12. Apr.
Rating:5

Erinnerungen sind schemenhaft. Je länger sie zurückliegen, desto diffuser werden sie – und desto schwerer fällt es uns, sie zeitlich zu verorten. Sie können schön sein, sie können schmerzhaft sein. Manchmal beides zugleich. In Ronya Othmanns „Die Sommer“ erinnern wir uns gemeinsam mit der Protagonistin Leyla an ihre Sommer in Syrien – genauer: in Kurdistan. Durch ihre Augen erleben wir Nächte unter freiem Himmel, religiös geprägte Traditionen und Neckereien mit Cousins und Cousinen. Doch wir erinnern uns auch an ein Trauma, das sich über mehrere Generationen erstreckt: Geschichten von Verfolgung, Gewalt und Flucht. Dabei bleibt stets die Gleichzeitigkeit der Dinge präsent. Während in Syrien der Krieg ausbricht und Leylas Verwandte darum bangen, dass ihr Dorf womöglich Ziel eines Angriffs wird, beginnt Leyla zu studieren, löst sich von alten Freund*innen und findet neue. „Die Sommer“ hat mich tief bewegt – durch seine Themen, seine ungewohnte Erzählweise und seine starke Verankerung in der Realität. Danke für die Empfehlung.

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
8. Apr.
Rating:4.5

Auf dieses Buch bin ich ganz durch Zufall gestoßen. Der Roman über die Familiengeschichte der Protagonistin Leyla hat mich emotional total erreicht und nachhaltig berührt. Man taucht mit dem Roman in die syrische und kurdische Geschichte der Gegenwart ein. Zu spüren ist sowohl eine enge familiäre Zugehörigkeit, aber auch ein verloren und entfernt sein von Familie. Leyla, die nur in den Sommerferien Zeit in der Heimat des Vaters verbringen kann, lebt in einer Zwischenwelt und muss diese beiden Gefühle vermitteln. Es werden Sehnsucht, aber außerdem auch Machtlosigkeit und Angst um zurückgebliebene Angehörige verhandelt. Für mich war die collagenartige Erzählung aus hier und jetzt sowie dort und damals unfassbar nahbar und ich habe sehr mitfühlen können. Wenn man sich vorstellt, dass ein ähnliches Schicksal tausende und abertausende andere Familien so und ähnlich erlebt haben, macht mich das fassungslos und überwältigt. Formal ist der Roman in zwei Teile geteilt. Ich habe mich zuerst sehr über die ungleiche Größe gewundert. Die Teilung ist aber im Nachhinein total logisch und nachvollziehbar für mich. Die Länge der einzelnen Teile spielt für die Intensität keine große Rolle.

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
21. Dez.
Rating:2

Zu großen Teilen extrem langatmige, nichts sagende und sich wiederholende Passagen. Viele Charaktere werden übermäßig detailliert beschrieben und wirken dennoch uninteressant und haben keinen Einfluss auf die Geschichte. Die wenigen Interessenten Stellen sind die Beschreibungen der echten Geschehnisse, die aber, wenn man sich schon zuvor mit der Thematik beschäftigt hat, nichts neues sind.

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
19. Sept.
Gutes Buch über Trauma und Flucht
Rating:4

Gutes Buch über Trauma und Flucht

Die Geschichte von Leyla behandelt die Themen Trauma und Flucht. Die Themen wurden authentisch dargestellt und haben mich mitgenommen. Man konnte sich gut in die Geschichte hinein fühlen und vor allem das Thema Zerrissenheit zwischen Heimat und Deutschland wurde gut dargestellt. Hat meine Sichtweise auf jeden Fall noch einmal ein Stück weit verändert.

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
10. Aug.
Rating:5

Leyla verbringt die Sommer ihrer Kindheit bei der Familie ihres Vaters in Kurdistan. Diese sind kurdische Jesiden, der Vater als Staatenloser nach Deutschland geflüchtet. Ich muss gestehen dass ich bislang nicht viel über Jesiden wusste. Als sich die politische Situation in Syrien immer mehr zuspitzt lebt der Vater in Deutschland vor dem Fernsehen, Leyla ist zerrissen. Wo gehört sie hin? Man liest abwechselnd Kindheitserinnerungen des Vaters und von Leyla,anfangs sehr ungewohnt. Absolute Leseempfehlung!

