29. Juli

Es gibt Bücher, die erzählen eine Geschichte – und es gibt Bücher, die scheitern an dem Versuch, ihrer Geschichte Herr zu werden. Jonathan Rosens The Best Minds gehört zur zweiten Sorte. Was hier vorliegt, ist der hochambitionierte, oft atemberaubend recherchierte und zugleich zutiefst irritierende Versuch, das Leben eines Mannes zu erzählen, dessen Genie und Wahnsinn einander auf tragische Weise bedingten. Der Mann heißt Michael Laudor, war einst eine Hoffnungsgestalt für Millionen, ein gefeierter Jurastudent mit diagnostizierter paranoider Schizophrenie, ein Medienliebling, dem Hollywood zu Füßen lag – und der schließlich seine schwangere Lebensgefährtin brutal ermordete. Rosen, Laudors Jugendfreund aus den bürgerlichen Vorstadtsiedlungen New Yorks, nimmt diesen Stoff zum Anlass, ein über 800 Seiten langes Panorama aufzuziehen, das zwischen Memoir, Reportage, Kulturkritik und psychiatriegeschichtlichem Traktat pendelt – ohne sich je zu entscheiden, was es eigentlich sein will. Der Ton changiert zwischen aufrichtiger Betroffenheit und intellektuellem Exhibitionismus, zwischen sezierender Genauigkeit und abschweifender Selbstbespiegelung. Ja, Rosen schreibt gut – sehr gut sogar. Seine Sätze sind geschliffen, durchwirkt von belesener Ironie und menschlicher Wärme. Aber stilistische Eleganz ist eben kein Ersatz für erzählerische Disziplin. Denn was in den ersten hundert Seiten noch als klug beobachtetes Porträt zweier begabter jüdischer Jungs in den 1970er Jahren beginnt, verliert sich bald in einem Labyrinth aus Seitenpfaden, Fußnoten und kulturhistorischen Ausflügen. Über weite Strecken wirkt das Buch, als habe jemand die vollständigen Akten eines Forschungsvorhabens zwischen zwei Buchdeckel gepresst – mitsamt aller Exkurse, Abschweifungen und thematischen Sackgassen. Man liest von medizinischen Richtungsstreits, juristischen Präzedenzfällen, philosophischen Grundsatzfragen – und verliert dabei mehr als einmal den eigentlichen Kern der Erzählung aus den Augen: die tragische Geschichte eines Mannes, der mehr als einmal hätte gerettet werden können, wäre unsere Gesellschaft nicht so eifrig darum bemüht gewesen, ihre eigenen Ideale gegen jede Evidenz zu verteidigen. Besonders problematisch wird es dort, wo Rosen vorgibt, sich Laudor als Freund zu nähern, in Wahrheit aber eher wie ein distanzierter Biograph agiert, der sein Material mit professioneller Akribie, aber emotionaler Vorsicht behandelt. Die vielbeschworene Freundschaft entpuppt sich bei näherer Betrachtung als kurze Phase gemeinsamer Jugend – was bleibt, ist eine Art intellektuelles Schattenboxen: Rosen vergleicht, analysiert, erinnert sich – aber die Nähe, die sein moralischer Anspruch impliziert, bleibt Behauptung. Umso unangenehmer berührt es, wenn ausgerechnet Caroline Costello, die ermordete Lebensgefährtin Laudors, fast zur Randfigur degradiert wird. Dass Rosen sie kaum kannte, mag eine Erklärung sein – aber keine Entschuldigung. In einem Buch, das sonst keine Mühe scheut, Nebenschauplätze auszuleuchten, wirkt ihre stille Behandlung wie ein blinder Fleck – oder schlimmer: wie eine bewusste Leerstelle. Und doch, bei aller Kritik: Man kann Rosen nicht vorwerfen, er hätte sich nicht bemüht. Die Tiefe seiner Recherche, seine Gespräche mit Fachleuten, seine historische Fundierung – all das ist beeindruckend. Nur leider erdrückt es den Leser irgendwann. The Best Minds ist ein Buch, das mehr wissen will, als es erzählen kann, und mehr erzählen will, als es erträgt. Es ist ein Buch über das Scheitern – und scheitert dabei selbst auf hohem Niveau. Was bleibt, ist ein schillerndes, überbordendes, moralisch komplexes Werk – das dringend einen rigorosen Lektor gebraucht hätte. Aber vielleicht ist auch das Teil der Tragödie: dass nicht nur Michael Laudor Opfer einer überforderten Umwelt wurde, sondern auch dieses Buch Opfer eines Autors, der zu viel wollte und zu wenig loslassen konnte.

