3,5⭐️ Ein zeitgeistiges Buch, das mit einer LKW Ladung Jugendsprache, Anglizismen und viel Ironie daherkommt. Ich habe es als schrill und laut empfunden. Die hochbegabte Almette zündet ohne Unterlass ihr verbales und gedankliches Feuerwerk. Als Gegenstimme haben wir den Studienabbrecher Jo. Instragram und TikTok - Selbstmordvideos- Therapie- Eltern/Kindkonflikte- Freundschaft-Wokeness- Helikopter/Rasenmäher-Eltern-Anthroposophie- Achtsamkeit… Das wären schon genug Themen um das Buch gut und geistreich zu befüllen. Hier wird allerdings alles reingeballert was die Zeit zu bieten hat. Hinzu kommen Themen wie: Incels, Radikalisierung, die Corona-Schwurbelbewegung, QAnon. Bei all der Ladung heftigem Inhalt gibt es ständig etwas zu lachen und schmunzeln. Zumindest die ersten 60-70%. Es kommt dann zu einem kleinen Zeitsprung. Danach dreht sich alles um Corona und die Verschwörungsfutzis ( Esoteriker und neue Rechte gemeinsam gegen die Meinungsdiktatur). Sehr gut recherchiert. Sehr viele Namen fallen, auch ein YouTube Kanal, der leicht umbenannt wird im Buch, kleine Sequenzen zum QAnon Konstrukt, Verweise auf Trump. Das war für mich alles nichts Neues/Innovatives. Das letzte Viertel ist eine in Jugendsprache gepackte Wiederholung der Jahre 2020/2021 bezüglich Corona-Pandemie und den Ereignissen und Dynamiken innerhalb der Verschwörungsmythologen und den Menschen, die diese Instrumentalisieren . Kurzmeinung: ein über weite Teile tolles, modernes, frisches und hochaktuelles Buch, das mir etwas zu laut und überladen daherkam und im letzten Drittel durch lediglich wiederholende Geschichtliche Ereignisse zu uninspiriert wirkte.
Tick Tack ist ein zeitgemässer Roman - er zeigt auf, wie manipulierend die Sozialen Medien sind und wie Teenager alles tun würden, um Fame und Follower zu gewinnen. Das Buch soll provozieren und das hat es; die Hauptfiguren werden immer unsympathischer, aber das ist ganz klar von der Autorin gewollt. Almette hat "typische" Probleme einer 15-jährigen: sie findet sich zu dick, findet sich nicht schön und hat Angst, dass ihre beste Freundin jemand besseres findet. Durch diese Unsicherheiten ist sie sehr empfänglich für Jos Schmeicheleien. Denn Jo weiss wie man jemandem Honig ums Maul schmiert, ohne dass der andere Notiz davon nimmt. Jos Kapitel wurden nicht in Fliesstext geschrieben sondern wie in einem Onlineforum. Die Leser*innen sollten vom Anfang an erkennen, wie falsch sein Spiel mit Mette ist. Er ist ein Incel, Rassist und ein verwöhnter 26-jähriger, reicher Schnösel, der noch nie etwas auf die Reihe gekriegt hat. Und wie Mette ist er zerfressen von seinen Unsicherheiten. Doch bei ihm haben sich diese in Verbitterung und Frust wie auch Wut weiterentwickelt. Eine sehr explosive Mischung. Das Buch behandelt auch, dass man nichts für bare Münze nehmen sollte. Im zweiten Teil wird Mette das Gesicht von Coronamassnahmengegner und Querdenkern. Sie folgt Jos Anweisungen blind und merkt nicht, wie er sie ausnutzt und anstatt sich selbst, Mette ins Kreuzfeuer der Hate-Kommentaren wirft. Er ist unbeschadet und niemand kennt sein Gesicht, doch Mettes wird durch jegliche Medienkanäle gezogen. Die Autorin hat reale Fake News der Querdenker ins Buch verpackt, was die Handlung umso realer machte. Lucadou legt gut dar, wie Verschwörungtheoretiker in ihrer eigenen Bubble leben und immer mehr von der Realität abdriften. Sie predigen Meinungsfreiheit doch nur für die Aussagen, die ihnen in den Kram passen. Sie wollen Diskurs, doch sind sie überhaupt nicht diskussionsfähig. In allen Hinsichten ein extremer Roman.