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
19. Juli
Rating:4.5

Irgendwo zwischen Nostalgie, Unterdrückung, Flucht, Trauma und Selbstfindung

"Die Sommer" war für mich außergewöhnlich. Ganz nüchtern vom Stil her, mit eigenartigem Flow und dabei ganz ohne Aufteilung in Kapitel. So fließt alles ineinander und unterstreicht die Gefühlswelt der Protagonistin, die zwischen zwei Kulturen lebt und nirgends so ganz ankommt. Zentrale Rolle spielt die Unterdrückung der (jesidisch) kurdischen Minderheit, einer Gruppe ohne anerkannten Staat, die in ihrer Geschichte besonders intensiv Ziel vom Gewalt und Vertreibung wurde. Authentisch und bedrückend real geschildert wird das Leben der Verwandtschaft in Syrien und später die Zeit der Ereignisse dort während des Arabischen Frühlings. Für mich ein neues Terrain, über das ich hier einiges lernen durfte und dabei bezüglich kurdischer Identität weiter sensibilisiert wurde. Ein Stückchen Distanz blieb mir zwar das ganze Buch über erhalten, dennoch habe ich eine wichtige Perspektive gewinnen können. Auch das Ende passte für mich gut zur Stimmung des Buches.

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
7. Juli
Rating:5

Mir gefällt der Stil der Autorin sehr gut und ich bin froh, dass ich nochmal sehr viel mehr über das Schicksal und dem Völkermord an den Ezîden lernen durfte und mich weiter belesen werde. Mit Othmanns Debüt reist man ein Stück mit in die Sommer der Protagonistin Leyla, lernt Kurdistan kennen und „versteht“ vielleicht nochmal ein bisschen mehr, wie viel Leben, Kultur und Geschichte dort ausgelöscht wurde. Mich hat das Buch sehr berührt.

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
21. Mai
Rating:4

Auf jeden Fall eine große Leseempfehlung!

Es fällt mir nicht leicht mein Leseerlebnis in Worte zu fassen. Zunächst: das Buch wurde bei uns im Buchclub gelesen. Die Besprechung findet noch statt, vll kommt dann noch etwas sehr Einblick. Die Geschichte von Leyla wird durch verschiedene Perspektiven erzählt. Insbesondere durch die Erzählungen des Vaters. "Jeden Sommer flogen sie in das Land, in dem der Vater aufgewachsen war. Das Land hatte zwei Namen. Der eine stand auf Landkarten, Globen und offiziellen Papieren. Den anderen benutzten sie in der Familie." (S. 13). Tbc

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
15. Sept.
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Rating:5

Leyla verbringt ihre Sommerferien in einem kleinen Dorf, in dem ihre Großeltern, Tanten, Cousins und Cousinen wohnen. Nähe der Türkei in Syrien. Das Dorf liegt eigentlich in Kurdistan. Doch wenn Leyla das ihren Mitschülern in Deutschland erzählt bekommt sie nur " das gibt es doch gar nicht" zu hören. Den Rest des Jahres verbringt Leyla wie ein ganz normales Mädchen in Deutschland. Mit den typischen "Problemen" eines Teenagers. Doch im Sommer ist Leyla in einer Art anderen Welt. Sie tauscht ihr Stadt-Leben gegen das staubige Dorfleben. Mit der Zeit verschlimmert sich die politische Lage in ihrem Heimatort in Syriens. Wie soll sich Leyla in Deutschland auf ihre. Schulabschluss und Studium konzentrieren während in dem Heimatland ihres Vaters die Menschen und ihre Familie ums Überleben kämpfen? Das Buch hat mir sehr gefallen. Es hat mich viel über den Konflikt gelehrt, was ich vorher nicht wusste. Diese schwierige Situation in der Leyla sich auf ihre Prüfungen konzentrieren muss, während ihre Familie ums Überleben kämpft ist sehr gelungen und regt zum Nachdenken an. Es ist schon detailliert beschrieben, dass man sich gut reinversetzen kann.

