31. Mai
Rating:4.5

Für mich ein super spannendes Buch! Sehr schön und intensiv beschrieben. Die Teile, wo es nicht primär um die autobiographischen Elemente, sondern eher um Kulturgeschichte und andere Wissenschaften ging, fand ich schon eher anspruchsvoll geschrieben, aber mit ein bisschen Konzentration super spannend. Der Epilog ist so toll geschrieben. Dieser Zwiespalt zwischen dem "normalen" Selbstbild, also dem Selbstbild, das ein gesunder Mensch hat, und dem Verhalten und den Gedanken während einer Depression, ist so gut dargestellt. Für mich absolut nachfühlbar.

Liebesmühe
Liebesmüheby Christina WesselyHanser, Carl
5. Feb.
Rating:3

"Müsste nicht der Frage, ob die Postpartale Depression auch als Leiden an der Gesellschaft aufgefasst werden kann - ein Leiden all derjenigen, die es nicht schaffen, den gesellschaftlichen Normen und Forderungen nach guter, richtiger und 'natürlicher' Mutterschaft gerecht zu werden, und die auch deshalb als krank markiert werden -, mindestens ebenso großes Gewicht eingeräumt werden wie den biochemischen Prozessen im Frauenkörper?" (S. 75) Das ist die zentrale Frage, der sich Christina Wessely in ihrem Roman "Liebesmühe" annimmt. Über Monate bereitet sich eine werdende Mutter auf das überwältigenste Ereignis vor, das sie mit Glück und Freude überschütten wird. Doch was, wenn sich die Glücksgefühle nicht einstellen, sondern von Niedergeschlagenheit überschattet werden? Gelähmt von der Vielzahl neuer Aufgaben und der Verantwortung fühlt sich die Protagonistin allein und betrogen. Warum hatte sie niemand gewarnt? Sie erkennt sich selbst nicht mehr. "Ihr Kind hatte sie freudig erwartet, in die Arme gelegt hat man ihr einen fremden Menschen." (S. 10 - Prolog) Von jetzt auf gleich ist sie vollkommen fremdbestimmt, ist ab sofort nie wieder allein. Und Möglichkeiten des Scheiterns und Versagens sind reichlich! Nur mühsam und mit ärztlicher/therapeutischer Hilfe kommt die Frau raus aus der Dunkelheit. Das Buch schüttet eine Schwere über mich, die kaum auszuhalten ist. Mich fröstelt es beim Lesen und ich merke, wie Schultern und Mundwinkel abwärts wandern. Dies ist kein Wohlfühlbuch. Doch ab etwa der Hälfte lässt das Frösteln nach. Nun da die Protagonistin medikamentös eingestellt ein etwas dickeres Fell bekommt, ist auch endlich Platz für Zynismus und Augenrollen. Und wo sonst sind diese stillkissendick zu finden, wenn nicht in Rückbildungs- und Mutter-Baby-Kursen. Außerdem ist sie nun in der Lage, sich wissenschaftlich dem sie umtreibenden Thema zu widmen. Und so wird aus diesem Roman mehr und mehr ein Sachbuch, das das Thema Postpartale Depression mit ihren Symptomen und Therapieansätzen behandelt sowie Schwangerschaft und Mutterschaft in einen historischen, gesellschaftlichen und medizinischen Kontext setzt. Für meinen Geschmack war der Sachbuch-Anteil in diesem Roman zu groß, so dass die zunächst sehr emotionale Tonalität der Geschichte durch die Theorie ausgebremst wurde. Stellenweise gleicht es einer philosophischen Abhandlung. Das Buch ruft dazu auf, sich in Sachen "Kinder kriegen und erziehen", einfach mal wieder zu beruhigen und auf die eigenen und kindlichen Bedürfnisse zu vertrauen, anstatt sich im Optimierungswahn zu zerreißen. Und es macht Mut: Die Dinge verändern sich und wir lernen mit ihnen umzugehen - mal besser, mal schlechter.

Liebesmühe
Liebesmüheby Christina WesselyHanser, Carl
26. Mai
Rating:4.5

Tabuthema als Autobiographie

Der Schreibstil erfordert aufgrund vieler langer und verschachtelter Sätze hohe Konzentration. Doch dranbleiben lohnt sich! Die Autorin regt mit diesem Buch zum Nachdenken an, verhilft dem Leser zu mehr Verständnis für Mütter mit postnataler Depression. Teils informierend, teils schockierend, teils gesellschaftskritisch. Das Ende hält eine überraschende Wendung bereit, denn erst da werden dem Leser die autobiographischen Züge offenbart. Galant gelöst durch den Wechsel von 3. Person zu Ich und eine direkte Ansprache an ihren Sohn. Damit wird die über das gesamte Buch gewahrte Distanz, auch erreicht durch fehlende Namen für die Protagonisten, über Bord geworfen. Insgesamt sehr informativ. Ein super wichtiges Thema! Rückblickend konnte mich das Buch auf alle Fälle überzeugen, auch wenn ich mich zwischendurch damit schwertat. Eine Empfehlung meinerseits! Lest es und lasst uns dem Tabuthema mehr Aufmerksamkeit schenken! 🤞🏼

Liebesmühe
Liebesmüheby Christina WesselyHanser, Carl
14. März
Rating:5

Es ist Anfang August und die namenlose Protagonistin hat gerade ihren Sohn zur Welt gebracht. Sie sollte glücklich sein, wie alle anderen Mütter auch (?), doch sie fühlt sich zunehmend überfordert. Von all den Menschen um sie herum, die ständig etwas von ihr wollen, von der riesigen Veränderung in ihrem Leben und vor allem von ihrem eigenen Kind. Eines Tages hält sie es nicht mehr aus und bricht zusammen. Diagnose: Postpartale Depression. „Liebesmühe“ ist das neuste Werk aus der Feder der Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Christina Wessely. Die Handlung wird von der Protagonistin selbst in der dritten Person dokumentiert, denn ohne diese bewusste Distanzierung könnte sie nicht in Worte fassen, was sie denkt und fühlt. Empfindungen, die so gar nicht zu Konzepten wie „bedingungsloser Mutterliebe“ passen wollen. Auf der anderen Seite ist da aber auch die Wissenschaftlerin in ihr, die gnadenlos analysiert: die Erwartungen, die die Gesellschaft an Mütter stellt, die verschiedensten Erziehungsmethoden, die das Leben mit Kind nur noch zu erschweren scheinen und vieles mehr. Der Blick, den die Protagonistin aus ihrer Depression heraus auf ihr neues Leben mit Kind wirft, ist ebenso beängstigend wie wichtig. In ihrem Unglück hat sie das Glück, dass sie schnell eine passende Therapeutin findet und Familie und Partner sie unterstützen, dennoch liegt ein langer und dunkler Weg vor ihr. Auf diesem findet sie irgendwann auch eine neue Freundin, die noch tiefer in die Depression versunken zu sein scheint, wie sie selbst und die Schuld dafür beim eigenen Kind sucht. Wer selbst gerade mit ähnlichen Gedanken zu kämpfen hat oder es in der Vergangenheit tat, sollte hier auf sich achten, denn die Beschreibungen sind schonungslos. Christina Wessely hat einen bedrückenden, aber wichtigen Roman darüber geschrieben, mit welchen Erwartungen die Gesellschaft Müttern gegenübertritt. Dabei vermittelt sie auch die bedeutsame Botschaft, dass nach einer Geburt eben nicht immer alles eitel Sonnenschein ist und es völlig in Ordnung ist, sich Hilfe zu suchen. Ich hoffe, dass sie damit viele (werdende) Mütter erreicht.

Liebesmühe
Liebesmüheby Christina WesselyHanser, Carl