Almette ist 15 und hat gerade einen Selbstmordversuch hinter sich. Frustriert und enttäuscht von der Welt um sie herum kündigte sie ihren Tod auf Tiktok an und wurde nur in letzter Sekunde von den Bahngleisen gezogen. Von ihren Eltern fühlt sie sich missverstanden, von der besten Freundin abgehängt. Als sie Jo kennenlernt, ist es nicht verwunderlich, dass sie für sein Angebot empfänglich ist, ihr zu mehr Reichweite auf den Social Media Plattformen zu verhelfen. Dieser verfolgt jedoch seine ganz eigenen Interessen, in die er Almette nach und nach hineinmanipuliert. Wir bekommen abwechselnd die Perspektive von Almette und von Jo vermittelt, letztere in Form von Einträgen auf einem Incel-Forum mit radikalem, hasserfülltem und zynischem Unterton. Almette hingegen klingt recht authentisch nach pubertierendem Teenager, die ihre Umwelt mit konstantem Sarkasmus und in voll aufgedrehter „Jugendsprache“ - ja, ich fühlte mich dabei etwas alt - kommentiert. Anglizismus overkill. Julia von Lucadou erzeugt ein Bild unserer gegenwärtigen Zeit, in dem sie den Kontrast ein gutes Stück nach oben dreht. Sie fügt dabei spielerisch die Corona-Pandemie ein und nutzt die damit aufgekommene Querdenkerbewegung als Mittel, um Social Media, die jugendlichen Nutzer ebendieser Plattformen und radikalisierte Untergrundbewegungen zu einem explosiven Gemisch zu verbinden. Für mich ist „Tick Tack“ ein frischer, erzähltechnisch sowie inhaltlich innovativ umgesetzter Roman, der sich mit Themen und Dynamiken aus dem Hier und Jetzt beschäftigt und damit voll ins Schwarze trifft.
Die Radikalisierung in Coronazeiten im Brennglas
Almette führt ein gut situiertes und überbehütetes Leben in Köln. Sie ist schlau aber auch jung und naiv- und tief unglücklich. Auch Jo ist ein intelligenter junger Mann, der noch mit seiner traumatischen Kindheit zu kämpfen hat. Während er sich im heimischen Kinderzimmer immer mehr als Incel und Corona-Leugner radikalisiert, wird er auf Almette aufmerksam und schmiedet einen Plan. Julia von Lucadou zeigt in ihrem Roman, wie auch die priviligierte und gebildete Jugend deutscher Großstädte auf Abwege geraten kann. Die Charaktere sind dabei fast durchgehend und beinahe unerträglich überheblich, überfordert und gleichzeitig gerissen. Teilweise wirkt die Darstellung extrem überspitzt, die Sprache zu gewählt, was aber sicher zum Gesamtkonzept des Romans beiträgt. Das Ende hingegen war meiner Meinung nach zu schnell, ruckartig konzipiert und torpedierte eine der Kernaussagen des Textes: Nämlich, dass Radikalisierung auch und vielleicht besonders ein Phänomen der oberen Mittelschicht ist, sich durch Konflikte und Unsicherheiten in den Charakter brennt und dabei extrem beständig ist.
#trending Mette ist 15. Mette ist Schülerin und hochbegabt. Mette ist dick. Mette hat 10.300 Follower auf TikTok. Mette hat ihr Leben satt – oder nur die Einsamkeit. Denn im Grunde schreit sie immer nur in den leeren Raum, sucht nach echter Verbindung in einem Umfeld, das Oberflächlichkeit und Banalitäten zelebriert. Oder sich übersättigt den nächsten Kick in den Abgründen sucht – Selbstmord-Videos zum Beispiel. Zuschauen, wie eine Person ihr Leben beendet, um sich selber für ein paar Minuten lebendig zu fühlen. Niedliche Kätzchen sind nur ein paar Klicks entfernt von Tod und Gewalt. Will Mette wirklich sterben, als sie ihren eigenen Selbstmord auf TikTok ankündigt? Oder wenigstens einmal der Star sein? Einmal viral gehen? Menschen auf diese verzweifelte Art erreichen, berühren, erschüttern? Hier bin ich, seht mich doch. Seht mich doch endlich. Like and Subscribe. Julia von Lucadou gelingt es, die Gedankenwelt dieser Teenagerin so überzeugend zu schildern, so vielschichtig und subtil, dass ich geradezu an den Seiten klebte und bang mitfieberte: Tu’s nicht, Mette. Nein, glaub das nicht, Mette. Du brauchst das nicht, um wertvoll zu sein, Mette. #sigmamale Jo ist 26. Jo ist Ex-Student. Jo ist charismatisch. Jo ist misogyn und agressiv. Jo hat mit Mette viel vor. Mette und Jo sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Sie verkörpert Verwundbarkeit und Sehnsucht, er verkörpert Manipulation und Radikalisierung. Er ist ein Incel, der Frauen in frustriertem Zorn verachtet, versteht sich als “Anti-Influencer” und “Krieger im Kampf für die Wahrheit”. Geschickt füttert er Mette mit genug Anerkennung und Lob, um sie lenken zu können, und sie ist nur allzu empfänglich für jedes bisschen Zuneigung. Gleichzeitig ist er selber anfällig für das Miasma der Verschwörungstheorien und fühlt sich als Corona-Leugner berufen für Größeres. Als Leser:in ist es zwar leicht, Jo zu hassen, doch nach und nach sieht man, wo die Ursachen für sein Verhalten liegen. Die Frage ist: Trägt Jo die Schuld an dieser verfahrenen Situation, oder ist er nur ein Symptom eines viel tiefergehenden Problems? Julia von Lucadou zeigt ihn als Gefährder, ohne ihn zu verteufeln, und so schwankte ich zwischen Wut und Mitleid. #selbsterkenntnisundso Julia von Lucadou schreibt ihre Protagonist:innen als authentische, glaubhafte Menschen und gleichzeitig als Produkte einer Gesellschaft auf Sinnsuche. Und diese ist hier grundlegend zum Scheitern verurteilt, weil sie ihr Glück außerhalb ihrer selbst suchen: in Gurus, in dysfunktionalen Internet-Communities, in den neusten Verschwörungstheorien. Im Kern geht es immer um eine emotionale Krise, die nicht von einer Gemeinschaft, einer Familie oder einem Freundeskreis aufgefangen wird. Wo Aufmerksamkeit zur Währung wird, verliert sie an echter emotionaler Bedeutung. Der Blickwinkel liegt vor allem auf Jugendlichen und jungen Erwachsenen, und die Autorin trifft deren Internet-Slang perfekt, ohne dabei ältere Leser:innen abzuhängen. Das liest sich wahnsinnig aktuell und beklemmend echt – gesehen durch Mettes und Jos Augen passiert alles genau jetzt, genau hier. Die Rezensionen sprechen nicht von ungefähr davon, Julia von Lucadou habe den “Roman der Gegenwart” geschrieben. Die Geschichte beginnt sozusagen in der Nahaufnahme – es geht anfangs vor allem um Mette als Person. Doch der Roman zoomt immer weiter heraus und umspannt schließlich hochaktuelle Themenkomplexe: Corona, Querdenker, Mysogyne Tendenzen in den Sozialen Median. #dercountdownläuft Tick Tack. Mette geht viral. Tick Tack. Jo zieht im Hintergrund die Fäden. Tick Tack. Mette ist bereit zum Äußersten. Tick Tack … Als Leser:in schaust du Mette zu, wie sie Follower gewinnt, wie sie abhebt und in schwindelerregende Höhen aufsteigt. Doch leise hörst du es wispern: Ikarus. Kamikaze. Steuert sie auf die Katastrophe zu oder wird sie rechtzeitig erkennen, was sie tut? Spannung und Tempo steigern sich, für mich flog die Geschichte nur so vorbei. Definitiv hochspannend, dabei aber auch mit sozialkritischen Tiefgang und nah am Puls der Zeit. #ausdemlebengriffen Die Autorin schafft es, Jugend- und Internetsprache aufzugreifen, ohne dass es peinlich wird, und das ist ein Kunststück. Haarscharf am #cringe vorbei. Trotz der ernsten Themen würzt sie die Erzählung auch mit sarkastischem, bösen Humor. Vor allem die Abrechnung mit der Elterngeneration ist auf bitterböse Art witzig. Ich habe den Roman sehr gerne gelesen, nur mit der Abwicklung der Handlungsstränge am Schluss war ich nicht 100%ig zufrieden. Da geht auf einmal alles sehr schnell und wird recht simpel aufgelöst, die bisherige Komplexität der Themen geht etwas verloren. Fazit Die 15-jährige Mette kündigt auf TikTok einen Selbstmordversuch an – und niemand reagiert, niemand versucht es ihr auszureden, niemand ruft den Notruf an. Also legt sie sich auf die Gleise, wird aber in letzter Sekunde gerettet. Das Video geht viral und erregt die Aufmerksamkeit des 26-jährigen Jo, der das einsame Mädchen für seine Zwecke instrumentalisiert. Schon bald wird Mette zur Gallionsfigur seines Querdenker-Kampfes gegen den Mainstream – quasi wie Jana aus Kassel, nur geschickter inszeniert. Julia von Lucadou seziert Aspekte unserer Gegenwart in kristallklarer Sprache: die Parallelgesellschaft der sozialen Medien, paranoide Verschwörungstheorien, misogyne Subkulturen als persönliche Identität – aber vor allem die Haltlosigkeit junger Menschen in einer Welt, in der Aufmerksamkeit nur noch eine digitale Währung ist. Das liest sich spannend, durchaus unterhaltsam, aber auch deprimierend realitätsnah. Das Buch vermittelt das Lebensgefühl der Generation TikTok perfekt.

Mal wieder hat mich ein Buch im Podcast 1live-Stories direkt überzeugt. Ein Wochenende habe ich komplett mit hören und lesen verbracht und bin sehr darin versunken. Ihr ahnt es schon, das hier wird eine Empfehlung. Die Figuren haben mich komplett überzeugt, auch ihre jeweils eigenen Stimmen. Die Art, wie Jo die Welt sieht und beschreibt, hat mich teilweise schockiert - weil sie so realistisch ist. Ich möchte nicht wissen, in welche Abgründe sich die Autorin begeben hat, um ihn schreiben zu können. Dass Corona mitten in ihren Schreibprozess stürzte und diesem eine ganz neue Dringlichkeit gab, macht es umso spannender. Auch Mette hat mich überzeugt und es war richtig gut gemacht, wie sie zwar hochintelligent ist, aber trotzdem in Manipulation landet. Bei all den Themen, die hier drinstecken, verliert sich die Handlung nicht, sondern bleibt nah an den Figuren. • Auch die Folge des Podcast kann ich nur empfehlen, fand ich als Hintergrund sehr spannend. Ein Roman wie er aktueller nicht sein könnte.
Der Roman erzählt die Geschichte von Almette (ja, sie heißt tatsächlich so wie der Frischkäse "im Fässchen"), die 15 ist und gleichermaßen genervt wie verzweifelt. Nachdem ein Suizidversuch, den sie auf TikTok ankündigt, zuerst niemanden interessiert und dann auch noch schiefgeht, entfremdet sie sich immer mehr von ihren Eltern und zunehmend auch von ihrer besten Freundin Yağmur. Die Ich-Erzählerin lässt uns teilhaben an ihrem nihilistischen Blick auf die Welt und kommentiert sarkastisch das Verhalten von Eltern, Lehrer*innen und ihrer Therapeutin, die alle kein bisschen zu verstehen scheinen, was los ist in dieser Welt, die am Abgrund steht. Als Almette Jo kennenlernt, der 26 ist und wieder bei seiner Mutter eingezogen ist, ändert sich alles. Dass Jo ein Incel ist und als "Anonymous" misogyne Threads in Onlineforen schreibt, weiß sie nicht. Nur wir Lesenden erleben von Anfang an, wie der intelligente und zynische Jo Almette in seinen Bann zieht und sie mehr und mehr zur Schachfigur in Jos manipulativem Spiel wird. Julia von Lucadou hat für ihren Roman eine Kulisse erschaffen, die ein realisitisches Abbild unserer Gegenwart bildet, inklusive TikTok-Trends und Querdenken-Proteste. Was mit messerscharfem Witz beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einem Albtraum, während die Autorin die Schlinge so langsam immer enger zieht, dass wir Leser*innen kaum merken wie uns mehr und mehr die Luft wegbleibt.