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
7. Mai
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Rating:4

📌 "Hätte ich damals schon gewusst, was noch kommt, dachte Leyla, ich hätte eine Kamera mitgenommen. Alle meine Sommer bei den Großeltern über hätte ich alles fotografiert. ... Ich hätte das getan, dachte Leyla, damit nichts jemals verloren gehen kann." - S. 74 Das ist die Geschichte von Leyla, die ihre Sommer bei ihrer Großmutter in Syrien verbringt.  Nur die Sommer, denn Leylas Vater, ein ezidischer Kurde, hat eine deutsche Frau geheiratet, so dass Leyla in Almanya aufwächst und die politische Aufruhr im Land ihrer Familie immer nur am Rande mitbekommt.  Bis in Syrien der Bürgerkrieg ausbricht und Leyla ihre Familie nicht mehr besuchen kann. Im Kopf bleiben die zahlreichen Erinnerungen und die wachsende Sorge um ihre Familienangehörigen in der Fremde, die irgendwie auch Heimat (geworden) ist.

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
21. Apr.
Rating:5

mir fehlen nach über einem monat immer noch die worte für dieses buch, trotzdem will ich es allen ans herz legen! ich habe so viel gelernt beim lesen, aber auch so viel gefühlt. als wäre ich wirklich an den beschriebenen orten. ich schäme mich, dass ich so vieles vorher nicht wusste und bin der autorin dankbar für ihre wertvolle geschichte. und das ende hat mich fertig gemacht, ich mache mir wirklich fast täglich noch gedanken darüber. bitte lest es, ihr werdet es bestimmt nicht bereuen!

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
27. Nov.
Rating:5

Ronya Othmanns Debüt-Roman „Die Sommer“ erzählt die Geschichte von Leyla Hassan, die als Tochter eines kurdischen Vaters und einer deutschen Mutter in Deutschland aufwächst. Jeden Sommer reist Leyla mit ihrer Familie in das kleine Dorf in Syrien, direkt hinter der Grenze zur Türkei. Dort lebt die Familie ihres Vaters: Die Großeltern, ihre Tanten und Onkels und die Cousinen und Cousins. Leyla verbringt die Sommer damit, ihren Großeltern auf dem Hof zu helfen und mit ihre Cousine Zozan zu spielen. Als sich die Konflikte in Syrien zuspitzen und es zu gefährlich wird, reist die Familie nicht mehr zu den kurdischen Verwandten. Der Vater verfolgt die Lage täglich im Fernsehen und die Familie veruscht ihre Angehörigen aus Syrien zu sich nach Deutschland zu holen. Leyla hat inzwischen Abitur gemacht und ist zum Studieren nach Leipzig gezogen. Immer öfter gerät sie in Konflikt mit sich selbst und mit ihrer Herkunft. Ronya Othmann nimmt den Leser mit auf die Reisen nach Syrien. Das Haus der Großeltern, das Leben dort und die Charaktere werden so beschrieben, als begleite man die junge Leyla dorthin. Immer wieder wird auch die Geschichte von Leylas Vater, welcher als Flüchtling nach Deutschland kam erzählt und man erhält so einen tieferen Einblick in die Geschichte der Familie. Auch Leylas Gefühle kommen in der schlichten, aber unglaublich schönen Schreibweise gut zur Geltung. Man konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Ein hoch aktueller und traurig-schöner Roman, den man einfach gelesen haben muss! Ich freue mich auf mehr von Ronya Othmann.

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
20. Juni
Rating:5

Ein schwerer Inhalt geformt in einer nostalgisch liebevollen und auch tragischen Erzählung.

Ronya Othmann nimmt einen mit ihrem Buch „Die Sommer“ langsam mit, wie ein Gebirgsbach der in einen reißenden Fluss übergeht. Die Erzählungen sind langsam und ehrlich. Sie erzählt von Familie, Erinnerungen, Verlusten und Schmerz. Solchen den man merkt und solchen den man nicht merkt. Jeder Charakter ist greifbar, jede unausgesprochene Empfindung nachvollziehbar. Ich bin sehr dankbar für das Buch und es lesen zu dürfen. Zum Ende hin war ich so investiert, dass ich weinen musste.

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
1. Juni
Rating:4

The first half of this autofictional novel was really immersive and fascinating. The memories of the Kurdish village were to vibrant I felt like I was there myself. The second part of the novel was a little less thrilling and felt kind of rushed. All in all I would recommend it anyone who is interested in other cultures and postmigrant experiences.

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
8. Feb.
Rating:5

Sehr lesenswert! Toller Schreibstil, der einem das Gefühl gibt, jemand erzählt einem die Geschichte. Dadurch sehr kurzweilig. Dadurch dass die Region während ich es gelesen habe, zuerst durch die Anerkennung des Genozids und nun durch das schlimme Erdbeben in den Medien war, war es noch berührender. Ich denke es ist auch absolut empfehlenswert wenn man sich bislang weder mit Kurdistan noch mit Eziden befasst hat!

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
1. Feb.
Rating:4

„Die Sommer“ von Ronya Othmann ist ein zierliches Büchlein (ca 270 beschriebene Seiten für 22€) und damit für mich der prädestinierte Gebrauchtkauf. Da es aber zum Februarbuch bei @maedelsdielesen gekürt wurde, waren innerhalb von 2 Tagen alle gebrauchten Exemplare ausverkauft, also hieß es: Geldbeutel raus und hoffen, dass sich die Lektüre auszahlt – im wahrsten Sinne ;) Tja, was soll ich sagen? Gestern habe ich „die Sommer“ beendet und dabei das Gefühl gehabt, ein Buch mit der Dichte von 600 Seiten zuzuklappen. Ich nehme das Happy End also einfach mal vorweg: Das Geld ist gut angelegt, „die Sommer“ hat mir auf ganz vielen Ebenen ganz viel gebracht. --- Seit ihrem 4. Lebensjahr verbringt Leyla die Sommer in Syrien, der Heimat ihres Vaters. Der ist jesidischer Kurde und gehört damit einer Minderheit an. Seine Großfamilie lebt in einem Dorf nahe der türkischen Grenze. Etwas mehr als die Hälfte des Romans erleben wir aus der kindlich-verträumten Perspektive des Mädchens: Wir spüren die Mittagshitze, schmecken die salzigen Sonnenblumenkerne, die süßen Tomaten aus dem Garten und hören das Flattern der Hühner im Hof. Die Erzählung ist sehr bildhaft, dabei aber nicht pathetisch aufgeladen, eher ruhig und melancholisch. Über Leylas Vater erfahren wir viel über Kurdistan, ein Land, das es offiziell gar nicht gibt. Er erzählt von Angst, Flucht, Entwurzelung und Gewalt. Mit dem arabischen Frühling 2011, der Zerstörung Aleppos und dem Genozid an den Jesiden durch den IS beginnt dann der zweite, noch eindringlichere Teil des Buchs. Nach einigen Längen im 1. Abschnitt packt mich nun die Sogwirkung. Leylas Zerrissenheit, die Angst um ihre Familie in Syrien und ihre Ohnmacht lassen mich nicht los, werden mich sicher ganz lange nicht loslassen

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
19. Sept.
Rating:5

>>Alles Beweise, dachte Leyla, auch in zehn Jahren noch, in zwanzig, dass es alles wirklich gegeben hatte: das Dorf, die Städte, die Menschen, die Sommer.<< „Die Sommer“ von Ronya Othmann - Das Dorf liegt in Nordsyrien, nahe zur Türkei. Jeden Sommer verbringt Leyla dort. Sie riecht und schmeckt es. Sie kennt seine Geschichten. Sie weiß, wo die Koffer versteckt sind, wenn die Bewohner wieder fliehen müssen. Leyla ist Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden. Sie sitzt in ihrem Gymnasium bei München, und in allen Sommerferien auf dem Erdboden im jesidischen Dorf ihrer Großeltern. Im Internet sieht sie das von Assad vernichtete Aleppo, die Ermordung der Jesiden durch den IS, und gleich daneben die unbekümmerten Fotos ihrer deutschen Freunde... Leyla sitzt sozusagen zwischen den Stühlen, befindet sich zwischen den Kulturen und immer steht die Frage im Raum, wo gehört sie hin? „Heimat ist dort, wo das Herz schlägt“ , doch ihres schlägt hier und dort – in zwei völlig verschiedenen Welten. Ronya Othmann hat hier einen Roman zu Papier gebracht, der mir als Leser mit leisen und doch kraftvollen Tönen eine sehr berührende und nahe Geschichte zugeflüstert hat, die zum einen die Unterschiede der Kulturen aufzeigt. Gleichzeitig zeichnet die Autorin hier sehr nahe Bilder vom Krieg und all den politischen Diskrepanzen und die Auswirkungen auf eine Familie, die sich zwischen all dem verliert und wiederfinden muss. Im Vordergrund steht hier ganz klar die junge Leyla, deren Erwachsenwerden durch all die Schatten ihres jungen Lebens erschwert wird und die Suche nach sich selbst und der Heimat schwere Lebensfragen sind, denen Leyla sich stellen muss. Fazit: Ein sehr lesenswertes wichtiges und tiefgreifendes Buch, das ich sehr empfehlen kann!

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
11. Sept.
Rating:4

Mit autobiografischer Nähe und Eindringlichkeit erzählt die Autorin von Leyla, die in Deutschland aufwächst, aber jeden Sommer bei der Familie ihres Vaters in Syrien verbringt. Die Großeltern und viele Tanten, Onkel und deren Kinder leben sehr einfach in einem abgelegenen Dorf nahe der türkischen Grenze. Sie gehören zum Volk der Êziden, die meisten haben keinen Ausweis, sind staaten- und rechtlos. Ihr Zusammenleben ist geprägt von großem Zusammenhalt und jahrhundertealten Traditionen, aber auch von der Angst eines Volkes ohne eigenes Land. Die Sommer prägen sich Leyla tief ein, die sich weder hier noch dort ganz zu Hause fühlt. Beklemmend wird das Buch, wenn es die Ereignisse von 2014 aus dieser Nähe erzählt, den Genozid an Leylas Volk durch die Terrormiliz des "Islamischen Staates". Sowohl die positiven Erinnerungen an die Sommer als auch die Dramatik der Bürgerkriegszeit in Syrien erzählt die Autorin in kurzen, prägnanten Sätzen. Die Erinnerungen Leylas mischen sich mit Erzählungen des Vaters aus seiner Kindheit. Das ganze Buch durchzieht eine Düsternis, eine unbestimmte Melancholie, die erst am Ende geklärt wird. Obwohl schon im Prolog steht: "Eine Geschichte [...] erzählt man immer vom Ende her. Auch wenn man mit dem Anfang beginnt."

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
16. Okt.
Rating:4

Leyla ist die Tochter eines jesidischen Kurden und einer Deutschen. Geboren in Deutschland, verbringt sie, seit sie drei Jahre alt ist, jeden Sommer im Dorf ihrer Großeltern in Syrien. Dort hilft sie ihrer Großmutter im Garten, spielt mit den Cousins und erlebt eine völlig andere Welt als in Deutschland. Von Anfang an werden die Unterschiede zwischen Leyla und ihren Cousinen beschrieben. Rückblickend sieht sie, dass auch sie dafür verantwortlich war, aber als Kind fühlte sie sich nicht immer ganz zugehörig. Zu ihrer Großmutter dagegen hat Leyla ein sehr enges und inniges Verhältnis. Zu Beginn des Buches wird nur wenig über Leylas Leben in Deutschland gesprochen, jedoch hat sie dort eine enge Freundin. Im Buch werden beinahe episodenmäßig Geschichten erzählt, aus verschiedenen Zeitperioden. Der Vater erzählt aus seiner Kindheit und aus dem Leben der Verwandten und Leyla erinnert sich an ihre Sommer bei den Großeltern. Zeitweise sind diese Episoden leider etwas verwirrend, da sie scheinbar zufällig aufeinander folgen und oft auch Hintergrundwissen vorausgesetzt wird. Im späteren Verlauf der Geschichte ändert sich der Fokus. Wurde zuvor beinahe nur über die Zeit im Dorf geredet, so geht es im letzten Drittel beinahe nur noch um die Zeit in Deutschland. Je älter Leyla wird und je angespannter die Situation im Nahen Osten ist, umso unglücklicher wird sie. Sie merkt, wie wenig die Deutschen um sie herum über die Situation der Kurden wissen und wissen wollen. Nicht einmal die beste Freundin will mit ihr darüber reden. Leyla fühlt sich nicht zugehörig und fällt in ein tiefes Loch. Der Schreibstil wirkt im Allgemeinen eher kindlich und naiv, was aber gut zum Buch passt. Im Gegensatz zum Rest war ich mit der charakterlichen Gestaltung des Buches nicht so zufrieden. Gerade mit Leyla hatte ich meine Probleme. Aus ihrer Sicht wurde zwar alles beschrieben, aber trotzdem blieb sie irgendwie völlig farblos. Gerade im späteren Verlauf, wo es stark um ihre Emotionen und ihre Interaktionen mit Menschen in Deutschland ging, schien sie oft einfach nur da zu sein. Im Text wurde dann beschrieben, was andere zu ihr sagen, aber meist zeigte sie darauf keine Reaktion, oder es wurde nicht beschrieben, was sie erwidert. Sie scheint vollkommen stumm und leblos zu sein. Ihre Emotionen konnte man zwar verstehen, aber nicht wirklich nachfühlen. „Die Sommer“ ist meiner Meinung nach mehr ein Kunstwerk als ein Roman. Es wirft auf jeden Fall Themen auf, die wichtig und unangenehm sind, vor allem hält es uns Deutschen unsere Ignoranz zu diesen Dingen vor. Zugleich ist es aber auch ein Buch über Zugehörigkeit und Sehnsucht eines jungen Mädchens. Trotz einiger Punkte, die mich an „Die Sommer“ etwas störten, bin ich insgesamt begeistert von diesem Buch.

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl
31. Aug.
Rating:4

Das Buch besteht in erster Linie aus Rückblicken, wer einen actionreichen Spannungsbogen sucht, ist hier also fehl am Platz. Dennoch hat es sich für mich auch an keiner Stelle wirklich gezogen, sondern konnte mich gerade auch mit dem leicht poetischen Schreibstil überzeugen, der Bilder von Syrien in meinem Kopf malte, unterlegt mit leichter Melancholie. Im Endeffekt besteht das Buch zu einem großen Teil aus Rückblicken, in denen sich die Protagonistin Leyla an die Sommer erinnert, die sie in dem Heimatdorf ihres Vaters bei ihrer kurdischen Verwandtschaft in Syrien verbracht hat. An die Sommer mit ihrer Familie dort, die sie teils sehr ins Herz geschlossen hat und die ihr viel beibringt. Als Leser*in erfährt man dadurch sehr viel über die êzîdische (die im Buch benutzte Schreibweise, weswegen ich sie hier auch wähle) Kultur, Geschichte und politische Situation. Ich muss gestehen, dass ich sehr wenig Wissen über Êzîd*innen habe, wodurch dieses Buch sehr lehrreich für mich war. Gleichzeitig dreht es sich aber auch um die Identität der Protagonistin, die zwischen ihrem Leben in Deutschland und ihrer kurdischen Identität hin- und hergerissen ist beziehungsweise versucht herauszufinden, wie sie beides gleichzeitig sein kann. Ich muss zugeben, dass Layla bis zum Schluss nicht so ganz greifbar wurde für mich, vielleicht auch, weil man zu wenig über ihren Alltag erfährt. Gegen Ende wird ihre Beziehung mit ihrer Freundin aufgegriffen und ihr Studium, vorher ein wenig ihre Freundschaft, aber sie bleibt eher passiv - was aber durchaus intendiert sein dürfte. Insgesamt bleibt der Spannungsbogen anfangs eher flach, ist aber durchaus da, gerade da man ahnt, dass die teils idyllisch anmutenden Sommer nicht von Dauer sein werden, was mir ein wenig ins Herz schnitt. Im letzten Drittel stieg der Bogen dann nochmal und spätestens jetzt war ich gefesselt, aber auch schockiert und betroffen von den Dingen, die letztendlich ja tatsächlich geschehen sind. Das macht die Geschichte umso eindrücklicher. Die Grundstimmung der Geschichte ist relativ melancholisch, gerade auch, weil man als Leser*in längst weiß, dass der Syrische Bürgerkrieg kommen wird, und die schönen Erinnerungen an das Leben in dem Dorf in Nordsyrien einen umso bitteren Beigeschmack haben - umgekehrt werden aber auch in der Vergangenheit schon Themen wie Unterdrückung und Massenmorde angesprochen. Das macht das Buch zu keiner leichten Lektüre, aber zu einer umso lesenswerteren und sehr aktuellen. Fazit: Lesenswerte, poetische, aber auch melancholische und schwermütige Geschichte, die die Möglichkeit eröffnet, viel über Êzîd*innen zu lernen.

Die Sommer
Die Sommerby Ronya OthmannHanser, Carl