Die Sprache – ein Hochgenuss. Die erzählte Geschichte - zugleich nüchtern und einfühlsam.
Es ist das zweite Buch, das ich von Behzad Karim Khani lese. Nach Hund,Wolf, Schakal finde ich dieses Buch sprachlich noch eindrucksvoller. Es ist wirklich bemerkenswert, wie es dem Autor gelingt, mit auf das Minimalste verkürzten Sätzen so eindringlich Erinnerungen an das Aufwachsen in einem fremden Land und die Auseinandersetzung mit der eigenen Perspektive, der der Eltern und der Umgebung zu erzählen. Gerade diese Sprache macht das Buch für mich besonders.
Mit Abstand das beste Buch, was ich dieses Jahr gelesen habe. Der Schreibstil ist einzigartig und an Eloquenz kaum zu überbieten. Klare Leseempfehlung!
Wieder einmal fühle ich mich bei einigen Beschreibungen der Deutschen „erwischt“. Das Schicksal der intellektuellen Eltern empfand ich als sehr rührend beschrieben.
Lyrische, dichte Sprache. Eigener Stil, voller Pathos. Werden und Sein eines Problemausländers, in einem abgefuckten Viertel von Bochum. Kein Zuhause, keine Perspektive. Ausgeschmückte Erinnerungsfetzen. Der sensible, würdevolle persische Vater. Ein starke Figur. Liest sich besser in Happen statt am Stück.
„Ich weiß auch nicht, was in mir überleben wollte und warum. Weiß nicht, wann ich entdeckte, dass Angst, Schrecken und Furcht stabilere Währungen sind als Liebe, Vertrauen oder Freundschaft. Und dass Stabilität den Wert einer Währung ausmacht. Oder wann ich begann zu verstehen, dass ich diese Entdeckung mit denen teilte, die wie ich früh schon geahnt hatten, dass es ein Privileg sein kann, zu wissen, dass die Welt nicht auf uns gewartet hat. Und die schlau genug waren, jedem zu misstrauen, der ihnen was anderes erzählte.“
Ein Junge flieht mit seinen Eltern in den 90ern aus dem Iran ins Ruhrgebiet. Dort wächst er auf inmitten eines Klimas von Armut, Fremdenfeindlichkeit und zunehmender Gewalt.
Um es kurz zu machen: Ich habe mich in die Sprache des Buchs verliebt. Weiß nicht, wann ich das letzte Mal ein so schön geschriebenes Buch gelesen habe, das gleichzeitig so harte und traurige Realitäten beschrieben hat. Ich habe es in wenigen Stunden verschlungen.
…dann liest man ein wichtiges Buch.
Behzad Karim Khani schildert in diesem autofiktionalen Roman vom Aufwachsen, vom Ankommen und vom Nicht-Ankommen in einem Deutschland, das die meisten Deutschen gar nicht kennen.
Die Perspektive von Migranten, sowie deren Kindern ist gewaltig, wuchtig, und auch wichtig.
Karim Khanis Sprache ist dabei erfrischend, zugleich bisweilen nicht leicht zugänglich für mich gewesen.
Doch da sind diese Sätze, die mitten ins Mark treffen:
„In der Auseinandersetzung mit mir selbst weiß ich, dass ich lüge. Dass ich in Wirklichkeit eine Gerechtigkeit herstellen wollte, in der nicht ich so heile bin wie alle anderen, sondern alle anderen so kaputt wie ich.“
In unserem Land, das zunehmend ungerechter wird, besonders zu Menschen, die von Anfang an keine Chance haben, weil sie nie gewollt waren, ist es besonders wichtig, diese Perspektive gezeigt zu bekommen.
Ich habe das Buch an einem Tag durchgelesen. Verschlungen. Überwältigt von der Kraft der Sprache. Von den Weisheiten einer Migrantenjugend im Bochumer Ghetto.
„Als wir Schwäne waren“ von Behzad Karim Khani hat mich sehr berührt. Die eindringliche Sprache und die dichte Atmosphäre zeichnen ein schonungsloses Bild vom Aufwachsen in den Plattenbausiedlungen der 90er-Jahre, geprägt von Migration, Armut und dem Ringen um Zugehörigkeit. Besonders beeindruckt hat mich, wie der Autor es schafft, Hoffnung und Verzweiflung so nah beieinander zu zeigen. Wie bei solchen Büchern oft, regt es stark zum Nachdenken an über Heimat, Chancen und Ungleichheit. Es hat mich zugleich dankbar gemacht für das, was ich in meinem eigenen Leben habe. Ein bewegendes und nachhallendes Leseerlebnis
Eine bildstarke und poetische Geschichte über eine Familie, die in den Neunzigerjahren aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet ist.
Nach Deutschland, «wo von nichts nichts kommt. Man auf einem Bein nicht stehen kann. Wo man nicht aus Zucker ist. Keine Müdigkeit vorschützt, Nägel mit Köpfen macht und sich nicht zwei Mal bitten lässt. Wo man schliesslich nicht blöd ist. Wo sicher sicher ist und Geiz geil. Wo ‚Du bist Gast hier!‘ eine Drohung ist. Wo ja jeder kommen kann. Wo man B sagen muss, weil man A gesagt hat, und ende es in Stalingrad.»
Eine Geschichte über Ankunft und Aufbruch, über Freud und Frust, über Heimat und Heimatlosigkeit.
Einfach. Grossartig.
Eine Leseempfehlung von Literaturclub-Gast Lorenz Häberli @loundleduc . Absolut lesenswert:
👍👍👍👍👍
"Als wir Schwäne waren" verdient definitiv noch viel mehr LeserInnen! Wenn ihr "Vatermal" mochtet, oder "Radio Sarajevo", dann holt euch fix diesen Roman und dankt mir später!
„We’re the same assholes as anyone else - but with less power“
Diesen Satz, den Behzad Karim Khani während des Gesprächs im Rahmen der @texttage.nuernberg aus der Hüfte geschossen hat, summiert so ziemlich alles, was man über „Als wir Schwäne waren“ wissen muss: Der Autor kann virtuos mit Sprache umgehen, ist enorm selbstironisch und sein Schreiben ist radikal in vielerlei Hinsicht - in der Sprache, in seiner Ehrlichkeit, in seiner Haltung und dem, was er als Autor will: einen Blick dorthin werfen, wo es weh tut und er sich auskennt; aushalten, dass sich vieles nie ändern wird, und der Tristheit und dem Schmerz dennoch etwas entgegensetzen. Khani bildet Realitäten ab und schaut dabei so genau hin, dass dort, wo man als LeserIn bekannte Bilder von Gewalt, Problemvierteln und Armut zu sehen glaubt, vollkommen neue Perspektiven entstehen. Es geht weniger um die perfekt komponiert und gebaute Geschichte, wie wir es z.B. im Roman „Vatermal“ von Necati Öziris haben (bei dem übrigens auch kein Satz zu viel steht), hier geht es sehr viel mehr um das WIE.
Khanis Sprache ist messerscharf, poetisch, pointiert und für sich genommen schon ein Kunstwerk, in seiner Gesamtheit als Roman in jedem Fall ein Genuss. Die Figuren wird man dabei vielleicht nicht in Gänze verstehen oder durchdringen können, ebenso wenig wird man erfahren, wie es mit ihnen allen weitergeht, oder wo genau die Geschichte beginnt, aber man wird definitiv nie vergessen, was der Ich-Erzähler dazwischen erlebt und vor allem gedacht hat - auf welche Weise er seine und diese Welt gesehen und festgehalten hat.
Ich hätte gerne noch länger in diesem Roman gelesen, auch wenn ich weiß, dass es gerade seine Kürze ist, die ihn so stimmig macht. Denn WIE Khani schreibt, ist durchaus fordernd - fordernd für ihn im Schreibprozess (wie er auf der Bühne erzählte), aber auch fordernd für die Lesenden selbst.
Häufig geht man nochmal an den Anfang eines Satzes zurück, weil man nicht ganz sicher ist, ihn komplett erfasst zu haben - oftmals aber auch nur, weil er so schön ist, so schmerzhaft oder einfach so absolut originell.
Große Empfehlung!!
Eine Geschichte über das Aufwachsen in Armut, mit Rassismus, in einer Nachbarschaft im Ruhrgebiet mit wenig Perspektiven und mit der Suche nach Herkunft, eine Geschichte, die so unglaublich wunderschön und poetisch geschrieben und voller Verletzbarkeit und Jugend ist, sich vielleicht auch aufgrund der autofiktionalen Bezüge echt und greifbar anfühlt, eine Geschichte, die mal scheinbar distanziert Gewalt schildert und dann wieder voller feinem Humor ist. Kurz: Eine extrem gut geschriebene Geschichte, die ich nur weiterempfehlen kann und die ein starker und wichtiger Beitrag zur deutschen Literatur ist.
"Wie mein Vater hat auch meine Mutter Sätze, die sie wie Pflöcke in die Welt rammt. Mit denen sie Zäune zieht und Wege markiert. Einmal zeigt sie auf die Pflastersteine unter ihren Füßen und sagt, dass man sie nur an den Ecken etwas abschleifen muss, um die ins Rollen zu bringen."
Die Sätze, mit denen uns Behzad Karim Khani in seinem Roman 'Als wir Schwäne waren' konfrontiert sind meisterhaft konstruiert. Manchmal klatscht er sie dem Leser wie eine nasse Zeitung um die Ohren, manchmal hängt er sie ihm als zentnerschweres Gewicht um den Hals. Seine Schreibart, dieses Spiegelvorhalten, ist teilweise schwer zu verdauen, doch mich hat es total abgeholt und tief berührt. Ich habe den ganzen Schmerz und die Wut in Khanis messerscharfen Sätzen gespürt.
Hach, es hat mich einfach nicht abgeholt - die Sprache zu poetisch, zu vage, die Handlung geht nur schleppend voran.. Meinen Geschmack hat es leider nicht getroffen.
„Und ich, tausend Lügen klüger, sagte nicht, dass fair ein so einfaches Wort ist, und Gerechtigkeit ein so schwieriges und ich, tausend Wunden hoffnungsvoller, sagte dir nicht, dass wir alle an den längeren Wort gescheitert sind.“
(Seite 7)
Das war ein wirklich toller, sehr organischer Read, den ich nicht aus der Hand legen konnte. Literarisch wirklich fantastisch. Habe jede Seite gemocht und fand die Geschichte sehr einfühlsam, packend und lehrreich.
"Wir reißen aus. Sternenförmig. Stolpernd. Manche suchend. Keiner ahnend. Wir verabschieden uns und bleiben da. Unser Viertel ist ein Aquarium. Wir verstehen nur die Scheiben nicht."
Der Protagonist, der mit seinen Eltern aus dem Iran ins Ruhrgebiet geflohen ist, erlebt seine Jugend in einer tristen Siedlung, in der vieles kaputt, grau und laut ist. In den Familien der Siedlung wird gestritten, gekämpft, in Armut gelebt. Auf den Straßen der Siedlung ebenso, Gewalt aus Langeweile, als Machtdemonstration oder aufgrund von gekränktem Stolz gehört dazu.
Hin- und hergerissen zwischen einem Elternhaus, in dem an Stolz und Hoffnung geglaubt wird, und einem Umfeld, in dem beides sehr anders definiert wird, gerät der Protagonist immer mehr auf die schiefe Bahn. Er verspürt eine unbändige Wut, eine gerechte Wut, die aber nicht immer gerecht adressiert wird.
'Als wir Schwäne waren' ist ein sprachlich unheimlich starker Roman, der auf äußerst verletzliche Art Gewalt thematisiert. Behzad Karim Khani schafft es, sehr eindringliche Bilder mit Sprache zu erschaffen, die den Roman zu einem ganz besonderen Erlebnis werden lassen. Dazu dann noch die Thematik der Diaspora, der Identitätssuche in einem Umfeld, das wenig Möglichkeiten lässt. Ein Autor, von dem ich unbedingt noch viel mehr lesen möchte.
CN: G3walt, Alkoh0lmis$brauch, B0dyshaming, Tierquäl3rei, Ras$ismus, selbstv3rletzendes Verhalten, T0d, M0rd, Dr0genabhängigkeit, Roma-Feindlichkeit, Abl3ismus, Verg3waltigung
Ein starkes, poetisches Buch, das definitiv zum Nachdenken anregt!
Der Roman erzählt aus Perspektive von Reza, der mit seinen Eltern als Zehnjähriger aus dem Iran nach Deutschland kommt, vom Erwachsenwerden im Ghetto. Es geht um Gewalt, Drogen, aber auch um Zusammenhalt und die Suche nach einem Platz in der Gesellschaft.
Bei der Lesung zum Buch in Wien am 14.12.2024 hat Behzad Karim Khani seinen Vater zitiert: "Wenn die Gesellschaft ein Körper wäre, sind die Künstler die Augen." Auch sein Buch sollte so gelesen werden - als Beobachtung und nicht als Debattenbeitrag. Durch diese Statements habe ich für mich erkannt, dass es eigentlich ein Roman ist, der zum Zuhören auffordert, der sagt: So kann das Leben in Deutschland auch ausschauen, das sind Lebensrealitäten, die es anzuerkennen gilt. Es gibt einige Stellen, die schwer zu verdauen sind und eine Reaktion der Leser:innen geradezu provozieren, doch der Tonfall ist nie belehrend oder anklagend, sondern einfach ausdrucksstark, direkt und unverblümt. Der Schreibsstil des Autors ist auf jeden Fall ein großer Gewinn für das Buch und war für mich ausschlaggebend dafür, dass ich den Roman sehr gerne gelesen habe
Dieses Buch ist so wichtig und sprachlich absolut großartig!
Seine Kindheit erlebt der Ich- Erzähler im Iran. Bis er in der 1990er Jahren geinsam mit seinen Eltern nach Deutschland flüchtet. In einer Zeit, in der er der einzige Iraner an der Schule ist und gerade der Film 'Nicht ohne meine Tochter' großes Thema ist.
Und dann tauchen wir mit ihm ein in diese Jugend, die in einer Siedlung im Ruhrpott ihren Lauf nimmt. Erleben, wie er sich als Fremder wahrgenommen fühlt und selbst sein neues Umfeld wahrnimmt. Ein Gefühl von Zugehörigkeit sucht, aber nicht findet. Falsch abbiegt.
"...weiß nicht, wann ich entdeckte, dass Angst, Schrecken und Furcht stabilere Währungen sind als Liebe, Vertrauen oder Freundschaft. Und dass Stabilität den Wert der Währung ausmacht."
Und bald schon wandelt sich Angst in Wut und treibt ihn immer tiefer in eine Welt, die sich nicht richtig anfühlt, aber keine Alternativen bietet. "Gefühleanhalten wird meine neue Superkraft".
Dieses Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gepackt, berührt, beschämt und aufgewühlt. Sprachlich eine Wucht - mal brutal direkt, mal philosophisch melancholisch - hat mich Khani hier in seine Seelenwelt eintauchen lassen, die er selbst bis heute noch zu verstehen versucht. Und mich gleichzeitig gelehrt, wie viel wir alle voneinander lernen können, wenn wir uns dem Neuen öffnen.
Ganz große Empfehlung!
… so kraftvoll und dennoch poetisch zart.
Fand’s mega gut und jeden Satz so stark, dass man Bezahd Karim Khanis Buch nicht nur mal eben einfach so überfliegt. Bin dankbar für das „Back to 90s Feeling“ und lässt mich selbstkritisch in meiner „deutschen Bubble“ zurück.
Klare Lesempfehmung! Sein Debut ist auch direkt auf meiner Wunschliste gelandet…
„Zwei, drei Monate später tätowieren wir uns Ketten um den Hals mit einem Anhänger dran, auf dem YASSIR steht. Die Idee kommt von Silvio. Er hat sich im Knast eine machen lassen. Ich glaube, er hat das aus einem Film.
Etwa fünfzig Jungs aus meiner Nachbarschaft haben dieses Tattoo, das mit einem Versprechen einhergeht. Wir schwören einander, dass das jetzt Brauch ist und jeder einen Anhänger bekommt, wenn er stirbt. Egal, ob wir dann noch Freunde sind oder nicht.“ (S. 160)
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🫧 Worum geht‘s?
Um Heimat und darum, sie zu verlieren. Um Wut, um das Fremdsein, ums Ankommen und Loslassen. Um das Aufwachsen in einer Siedlung im Ruhrgebiet der 1990er Jahre, wo die Küchen keine Abzüge haben, und in deren Fluren es nach Armut, Majoran und Etagenbetten riecht. Um das Erwachsenwerden, um Gewalt, Freiheit und immer auch um Stolz - ein Wort, für welches die persische Sprache zehn, fünfzehn verschiedene Begriffe kennt.
🫧 Meine Meinung
192 Seiten, kurze Kapitel ohne Überschriften, prägnante Sätze, ein Erinnerungsmosaik - das war der zweite Roman von Behzad Karim Khani für mich. Der namenlose Protagonist nimmt uns mit in eine Siedlung im Ruhrgebiet der 1990er Jahre und in eine Kindheit, die manchmal aufregend, oft trostlos erscheint. In manchen Facetten fand ich mich, selbst Kind von Einwanderern, wieder - vor allem in den kindlich bunten Erinnerungen und dass da immer jemand ist, wenn man zum Spielen vor die Haustür geht. Andere Momente blieben für mich ohne Zugang und ich hatte an vielen Stellen das Gefühl, nicht zu verstehen, was der Autor ausdrücken möchte. Viele Sätze eine Aneinanderreihung von Worten, deren Kern für mich verschlossen blieb. Zurück blieb oft nur ein schales Gefühl von Wut, das Aroma von Verlorensein.
🫧 Fazit
Eine Geschichte, die sich mir leider nicht erschlossen hat. Würde ich sie in Filmszenen einfangen wollen, ich glaube, es würde „Sonne und Beton“ dabei herauskommen.
In diesem Roman erzählt Behzad Karim Khani von den Wahrheiten des Alltags in den Plattenbausiedlungen der Bundesrepublik Deutschland, die von unglaublicher Willkür geprägt zu sein scheint. Es ist die Geschichte eines Kindes steht aber stellvertretend für junge Migrant*innen die auch schnell in einer Abwärtsspirale von Armut und Gewalt Wiederfinden.
Autobiographisch erzählt der Autor von seinen eigenen Erfahrungen als sehr jünger Mensch fremd in Deutschland "anzukommen" (wobei er nie wirklich heimisch geworden scheint...).
Er beschreibt wie es ist, wenn akademische Abschlüsse der Eltern plötzlich nicht mehr zählen und man sich als so genannter "Gast" in Deutschland trotz des freundlichen Wortes stets unerwünscht fühlt...
Sprachlich ist der Text eine bewundernswerte Mischung aus poetisch und nachvollziehbarer Wut, der mir sehr gefallen hat und die Message des Buches noch deutlicher gemacht hat!
Ein schonungsloser Bericht darüber, wie es ist in einem Land anzukommen, in dem man unerwünscht ist, die Rückkehr nach Hause aber auch keine Alternative ist.
»Ich kenne meine Einzelteile nicht. Habe sie verlegt. Weiß nicht, wo oder wann. Auf der Flucht. Im Iran. In meinen Träumen, die mir vertrauter sind als mein Wachzustand. Ich träume nicht vom Iran. Ich träume im Iran.« (S.69)
Der 10-Jährige Reza landet mit seinen persischen Eltern nach der Flucht aus dem Iran ausgerechnet im Ruhrgebiet. Am Bochumer Stadtrand ist die Armut Realität. Dazwischen gibt es die kleinen süßen Momente des Glücks, wie der Fund von Kornelkirschen 🍒. In diesem Ballungsraum treffen nicht nur die verschiedensten Personen, Kulturen, Ansichten aufeinander, sondern die Gewalt ist allgegenwärtig.
»Völkerball ist so grausam, dass es aus unserem Viertel kommen könnte.« (S.78) 🏐
Während seine Eltern darüber hinwegsehen, als studierte Soziologin und Schriftsteller über Linguistik diskutieren, sich mit Arbeit über Wasser halten und dabei das bestandene Soziologie-Studium wiederholen, um in Deutschland auch anerkannt zu werden, gelangt er immer tiefer in die Gewalt und nimmt die Karriereleiter abwärts: Von einer gescheiterten Ninja-Clique über ‚Pakt schlägt sich, Pakt verträgt sich‘ bis zum Dealer und Gangster, um kein Opfer zu sein. Hier muss er seine Gefühle ausblenden, um nicht zu zerbrechen. 💔
»Alle sieben Jahre sind wir neu, sagt man. Alle Zellen erneuert. Aber die Narbenzelle erneuert sich wieder in eine Narbenzelle. Vererbt die Wunde. Vergisst nicht. Das Gedächtnis des Traumas liegt in der Wunde selbst.« (S. 175)
Tiefgründig, poetisch, ehrlich, in prägnanten Szenen und im fragmentarischen Erzählstil erzählt der Autor Behzad Karim Khani auch in seinem zweiten Roman »Als wir Schwäne waren 🦢« über das Leben nach einer Flucht aus Kriegsgebiet, das Aufwachsen in Deutschland der 90er Jahre, die eigenen Konflikte und Kriege. Er schreibt über Angst, Zorn, Wut, Zerrissenheit, Schmerz, Verlust, Leere, Zugehörigkeit, Familie, Freundschaft, Erwartungen, Enttäuschungen, Gesellschaftskritik, Verwunderung, Ankommen — oder doch eher (Weiter-)Gehen?
»[…] und dann werde ich mir sagen, dass meine Eltern mir nicht die Fremdheit vererbt, sondern die Welt geschenkt haben.« (S. 186) ❤️🩹
He did it again: Nach seinem erfolgreichen Debüt »Hund, Wolf, Schakal« gelingt es dem Autor auch mit seinem neuen Roman die grausame, gewaltvolle Realität, die existiert, zu transportieren, ohne diese zu verurteilen.
Ganz, ganz große Leseempfehlung.
[CN: Physische Gewalt, Drogen, Rassismus, Kriminalität]
Contentwarnung: Das Buch enthält Themen wie Gewalt, Kriminalität und Alltagsrassismus
„Als wir Schwäne waren“ ist ein bewegender Roman von Behzad Karim Khani, der die Geschichte von Reza erzählt, einem Jungen iranischer Herkunft, der mit seinen Eltern nach Deutschland flüchtet. Der Roman, der in den 1980er und 1990er Jahren spielt, gliedert sich in drei Teile, die chronologisch die Kindheit, Jugend und frühe Erwachsenenjahre von Reza nachzeichnen. Die Familie, bestehend aus dem poetischen Vater und der soziologischen Mutter, sieht sich mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert: ihre akademischen Qualifikationen werden nicht anerkannt, was den Vater dazu zwingt, als Taxifahrer zu arbeiten. In ihrem neuen Zuhause im Plattenbau von Bochum kämpfen sie darum, sich in einer Umgebung zurechtzufinden, die von Armut und sozialen Spannungen geprägt ist. 🌍
Behzad Karim Khani hat den Roman in der Ich-Perspektive und im Präsens geschrieben, was uns eine unmittelbare und intensive Verbindung zu Rezas innerer Welt ermöglicht. Khani verwendet kurze, prägnante Sätze und eine reduzierte Sprache, die dennoch reich an treffenden Bildern und Metaphern ist. Diese stilistische Reduktion trägt zur Intensität der emotionalen Darstellung bei und ermöglicht es, komplexe Gefühle und Situationen auf eindringliche Weise zu vermitteln.
Der Roman ist durchzogen von poetischen Elementen, die eine besondere Atmosphäre schaffen. Die kurzen, oft fragmentarischen Kapitel erinnern an ein Mosaik aus Erinnerungen, das uns die Vielfalt und Fragmentierung von Rezas Erfahrungen vor Augen führt. Gleichzeitig bleibt der Autor bei der Schilderung von Gewalt und sozialen Konflikten sachlich und unverblümt, was den Kontrast zwischen der poetischen Sprache und der rauen Realität verstärkt.
Khani verwebt persönliche Erfahrungen mit allgemeinen Beobachtungen über das Leben von Migrant:innen und die Herausforderungen der Integration. Reza, der als Außenseiter zwischen den Welten lebt, steht im Zentrum der Erzählung, während der Roman gleichzeitig ein vielschichtiges Bild seiner Familie und der Nachbarschaft zeichnet. Die Themen Gewalt, Kriminalität und soziale Ausgrenzung sind ständige Begleiter, während sich Reza mit seiner Identität und seinen Gefühlen gegenüber Deutschland auseinandersetzt. 💔
„Als wir Schwäne waren“ hat mich tief beeindruckt und emotional bewegt. Die fragmentarische Erzählweise und die Sprünge zwischen den Kapiteln erforderten zwar eine hohe Aufmerksamkeit und Bereitschaft, sich auf den offenen Erzählstil einzulassen, doch gerade dies machte den Roman zu einem intensiven Erlebnis. Das Buch ist für mich nicht nur ein literarisches Erlebnis, sondern auch eine eindringliche Reflexion über die Herausforderungen und die Zerrissenheit von Migrant:innen in einer neuen Heimat - eine Geschichte, die mir nicht fremd ist. 💭
Fazit: Trotz seiner kompakten Länge und der fragmentarischen Erzählweise schafft es Khani, eine tiefgreifende und bewegende Geschichte zu erzählen. Die poetische Sprache und die sachliche Darstellung von Gewalt und sozialer Benachteiligung machen das Buch zu einem starken und nachdenklich stimmenden Werk, das ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann. Danke an Vorablesen für dieses Rezensionsexemplar. 📝
"[Ich] Weiß nicht, wann ich entdeckte, dass Angst, Schrecken und Furcht stabilere Währungen sind als Liebe, Vertrauen oder Freundschaft. Und dass Stabilität den Wert der Währung ausmacht. [...] ein Privileg sein kann, zu wissen, dass die Welt nicht auf uns gewartet hat." (S.137)
Selten hat mich ein Buch in letzter Zeit mich so begeistert, so berührt und gleichzeitig so viel gelehrt wie "Als wir Schwäne waren" von Behzad Karim Khani.
Der Protagonist flieht mit 10 Jahren zusammen aus dem Iran mit seinen Eltern ins Ruhrgebiet. Sie wohnen in den 1990er Jahren einem separierten Stadtteil im Ruhrgebiet, die Soziologieabschlüsse der Eltern werden nicht anerkannt, Deutschland und die Siedlung heißen sie nicht willkommen. In dieser harten Umgebung, mit Heimweh im Herzen, suchen sich die 3 auf unterschiedliche Arten ihren Weg, der Ich-Erzähler, der aufgrund der Pubertät zusätzlich noch mehr seine Identität sucht, lernt sich mit Gewalt Respekt zu verschaffen.
Dieses Buch ist nicht bequem, macht es einem nicht leicht und lässt einen trotzdem so viel verstehen. Sollte konnte ich mich so gut in den Handlungsweisen von jemandem einfühlen, der mir normalerweise total entgegensteht. Ich konnte die Verzweiflung, die Wut der Figuren und auch die Gewalt nachvollziehen und das macht dieses Buch so wertvoll für mich.
Besonders erwähnenswert ist die Sprache. Behzad Karim Khanis Schreibstil ist auf der einen Seite ganz klar und direkt und dann wieder so poetisch, voller gewaltiger sprachlicher Bilder und wunderschön. Diese Schönheit unterstreicht den Inhalt und geht unter die Haut, selten habe ich in einem Buch so viele Stellen markiert, die ich am liebsten nie wieder vergessen möchte.
Das Cover hat mir gut gefallen und der Klappentext hat sich super interessant gelesen. Der Roman handelt von Reza und seiner Familie, die in den 1990er Jahren aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet sind. Die Abschlüsse der sehr gebildeten Eltern werden in Deutschland nicht anerkannt und sie leben in einem Armenviertel in Berlin. Der Junge beschreibt seine Jugend und jungen Erwachsenenjahre, die gespickt sind von Gewalt und Trostlosigkeit. Irgendwie schafft er es dennoch, ein "schlechtes Abitur" zu machen. Der Junge kann Deutschland nicht wirklich als Ort der Rettung begreifen, sondern eher als einen, vor dem es wiederum zu flüchten gilt. Insgesamt fand ich die Thematik sehr spannend, jedoch zwischendrin etwas schwierig, der Gedankenwelt des Jungen sowie der Sprache des Autors zu folgen, die doch schon sehr, mir etwas zu sehr, poetisch ist.
Geschildert wird das Leben einer iranischen Familie nach deren Flucht nach Deutschland.
Schonungslos wird unserer Gesellschaft hier gespiegelt, wie mit Flüchtlingen umgegangen wird, und wie wenig Chancen auch Integrationswillige haben, hier eine Heimat zu finden.
Das Buch hat mich betroffen gemacht.