. Alle Haushaltsgeräte haben ihre Funktion und eine Stellung innerhalb einer Hierarchie. Scott ist wie das Kind einer Gemeinschaft, das von allen zusammen großgezogen wird. Das fand ich extrem faszinierend. Überhaupt habe ich Scout sofort ins Herz geschlossen: Sie ist neugierig, fürsorglich, beinahe zärtlich in ihrer Wahrnehmung der Welt. Sie schaut gern aus dem Fenster und beobachtet Vögel – und sie ist es auch, die den Plan schmiedet, das Haus für Harold zu retten. Harold wiederum spricht mit ihr, als wäre sie ein Mensch. Und genau darin liegt die leise, berührende Kraft dieses Romans: in den Momenten, in denen die Grenze zwischen Mensch und Maschine verschwimmt. Beim Lesen hatte ich immer wieder Bilder aus Wall-E vor Augen – und wie im Trickfilm musste ich am Ende tatsächlich weinen. Ein berührender Roman über Einsamkeit, Fürsorge und die Frage, was es eigentlich bedeutet, menschlich zu sein – und vielleicht gerade deshalb ein echtes Lesehighlight.

Die unendliche Sehnsucht der Haushaltsgeräte
Die unendliche Sehnsucht der Haushaltsgeräteby Glenn Dixonhanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
21. Apr.
Sanfte Stimmen aus einer stillen Zukunft
Rating:4.5

Sanfte Stimmen aus einer stillen Zukunft

Eine leise, fast zärtliche Geschichte entfaltet sich zwischen Kabeln, Sensoren und der großen Frage nach dem, was ein Herz eigentlich ausmacht. Scout, dieser kleine Staubsaugerroboter, wächst einem überraschend schnell ans Herz, weil er nicht nur Schmutz beseitigt, sondern auch beginnt, Gefühle zu begreifen, die eigentlich nicht für Maschinen gedacht sind. Die Atmosphäre ist ruhig und melancholisch, getragen von Harolds Trauer und der stillen Präsenz seiner verstorbenen Frau. Besonders berührend ist, wie die Haushaltsgeräte versuchen, diese Leere zu füllen, ohne wirklich zu verstehen, was Verlust bedeutet. Genau darin liegt die Stärke des Romans, denn zwischen den Zeilen entsteht eine tiefe Menschlichkeit, die gerade durch die Maschinen sichtbar wird. Die Sprache fühlt sich sanft und warm an, beinahe wie ein leises Flüstern durch ein verlassenes Zuhause. Manchmal hätte ich mir etwas mehr Dynamik gewünscht, doch gerade diese Entschleunigung passt auch zur Geschichte selbst. Zurück bleibt ein nachdenkliches Gefühl und die Erkenntnis, dass Menschlichkeit vielleicht weniger mit Perfektion zu tun hat als mit Empathie, Erinnerung und Verbundenheit.

Die unendliche Sehnsucht der Haushaltsgeräte
Die unendliche Sehnsucht der Haushaltsgeräteby Glenn Dixonhanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG