Der Autor und ich sind beinahe ein Jahrgang. Natürlich habe ich damals auch mitbekommen, dass in Jugoslawien ein bzw mehrere Kriege ausgebrochen sind. Aber als Kind/Jugendliche in Deutschland hatte man wenig Vorstellung davon, was das bedeutet... Es wurde Zeit für dieses Buch! Harte Kost, aber wichtig.
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Interessant, zu lesen, wie ein Kind den Krieg erlebt, was es mit ihm macht. Ich weiß das Buch für mich jedoch nicht richtig einzuschätzen. Ich habe es gelesen, aber es klingt so gar nicht nach. Es lässt mich nicht über das gelesene nachdenken.
Radio Sarajevo ist ein zutiefst bewegendes Buch, das mich von der ersten Seite an gepackt hat. In einer kurzweiligen und klaren Sprache begleitet man Tijan durch eine nahezu unvorstellbare Zeit – den Krieg, erlebt aus der Perspektive eines Kindes. Gerade diese naive, kindliche Gedankenwelt macht die Geschichte so eindringlich und besonders. Schritt für Schritt spürt man, wie diese Unbeschwertheit im Laufe des Krieges immer mehr schwindet und einer bedrückenden Realität weicht. Tijan Sila gelingt es eindrucksvoll, die Leser*innen emotional mitzunehmen.
Da ich selbst bosnische Wurzeln habe und viele Personen kenne, die genau das, was der Autor durchgemacht hat, auch ähnlich erlebt haben, konnte ich alles komplett nachvollziehen.
Es war für mich eine sehr ernüchternde Perspektive, die mich aber gerade deshalb zweimal zum Weinen gebracht hat.
Ich finde es einen sehr bewundernswerten Schritt, dass Tijan Sila bereit war, diese Themen für sich selbst aufzuarbeiten. Es ist einfach toll, dass Menschen sich dazu entscheiden, Erlebtes zu verarbeiten, indem sie es niederschreiben. ✨📖
Es verkörpert diese Zeit damals einfach perfekt. Es wird nicht aus der politischen Sicht erzählt, sondern aus der Sicht eines kleinen Jungen, dessen Nachwirkungen bis ins Erwachsenenalter spürbar sind.
Er geht nicht in jedes Thema bis ins kleinste Detail, aber das muss er auch gar nicht, denn das Buch hat genau das rübergebracht, was es rüberbringen wollte und das ist in meinen Augen perfekt. 💗✨
Besonders der vorletzte Satz des Buches macht einfach deutlich, dass ein Krieg nicht einfach endet, weil die Waffen niedergelegt oder politische Einigungen getroffen wurden, sondern er hallt ein ganzes Leben lang nach. 📚💭
Der Autor erzählt die wahre Geschichte seiner Kindheit während des Bosnienkrieges. Wie aus kleinen Jungs, die einfach gerne Musik hörten, verrohte Teenager wurden, die sich an ein Leben vor dem Krieg fast nicht mehr erinnern konnten.
Trotz des schweren Themas war das Buch nicht so emotional geschrieben, wie ich es erwartet hatte. Irgendwie war es distanziert. Aber vielleicht muss der Autor auch distanziert sein, um nicht wieder in den Sog der Traumata gerissen zu werden.
Ich hätte gerne noch mehr vom Neuanfang in Deutschland gelesen. Das war mir zu kurz.
„Radio Sarajevo“ ist eine literarisch verdichtete autobiografische Erzählung über die Jahre zwischen dem Kriegsausbruch in Sarajevo 1992 und der Flucht der Familie Sila nach Deutschland 1994.
Tijan Silas erzählt in seinem Roman authentisch, unmittelbar, klug und lebensnah.
Mit dem kleinen Ausschnitt seiner Lebenswelt, als Kind in der Plattenbausiedlung in Sarajevo, schafft er es die ganze widerliche Ungeheuerlichkeit des Krieges zu erfassen und zu vermitteln.
So wird dem Leser die Verrohung im Krieg und die Auswirkungen auf den Alltag und die Lebenswelt durch kurze Erzählungen näher gebracht: Mit seinen Freunden pirscht Tijan durch ausgebrannte Autowracks, Kiosks oder Gebäudeteile, auf der Suche nach Pornoheften, die sie bei den UN-Soldaten gegen Essbares oder Bargeld eintauschen können. Die Sorge, neue Batterien zu besorgen ist größer, als die um Essen, da das Comic lesen auf dem Klo mit der Taschenlampe -aus Sicherheitsgründen- kurz die Tristes und Brutalität des Krieges verblassen lässt.
Details wie diese bestimmten die Wahrnehmung des Autors inmitten der Kriegshölle. Und sie kennzeichnen auch das Buch «Radio Sarajevo»: Es bietet keine historisch umfassende Darstellung der Belagerung. Und es verzichtet darauf, die damaligen Täter auf der serbischen Seite anzuklagen.
Ich konnte mich schnell in die Gedankenwelt und das Erlebte einfühlen. Groß ist Silas Erzählung aber nicht wegen der Präsenz der Gewalt, sondern weil der Ausschnitt, den er zum Erzählen wählt, klein ist.
Dieses Buch berührt, erzählt kurzweilig und eröffnet schonungslos mit Härte und auch Witz eine kindliche Perspektive auf den Bosnienkrieg und die Traumata, die er hinterlässt.
Ich wusste bisher sehr wenig über den bosnischen Krieg und es war dringend nötig, mal mehr darüber zu erfahren. Wir sehen, wie es den Familien in der Hauptstadt während dem Krieg geht. Tijan fängt die beklemmende Situation durch seine kindlichen Augen gut ein und beitet so eine spannende Perspektive.
wichtiges Thema - das Buch für mich leider dennoch nicht ganz zu fassen
mein Vater ist auch im damaligen Jugoslawien aufgewachsen und als Jugendlicher nach Deutschland gekommen. Leider ist er schon verstorben, weswegen ich ihn nicht mehr fragen kann wie es für ihn war hierher zu kommen und neu zu starten. Das Buch gibt einen interessanten Einblick in das Leben von Einwanderern und der Leben der im Krieg groß gewordenen Kinder.
Aber dennoch konnte ich das Buch nicht so wirklich fassen und wäre es nicht so ein interessantes und wichtiges Thema (auch für mich persönlich), hätte ich es wohl nicht so schnell beendet obwohl es nur knapp über 200 Seiten hat.
In "Radio Sarajavo" berichtet Tijan Sila über seine Zeit in den Anfängen des Bosnienkrieges bis zu seiner Flucht nach Deutschland in den Jahren 1992 bis 1994.
Als der Krieg im April 1992 beginnt ist der Autor 10 Jahre alt. Nach dem ersten Angriff ändert sich sein komplettes Leben schlagartig. Er berichtet eindrücklich, ungeschönt und ehrlich vom anfänglichen Schock und der Hoffnung bis hin zur beginnenden Gewöhnung und dem Kampf ums Überleben. Auch die Auswirkungen des Krieges auf ihn und seine Familie, aber auch alle anderen Menschen, werden deutlich dargestellt. Es ist bedrückend, ernüchternd und kaum vorstellbar.
Im Jahr 1994 gelingt seiner Familie die Flucht. Angekommen in Deutschland erwartet ihn die nächste Herausforderung.
Tijan Silas ist es gelungen echte und nachvollziehbare Einblicke in das Leben im Krieg zu geben, die einem nahegehen und zum Nachdenken anregen, aber auch aufrütteln. Auch die Folgen, die Mensch und Umgebung betreffen sowie die Schwierigkeiten in einem neuen Land als Migrant, für sich als auch seine Eltern, wurden von ihm gut aufgezeigt.
Von mir eine große Empfehlung!
Schonungslose Schilderungen einer Kindheit in den 1990er Jahre in Sarajevo zu Beginn des Bosnienkrieges
Tijan Sila schildert auf nur ca. 170 Seiten seine Erfahrungen als Heranwachsender in Sarajevo. Es beginnt mit dem Ausbruch des Bosnienkrieges und endet mit der Flucht seiner Familie nach Deutschland ca. 3 Jahre später. Was er, seine Eltern, sein Bruder und seine Freunde in der Zwischenzeit erleben wird kompromisslos erzählt. Die Kälte des Winters, der Hunger, das Abstumpfen bei heftigem Beschuss, aber auch die Angst sind deutlich spürbar. Das nachfolgende Zitat gibt einen kurzen Einblick: Sarajevo kam mir vor wie ein schwarzer Wald, der Tod als ein Jäger, und ich fühlte zum ersten Mal das, was ich erst Jahre später, in Deutschland, in Worte zu fassen schaffte: Ich fühlte, dass zu leben vor allem bedeutete, Grauen auszuhalten.
Mich hat das Buch sehr berührt, insbesondere auch die Schilderungen, was der Krieg und die tägliche Gewalt, die Angst und die Flucht in Drogen den Kinderseelen angetan haben. Gleichzeitig musste ich daran denken, dass es auf der Welt gerade zahlreiche kriegerische und gewaltvolle Auseinandersetzungen gibt und täglich Kinder dem Wahnsinn, verursacht durch Erwachsene, täglich ausgesetzt sind.
Ich gebe eine Leseempfehlung, weiße aber explizit darauf hin, dass gewaltvolle Szenen und sexualisierte Gewalt dargestellt werden.
Das Erwachsenwerden mitten im Krieg wird in diesem Roman so eindrücklich beschrieben, es schmerzt unglaublich. Gerade die kindliche Perspektive macht das Grauen des Krieges noch unverständlicher.
"Sarajewo kam mir vor wie ein schwarzer Wald, der Tod als ein Jäger, und ich fühlte zum ersten Mal das, was ich erst Jahre später, in Deutschland, in Worte zu fassen schaffte: Ich fühlte, dass zu leben vor allem bedeutete, Grauen auszuhalten." (S. 74)
Erinnerungen an dieses Grauen des Bosnienkrieges während seiner Kindheit durchziehen den Roman Radio Sarajevo von Tijan Sila. In kurzen Szenen erzählt der Autor vom Aufwachsen im belagerten Sarajevo, von Angst, Alltagsmomenten und dem Überleben zwischen Granaten, Banden und nach Pornoheften gierenden UNO-Soldaten.
Für mich zeigt das Buch direkt, unprätentiös und eindringlich, wie Krieg sich ins Leben der Betroffenen einschreibt. Zunächst schien mir der Umgang mit den Kriegserlebnissen etwas zu banal dargestellt, aber bis zum Ende mochte ich das Buch mit seinen unterschiedlichen Figuren immer mehr.
Ganz große Leseempfehlung. Es ist schlimm, aber da müssen wir durch. Es ist wichtig - und unbegreiflich. 📻
Es ist einfach alles genauso passiert, wie Tijan Sila es in „Radio Sarajevo“ erzählt. 1992 beginnt der Bosnienkrieg und Tijan ist zehn Jahre alt. Gemeinsam mit seinem kleinen Bruder und den anderen Kindern des Mehrfamilienhauses schläft er nachts zwischen den Keller-Verschlägen, während die Wände von einschlagenden Granaten beben.
Wochen, Monate und Jahre vergehen - Tijan, seine Familie, seine Freunde, seine Heimat durchleben den Krieg. Bis sie schließlich nach Deutschland fliehen.
Was ich nicht begreifen kann: Es ist alles genauso passiert. Es ist unbegreiflich.
📻
Manche Passagen sind so schlimm, dass man es kaum ertragen kann. Auf 208 Seiten rauschen wir durch knapp zwei Jahre Kindheit, die nicht Kindheit genannt werden können. Wirklich schonungslos erleben wir mit, was Tijan zu dieser Zeit im Bosnienkrieg aushalten muss.
(Das sage ich so daher als Person, die niemals einen Krieg erleben musste. Denn ich kann mir denken, dass wir Lesenden vielleicht doch geschont werden - dass die ganz schlimmen Passagen vielleicht gar nicht abgedruckt sind.)
Lesen kann ich diese Geschichte überhaupt nur, weil Tijan seinen Humor irgendwie behalten, retten konnte. Es ist beeindruckend und beruhigend zugleich, dass eine Kinderstimme erklingt und mir die Geschichte vorliest. Vielleicht wäre es eben doch zu schlimm, wenn ich es alleine lesen müsste.
Tröstend möchte ich noch ergänzen, was Thea Dorn auf dem Klappentext sagt. Denn wie schön ist es, dass es Tijan gibt und dass er uns von seinem Leben erzählen kann, dass er diesen Horror überlebt hat, dass er uns warnen kann, dass er mahnen und erinnern kann, dass er uns vor dem Vergessen bewahrt.
Es ist alles genauso passiert, ich kann das nicht begreifen.
Er ist über 30 Jahre her und doch ruft dieser Roman den Balkankrieg wieder hervor, als wäre man dabei. Was zu Zeiten Jugoslawiens noch funktionierte, funktionierte nun nicht mehr - ein Zusammenleben dreier Nationen.
Aufschlussreich, emotional und erschütternd beschreibt Sila den Krieg, wie er und Tausende ihn erlebte(n).
Ich habe Radio Sarajevo als Hörbuch gehört, eingesprochen von Tijan Sila selbst, und allein das war schon ein echtes Highlight. Er bringt seine eigene Geschichte so lebendig und direkt rüber, dass man das Gefühl hat, neben ihm zu sitzen, während er erzählt.
Im Buch geht es um seine Kindheit während des Krieges in Bosnien, um den Alltag zwischen Angst, Mangel und Gewalt und darum, wie seine Familie schließlich nach Deutschland kam. Was ich wirklich beeindruckend fand: Trotz des unfassbaren Traumas, das in jedem Kapitel spürbar ist, erzählt Sila mit einer unglaublichen Portion Humor. Seine Sprache ist frech, ehrlich, manchmal richtig dreist, aber genau das macht das Ganze so menschlich. Ich musste mehrmals laut lachen, obwohl die Situationen eigentlich bitterernst waren. Diese Mischung trifft einfach ins Herz.
Ich habe das Hörbuch praktisch am Stück durchgehört, es hat mich komplett gepackt. Es ist bewegend, brutal, traurig, aber gleichzeitig voller Leben und Witz. Und es hat definitiv mein Interesse an der Geschichte des Bosnienkriegs weiter geweckt.
Ein sehr persönliches Buch aus der Perspektive des Autors. Es vermittelt einen sehr glaubwürdigen Eindruck der Erfahrungen des Autors, welcher die Situation weder überdramatisiert, noch beschönigt. Ich hätte mir noch ein bisschen mehr Kontext außen herum gewünscht. Auf jeden Fall lesenswert!
Als Hörbuch gehört, gelesen vom Autor.
Es ist ein autobiographischen Buch, liest sich aber wie in Roman. Tijan Sila erzählt aus seiner Kindheit in Sarajevo im Krieg. Erschreckend, traurig und liebevoll.
Parallel zur Lektüre von ‚ë‘ von Jehona Kicaj gehört und Eindrücke des Jugoslawienkriegs und seiner Auswirkungen aus zwei verschiedenen Länderperspektiven bekommen.
In meiner Schulzeit haben wir hierzu leider wenig gemacht, obwohl es gerade erst 30 Jahre her ist und sehr viele Leben kostete.
In “Radio Sarajevo” berichtet Tijan Sila vom ersten Tag des Bosnienkrieges 1992 in seiner Heimatstadt Sarajevo bis zur Ankunft in Deutschland als Flüchtling ein paar Jahre später. Dabei lässt er das Grauen Revue passieren, das diese Zeit seiner Kindheit geprägt hat und zur Normalität wurde, ebenso wie Freundschaften und den Alltagskampf ums Überleben mit einer Familie, die eher geistig als praktisch veranlagt war. So erhält man einen bewegenden und erschütternden Blick auf diesen Krieg, der angesichts der aktuellen Weltlage Beklemmungen bei den Lesenden auslöst.
Mir gefiel auch der Schreibstil des Autors sehr gut, der es schafft, die Ausnahmezustände in einer Leichtigkeit und Beiläufigkeit zu schildern, die man bei diesem Thema nie vermuten würde, aber gerade dadurch einen besonderen Impact entwickelt.
Es ist ein Buch das einen mitten ins Herz trifft. Tijan Sila erzählt von seiner Kindheit im belagerten Sarajevo (Bomben, Hunger, Angst) aber auch von kleinen Momenten voller Hoffnung, Mut und sogar Humor. Was das Buch so besonders macht: Es ist keine trockene Geschichtsstunde, sondern ein sehr persönlicher, ehrlicher Blick aus den Augen eines Kindes.
Man spürt beim Lesen, wie stark Erinnerung sein kann manchmal schwer wie Blei, manchmal das Einzige, was trägt. Silas Sprache ist klar, direkt und gleichzeitig voller Poesie.
Radio Sarajevo ist kein Buch, das man schnell weglegt. Es bleibt hängen, macht nachdenklich und zeigt, wie wichtig es ist, dass Geschichten von Krieg und Flucht nicht vergessen werden.
Ich habe dieses Buch nicht weglegen können und bin ganz ergriffen. Was ich als Kind vor dem Fernseher nicht verstanden habe, ist durch das Buch greifbar geworden.
Traurig, berührend und wahr.
Ganz besonders die letzten Seiten haben mich berührt.
Hätte gerne noch mehr über das Leben hier und seine Eltern erfahren.
Radio Sarajevo“ – eine Reise in die Vergangenheit😢💔❤️🩹
Man denkt, man kennt die Geschichten. Ich komme selbst – beziehungsweise meine Eltern – aus dem ehemaligen Jugoslawien. Ich habe vieles gehört, vieles gesehen. Aber dieses Buch… es zeigt einen Blick, der weh tut.
Mehrmals musste ich die Tränen zurückhalten. Ich dachte mir nur: Alter, fuck… was haben meine Eltern eigentlich alles miterlebt?
Tijan Sila beschreibt sein Leben , seine Unterdrückung durch die Serben – und das erinnert mich so sehr an das Leid, das auch wir kannten.
Es ist wirklich schockierend, was in dieser Zeit passiert ist. Meine Eltern haben mir vieles erzählt, aber dieses Buch zeigt die nackte Wahrheit – ungeschönt, unbarmherzig, real.
Die Wahrheit darüber, wie junge Menschen getötet wurden.
Wie junge Mädchen zur Prostitution gezwungen wurden.
Wie Soldaten ihre Menschlichkeit verkauften, sich Mädchen nahmen, mit jungen Leuten handelten.
Wie der Schwarzmarkt boomte, während es niemanden interessierte, wer hungerte und wer nicht.
Für mich ist das nicht nur ein Roman, sondern ein Stück Erinnerungskultur. Ehrlich: Ich würde dieses Buch in Schulen als Pflichtlektüre einsetzen. Damit man nicht vergisst.
Nicht vergisst, was damals geschehen ist.
Nicht vergisst, was „Ruhe“ bedeutet.
Nicht vergisst, dass es nicht nur ein Volk getroffen hat, sondern viele – nur weil sie einer anderen Religion angehörten.
Und hier geht’s nicht wirklich um Religion, sondern um Politik. Um die, die ihre Macht missbrauchen – und das sehen wir leider heute wieder überall. Russland. Israel. Palästina.Ukranie. Am Ende ist es immer die Politik, die Schuld trägt.
Tijan Sila schreibt so, dass es unter die Haut geht.
Ein Buch, das weh tut – aber genau deshalb gelesen werden muss.
Dieses Buch verdient keine Bewertung – es ist eine Erinnerung. An jeden Menschen, der seine Stimme verloren hat. An alle, die im jugoslawischen Krieg jemanden verloren haben – egal ob Albaner, Bosnier oder Kroaten. Dieses Buch steht für uns alle, die unterdrückt wurden.❤️🩹
#tijansila #jugoslavija #jugo #balkankrieg
Der Roman „Radio Sarajevo“ von Tijan Sila verhandelt die Zeit des Bosnienkrieges (1992-1995) aus einer bestimmten Perspektive.
Es geht um das Erwachsenwerden des Protagonisten, seine familiäre Situation, es geht um die militärische Situation rund um Sarajevo und die reale Bedrohung, der die Bevölkerung ausgesetzt ist. Und es geht auch um Freundschaft, Heimat, Freiheit, Träume und Zukunft.
Ich habe das Hörbuch, gelesen vom Autor, gerne gehört und mich in die Beziehungen und die Schwierigkeiten total gerne reingedacht. Ich mochte total gern, dass im Roman neben all der Schwere auch eine gute Portion Humor einfließt. Außerdem fand ich die beschreibende/informative historische Ebene hilfreich, um sich noch besser auf den Roman einlassen zu können.
Mir ist nur aufgefallen, dass die Audio-Qualität nicht ganz einwandfrei war.
Ich empfehle ausdrücklich auch die Hörbuch-Version, die vom Autor selbst gelesen wird!
Eine Rezension der Geschichte fühlt sich falsch und übergriffig an. Es ist Tijan Silas Geschichte - die eines Jungen, der seine Kindheit in Sarajevo verbringt, im Krieg aufwächst: „Dass der Mensch sich an jede Qual gewöhnt, stimmt nämlich. Es stimmt jedoch auch, dass es eine Qual ist, sich wieder zu entwöhnen.“(S. 22)
Ein paar meiner Gedanken teile ich, ohne werten zu wollen.
Es ist ein Buch voller Gegensätze. Das zeigt sich schon in den geschriebenen Zeilen, mehr noch in Silas gelesenen Worten - bildungsbürgerliches Deutsch mit Dialekt - die für mich als in Friedenszeiten aufgewachsene weiße Deutsche unvorstellbar klingen.
Die Traumata, die solch eine Kindheit im Krieg und häuslicher Gewalt unweigerlich erscheinen, entfalten sich auf den allerletzten Seiten erst ansatzweise, als Tijan Sila von der ersten Zeit nach der Flucht nach Deutschland berichtet. „Auch wir verließen unseren Krieg mit Fremdkörpern im Schädel.“, so liest es Sila im Epilog des Hörbuchs. Damit verweist er auf die Kriegserlebnisse des Großvaters aus dem ersten Weltkrieg, sowie die paranoide Schizophrenie seiner Mutter, promovierte Germanistin und gewiss auch die eigenen Traumata; „dann sagte Sead [ein Kindheits- und Jugendfreund aus Sarajevo 2019 bei Silas erster Rückkehr nach Sarajevo nach 25 Jahren ]: „Du kannst es dir wahrscheinlich nicht vorstellen, aber der Krieg hat niemals aufgehört.“ „Du irrst dich“, sagte ich. „Ich weiß genau, was du meinst.“
Die Version meines Taschenbuches strotzt nur vor Unterstreichungen und Anmerkungen.
Ich habe kaum Worte für diese Tiefe, die Tijan Sila in solch „erträgliche“ Leichtigkeit übersetzt.
Danke für diesen autobiografischen Roman, der fragt: „Wie soll man den Bosnien-Krieg erklären?“
Ich habe zunächst das Buch gelesen und mich dann entscheiden, es nochmal parallel als Hörbuch zu hören - gelesen vom Autor selbst wurde die ohnehin schon intensive Story nochmal greifbarer. Schockierend, berührend, tragisch und doch voller Humor.
Ich empfehle es ausdrücklich auch als Hörbuch!
Eine Rezension der Geschichte fühlt sich falsch und übergriffig an. Es ist Tijan Silas Geschichte - die eines Jungen, der seine Kindheit in Sarajevo verbringt, im Krieg aufwächst: „Dass der Mensch sich an jede Qual gewöhnt, stimmt nämlich. Es stimmt jedoch auch, dass es eine Qual ist, sich wieder zu entwöhnen.“(S. 22)
Ein paar meiner Gedanken teile ich, ohne werten zu wollen.
Es ist ein Buch voller Gegensätze. Das zeigt sich schon in den geschriebenen Zeilen, mehr noch in Silas gelesenen Worten - bildungsbürgerliches Deutsch mit Dialekt - die für mich als in Friedenszeiten aufgewachsene weiße Deutsche unvorstellbar klingen.
Die Traumata, die solch eine Kindheit im Krieg und häuslicher Gewalt unweigerlich erscheinen, entfalten sich auf den allerletzten Seiten erst ansatzweise, als Tijan Sila von der ersten Zeit nach der Flucht nach Deutschland berichtet. „Auch wir verließen unseren Krieg mit Fremdkörpern im Schädel.“, so liest es Sila im Epilog des Hörbuchs. Damit verweist er auf die Kriegserlebnisse des Großvaters aus dem ersten Weltkrieg, sowie die paranoide Schizophrenie seiner Mutter, promovierte Germanistin und gewiss auch die eigenen Traumata; „dann sagte Sead [ein Kindheits- und Jugendfreund aus Sarajevo 2019 bei Silas erster Rückkehr nach Sarajevo nach 25 Jahren ]: „Du kannst es dir wahrscheinlich nicht vorstellen, aber der Krieg hat niemals aufgehört.“ „Du irrst dich“, sagte ich. „Ich weiß genau, was du meinst.“
Die Version meines Taschenbuches strotzt nur vor Unterstreichungen und Anmerkungen.
Ich habe kaum Worte für diese Tiefe, die Tijan Sila in solch „erträgliche“ Leichtigkeit übersetzt.
Danke für diesen autobiografischen Roman, der fragt: „Wie soll man den Bosnien-Krieg erklären?“
Schon beschämend wie wenig ich über das ehemalige Jugoslawien und den Krieg weiss dort. Ich erinnere auch nicht, dass wir in der Schule damals darüber gesprochen hätten.
Rückblickend bereue ich es auch, mich nicht mehr für die Leben meiner serbischen und kroatischen Mitschüler:innen interessiert und wirklich danach gefragt zu haben.
Dieses Buch jedenfalls hat mir einen lebhaften ersten Eindruck vermittelt und den Wunsch geweckt meine Wissenslücken ein wenig zu schließen.
„Radio Sarajevo“ hat mich von der ersten Seite an gefesselt. In knapp 200 Seiten gibt der Autor einen eindrucksvollen, sehr persönlichen Einblick in sein Leben während des Krieges – zwischen Angst, Hoffnung und dem alltäglichen Überleben. Besonders berührend fand ich die ehrliche Darstellung seiner Familie und der kleinen Momente, die trotz allem Menschlichkeit bewahren. Der Schreibstil ist direkt, bewegend und so mitreißend, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Ich hätte gern noch mehr gelesen und kann es allen empfehlen, die sich für persönliche Geschichten hinter historischen Ereignissen interessieren. Ein stilles, starkes Buch, das zum Nachdenken anregt.
Tatsächlich sind es 207 Seiten und absolut empfehlenswert. Wenn man mehr zur Geschichte des Krieges in Bosnien erfahren möchte, ist man hier genau richtig. Und dazu noch sehr schön geschrieben.
„Radio Sarajevo“ ist ein bewegender Debütroman, der den Krieg, die Flucht und den Neuanfang eines Kindes im zerfallenden Jugoslawien erzählt. Tijan Sila, geboren 1981 in Sarajevo, emigrierte Mitte der 90er Jahre mit seiner Familie nach Deutschland und verarbeitet in seinem literarischen Debüt eigene Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend während des Bosnienkriegs. Heute lebt er in Kaiserslautern und arbeitet als Lehrer.
Worum geht’s genau?
Der Roman erzählt aus der Sicht des 10-jährigen Tijan, der den Ausbruch des Bosnienkriegs miterlebt. Sarajevo wird bombardiert, die Stadt versinkt in Chaos und Zerstörung. Der Junge wächst zwischen Ruinen auf, lernt, sich in einer Welt zu behaupten, die von Gewalt und Verlust geprägt ist. Er handelt auf dem Schwarzmarkt, um zu überleben, erlebt, wie Freundschaften zerbrechen, wie Menschen zu Tätern und Opfern werden. „Radio Sarajevo“ schildert die brutale Realität eines Bürgerkriegs, der nicht nur politische, sondern tief menschliche Abgründe offenlegt. Es ist zugleich eine Geschichte vom Überleben, von Traumata und von der Suche nach einem neuen Leben.
Meine Meinung
Das Buch lange jetzt seeehr lange auf meinem SuB. Ein Wellnesswochenende hat jetzt dazu geführt, dass ich es endlich lesen konnte. Eine gute Entscheidung, denn Tijans Schilderungen haben mich emotional echt gepackt. Die Sprache ist roh und authentisch, die Darstellung des Kriegsalltags und der psychischen Belastung ist eindringlich und unverblümt. Man spürt den Geruch von verbranntem Material, die Angst und Verzweiflung eines Kindes, das zwischen Verlust und Überlebenswillen gefangen ist. Besonders stark fand ich, wie der Autor die Ambivalenz menschlichen Handelns darstellt: Dichter werden zu Mördern, Täter zu Helden – das ist eine erschütternde Realität, die hier ohne Beschönigung gezeigt wird.
Die Erzählweise ist dabei sehr persönlich und emotional, ohne ins Kitschige abzurutschen. Die Darstellung der Kriegstraumata und die Mechanismen, wie Menschen sich an das Unvorstellbare gewöhnen, sind nachvollziehbar und nachdenklich stimmend. Gleichzeitig vermittelt das Buch immer wieder die Hoffnung auf Heilung und Neuanfang, auch wenn die Narben tief sitzen.
Der Umgang mit der Sprache und den kulturellen Eigenheiten, wie etwa der besonderen bosnischen Fluchformeln, verleiht dem Buch eine besondere Authentizität. Manche Szenen sind brutal und verstörend, etwa die Schilderungen von Gewalt gegen Frauen oder die Armut, die aus Mangel an Nahrung resultiert. Diese ungeschönte Darstellung ist wichtig und macht die Geschichte umso kraftvoller.
Einzig die Komplexität des Krieges, mit seinen vielen Fronten und wechselnden Loyalitäten, war für mich nicht immer leicht nachvollziehbar und hätte noch detaillierter beschrieben werden können. Etwa mit einem Nach- oder Vorwort. Insgesamt ist „Radio Sarajevo“ ein sehr gelungenes Debüt, das Krieg und Flucht mit großer Empathie und sprachlicher Kraft erzählt.
Fazit
„Radio Sarajevo“ von Tijan Sila ist ein eindringliches und emotional packendes Buch über die Schrecken des Krieges und die Kraft des Überlebens. Die Authentizität und Tiefe der Erzählung verdienen 4 von 5 Sternen. Es ist ein wichtiges Buch, das Geschichte und Menschlichkeit lebendig werden lässt. Ich danke dem Hanser Berlin Verlag und Netgalley herzlich für das Rezensionsexemplar.
Was für ein wunderbares Buch. Ich konnte es kaum weglegen und musste es mehr oder weniger durchlesen. Tijan beschreibt unaufdringlich, ehrlich und voller Emotionen wie er den Jugoslawienkrieg in Sarajevo erlebte. Einige Passagen waren nur schwer zu verdauen, aber auch so unfassbar wichtig. Ich kann es nur jedem empfehlen dieses Buch zu lesen!
April 1992, der Bosnienkrieg beginnt. Tijan ist erst 10 Jahre alt während in Sarajevo die Bomben fallen und geschossen wird. Seine Eltern sind Außenseiter im Viertel, weil sie Akademiker sind. Für sie ist die Situation schwierig und 1994 flieht die Familie nach Deutschland.
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Tijan Sila erzählt autofiktional vom Bosnienkrieg. Dabei bleibt er recht pragmatisch und gleichzeitig bringt er ein bisschen Humor mit rein. Das ganze Buch ist geprägt durch ein bedrückendes und beklemmendes Gefühl. Schonungslos und mit einer kindlichen Naivität erzählt er von den damaligen Ereignissen. Nur ganz ehrlich, wie soll man auch sonst davon berichten? Ich denke, er hat hier die richtige Erzählweise gewählt und sie ist sehr passend und besonders. Manchmal hatte ich das Gefühl mit ihm an einem Tisch zu sitzen und er erzählt verschiedene Episoden aus dieser Zeit. So wie früher, wenn die Großeltern vom 2. Weltkrieg erzählt haben.
Eigentlich sollten Tijans Eltern für die Kinder da sein, sie in dieser neuen Situation beschützen, aber die beiden sind komplett überfordert. Ohne den besten Freund des Vaters würden sie nicht wirklich klar kommen. Das neue Leben in Deutschland, welches alles besser machen sollte, ist für sie vielleicht doch nicht die Rettung. Ich hätte mir hier mehr Seiten gewünscht, mehr über die Zeit in Deutschland. Leider bekommen wir nur einen kleinen Einblick.
Es ist zwar nur ein Nebenthema, aber ich finde es schlimm, dass es anscheinend ganz normal war zu dieser Zeit, dass Eltern ihre Kinder schlagen. Einfach Teil des Alltags.
Dieses Buch ist aktueller den je und sollte jedem, der pro Krieg eingestellt ist, in die Hand gedrückt werden!
Respekt, dass Tijan Sila seine Erlebnisse mit uns teilt!
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Pragmatisch, kindlich naiv und schonungslos
Ich fand das Buch eine sehr eindrucksvolle und erschütternde Einsicht in ein Leben im Krieg. Vor allem aus der Sicht des Kindes, der gerade 10 Jahre alt ist als der Krieg beginnt, ist so aufwühlend und es wird so unter die Haut gehend beschrieben, wie es ihn und seine Freunde über den Krieg hinweg prägt bis zu der Flucht von ihm und seiner Familie nach Deutschland. Der Schreibstil fand ich manchmal etwas schwierig, aber würde das Buch trotzdem jedem empfehlen.
Der autobiografische Roman 'Radio Sarajevo' erzählt wie der Krieg Menschen verändert und Leben zeichnet. Er beschreibt, wie Freundschaften zu losen Fäden werden und ein Radio trotz der vernichtenden Kraft von Gewalt und Armut für immer verbindet. Dabei gibt er Einblick in die raue Sprache Bosniens und erzählt von genauso derben Erziehungsansichten jener Zeit.
Schlicht und klar berichtet Tijan Sila wie sich der Bosnienkrieg in die unbeschwerte Kindheit einer Generation gefressen hat und die Seelen seiner Eltern sowie die Kindheit der Kinder aus seinem Viertel nachhaltig zerstört hat.
Ich konnte nur schwer in der eigentlich erschütternden Erzählung versinken. Der schlichte Stil schien auf Distanz zu halten, was im Angesicht des geschilderten Traumas nachvollziehbar ist. Zunehmend rückte die Zerstörung der Kindheit näher und die Wirkung entfaltete sich eindrücklich.
Sarajevo kam mir vor wie ein schwarzer Wald, der Tod als ein Jäger, und ich fühlte zum ersten Mal das, was ich erst Jahre später, in Deutschland, in Worte zu fassen schaffte: Ich fühlte, dass zu leben vor allem bedeutete, Grauen auszuhalten.
„Sarajevo kam mir vor wie ein schwarzer Wald, der Tod als ein Jäger, und ich fühlte zum ersten Mal das, was ich erst Jahre später, in Deutschland, in Worte zu fassen schaffte: Ich fühlte, dass zu leben vor allem bedeutete, Grauen auszuhalten.“
Ein wahnsinnig gutes Buch, zu Unrecht nicht auf der Longlist des deutschen Buchpreises
„Erst in Deutschland lernte ich, dass Verzweiflung eines jener Gefühle ist, die unendlich wachsen können, genau wie Liebe oder Hass.“ (S. 75)
Das Buch ist sehr viel mehr als nur ein Coming of Age Roman aus dem kriegsgebeutelten Sarajevo. Absolut lesenswert.
Ich bin Fan des Schreib- und Erzählstils des Autors. Ehrlich, direkt und unverblümt wirft er uns sofort in die Geschichte – seine Geschichte.
In Radio Sarajevo erzählt uns Tijan Sila eine komprimierte Version der Kriegsjahre, die er in seiner Heimat erlebt hat: vom Schrecken des ersten Beschusses über das zunehmende Abstumpfen und herum streunen zwischen den Trümmern bis hin zur Flucht und den Anfängen in Deutschland.
Zwischen all dem erfahren wir aber auch etwas über die bosnische Kultur, das Familienleben und den Zusammenhalt der Raja.
Dieses Buch hat Widerspruch in mir ausgelöst, weil die lockere, freche Sprache ein Wohlgefühl in mir erzeugt hat, obwohl es hier um alles andere als ein Wohlfühlthema geht.
Tijan Sila verpackt seine Erzählung so gekonnt, dass man die Ernsthaftigkeit und Schwere des Krieges begreift, sich aber gleichzeitig von seinen Worten tragen lassen kann.
Es ist ein Paradoxon, und mir gefällt’s! Krach ist weiterhin mein Favorit, aber das hier kann ich auch sehr empfehlen.
Dieses Buch ist eine kleine Wucht. Es erzählt von einem fast vergessenen Krieg und einer vergessenen Generation. Vielleicht hat es mich deshalb so beeindruckt und bewegt, weil ich mit diesem Krieg Gesichter und Namen verbinde. Weil es mich in meine Kindheit zurück gebracht hat. Nun verstehe ich vieles besser. Verhaltensmuster, versteckte Traumata, über die niemand geredet hat. Die niemanden interessiert hat.
Die Kinder von damals werden nun erwachsen und brechen ihr Schweigen. So wie es Tijan Sila getan hat. Er erzählt von seiner Kindheit in Sarajevo. Davon, mit Bomben gross zu werden. In der Ausnahmesituation zur Schule zu gehen oder eben nicht. Das eigene Überleben zu sichern und wenn es heisst, Pornohefte gegen Süssigkeiten zu tauschen. Freunde zu verlieren auf eine oder andere Art und Weise.
Sila zeigt uns, was es heisst, zu flüchten. Flüchten zu müssen. Und bricht somit die Mär, die wir uns über Geflüchtete erzählen. Hier erfahren wir, was Menschen wirklich dazu bewegt, ihr Land zu verlassen. Es ist keine schöne Geschichte und genau deshalb muss sie erzählt werden.
Damit wir nicht länger vergessen und uns erinnern. Und weiter daran denken und vielleicht dieses Wissen mit in die Zukunft nehmen.
Tijan Sila erzählt in seinem autobiografischen Roman "Radio Sarajevo" die Geschichte seiner Kindheit während des Bosnienkriegs in den 1990er Jahren. Im Fokus stehen Tijan und seine beiden Freunde Rafik und Sead, die trotz der Umstände versuchen, ihre Jugend zu leben – wenn auch in einer Welt, die von Raketenbeschuss, Hunger und existenzieller Unsicherheit geprägt ist. Der Alltag ist von absurden und schockierenden Momenten durchzogen: Die Jungen tauschen mit UN-Soldaten Pornomagazine gegen Süßigkeiten, suchen verzweifelt nach funktionierenden Radios, um Musik zu hören, und verteidigen ihre Familien gegen Plünderer. 🎵📻🍫
Das Buch zeigt nicht nur den Kampf ums Überleben in Sarajevo, sondern auch die psychologischen Deformationen, die der Krieg hinterlässt. Es wird klar, dass der Krieg nie endet, selbst wenn die Waffen schweigen. Die letzten Kapitel thematisieren die Flucht der Familie nach Deutschland, die nicht nur Rettung, sondern auch eine neue Form von Entfremdung und Zerfall mit sich bringt. 🕊️🌍
Tijan Silas Schreibstil ist direkt, einfach und gleichzeitig sehr eindringlich. Er wechselt zwischen der Perspektive des jungen Tijan und der reflektierenden Stimme des erwachsenen Erzählers. Die kindliche Naivität und der schwarze Humor, der durch die Dialoge und Beschreibungen schimmert, schaffen einen Kontrast zu den grausamen Ereignissen. Gleichzeitig wird durch die schnörkellose Sprache das Alltägliche des Krieges deutlich: Die Gewalt, der Hunger und der Verlust sind nicht nur Ausnahmen, sondern Normalität geworden. Besonders stark fand ich die Szenen, in denen die emotionale Kälte und die Mechanismen des Überlebens greifbar werden. Sila verzichtet auf Pathos, was die Wirkung seiner Worte nur verstärkt. Gleichzeitig hätte ich mir an manchen Stellen eine tiefere Ausführung gewünscht, insbesondere zu den familiären Dynamiken und den Folgen der Flucht - Potenzial für ein weiteres Buch in meinen Augen. ✍️💔
Die Stärke des Buches liegt in seiner episodischen Struktur. Die Handlung folgt weniger einem durchgehenden Spannungsbogen, sondern zeigt Erinnerungsfragmente, die zusammen ein erschütterndes Bild des Kriegsalltags ergeben. Für mich war das kein Nachteil, denn diese Fragmentierung spiegelt die zersplitterte Realität von Menschen im Krieg wider. Besonders intensiv fand ich, wie Tijan, Rafik und Sead versuchen, trotz ihrer zerrütteten Umgebung einen Funken Normalität aufrechtzuerhalten. Ihre Freundschaft wird jedoch von den äußeren Umständen und den Veränderungen, die der Krieg in ihnen auslöst, auf eine harte Probe gestellt. 🤝🌪️
Radio Sarajevo hat mich tief bewegt, auch weil es mich an die Geschichten meiner eigenen Familie erinnert hat. Meine Mutter kommt aus Bosnien, mein Vater aus Kroatien, und beide haben die Jugoslawienkriege miterlebt. Ihre Erzählungen über das Leben im Krieg – die Angst, die Ungewissheit und der Verlust, Schmerz und Trauer – klingen in Silas Beschreibungen erschreckend vertraut. Besonders die Perspektive des jungen Tijan hat mich berührt, weil ich dadurch einen Einblick in die Sichtweise eines Kindes auf diese unvorstellbaren Umstände erhalten habe. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie Kinder in einem solchen Umfeld aufwachsen, aber Sila macht dies auf schmerzhafte und ehrliche Weise sichtbar. 🏡💣
Auch das Thema Flucht und Neuanfang hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Meine Eltern hatten nach dem Krieg die Möglichkeit, in einem neuen Land ein Leben aufzubauen, aber wie Sila beschreibt, bleibt die Seele oft in der Vergangenheit gefangen. Dieser Aspekt – wie Menschen äußerlich überleben, aber innerlich weiter kämpfen – hat mich besonders beschäftigt, auch Tage später. 🌱🚗
Fazit: "Radio Sarajevo" ist ein starker Roman, der die Schrecken des Krieges und ihre langfristigen Auswirkungen eindrücklich schildert. Tijan Sila hat es geschafft, ein authentisches und bewegendes Werk zu schaffen, das sowohl das Individuelle als auch das Universelle der Kriegserfahrung einfängt. Ich hätte mir gewünscht, dass die zweite Hälfte des Buches – die Ankunft in Deutschland und die Folgen der Flucht – mehr Platz bekommen hätte. Wer sich für persönliche Geschichten über Krieg, Flucht und Freundschaft interessiert, sollte "Radio Sarajevo" unbedingt lesen. ⭐⭐⭐⭐
Ein sehr berührendes Buch - gerade deshalb, weil es so nüchtern, manchmal sogar humorvoll aus der Sicht eines ca. 11-jährigen Jungen die Zeit des Bosnienkriegs beschreibt. Und in dem Wissen, dass es ein autofiktionales Werk ist umso beklemmender - ganz große Erzählkunst!