The Best Minds
The Best Mindsby Jonathan Rosenbtb
21. Juni
Von der Psychiatrie nach Yale – und von dort in den Abgrund
Rating:4

Von der Psychiatrie nach Yale – und von dort in den Abgrund

Gleich vorweg: Das Buch ist keine leichte Kost, sondern vielmehr ein sehr umfassender Deep Dive in das Wesen psychischer Erkrankungen. Autor Jonathan Rosen erzählt von seinem eigenen Aufwachsen – und dem seines Freundes Michael, einem absolut brillanten Kopf, bei dem allen schnell klar war: der wird seinen Weg gehen. Alles ändert sich, als bei Michael mit 25 Schizophrenie festgestellt wird und er 8 Monate in der Psychiatrie verbringt. Doch er kämpft sich zurück, geht fortan sehr offen mit seiner Erkrankung um, schafft es sogar nach Yale, findet eine Freundin, es kehrt eine gewisse „Normalität“ ein. Seine Geschichte sorgt dennoch für mediale Aufmerksamkeit, Verlage und Filmstudios schlagen sich förmlich darum, Michaels Leben auf die große Leinwand zu bringen und bieten ihm Millionen. Bis plötzlich alles anders kommt. —— Für mich war das Buch eine Mischung aus tragischer Coming-of-Age Geschichte und Sachbuch – wobei der Sachbuch-Anteil für meinen Geschmack etwas zu detailliert und ausufernd war. Das Buch hätte locker um 1/3 gekürzt werden können und wäre immer noch interessant gewesen. Wer einen sehr ausführlichen Abriss zu psychischen Erkrankungen sucht, findet ihn hier auf jeden Fall!

The Best Minds
The Best Mindsby Jonathan Rosenbtb
29. Mai
Rating:5

Sternebewertung fiktiv

Oft lasse ich mich beim Lesen von Covern und Auszeichnungen leiten, so auch in diesem Fall. Die Stichworte „Pulitzer-Preis-nominiert“ und „True Crime“ haben mein Interesse geweckt. Vor mir lag ein über 800 Seiten umfassendes Werk mit Höhen und Tiefen, im wahrsten Sinne des Wortes. Jonathan Rosen erzählt in „The Best Minds“ die zutiefst bewegende Geschichte seines Jugendfreundes Michael, ein unfassbar intelligenter junger Mann, der früh die Diagnose Schizophrenie erhält. Trotz dieser schweren Erkrankung schafft es Michael nach Yale, brilliert dort akademisch und begeht Jahre später eine schockierende Tat. Er tötet seine Lebensgefährtin. Das Buch ist ebenso biografisch wie analytisch, tiefgreifend wie verstörend. Jonathan Rosen berichtet ausführlich, manchmal ausufernd von seiner eigenen Kindheit in den 1970er-Jahren in New York, der gemeinsamen Schulzeit, der intellektuellen Prägung beider Familien und dem außergewöhnlichen Werdegang Michaels. Dessen psychische Veränderungen, erste Angstzustände und Panikattacken werden eindrucksvoll und sensibel beschrieben. Besonders beeindruckend ist die Darstellung, wie Michael trotz der Diagnose seinen Weg in Yale findet, sein Studium mit Auszeichnung abschließt und dennoch zunehmend der Realität entgleitet. So fesselnd das Thema auch ist, das Werk hätte für meinen Geschmack deutlich gestrafft werden können. Viele Passagen wirken übermäßig detailliert, insbesondere im letzten Drittel, wo psychologische Einordnungen und Wiederholungen das Tempo bremsen. Für mich persönlich hätte das Buch mit der tragischen Eskalation, dem Mord an seiner Partnerin, ein konsequenteres Ende gefunden. Thematisch hat mich das Buch absolut überzeugt. Die fundierten Einblicke in die Entwicklung einer psychischen Erkrankung, die psychologischen Hintergründe und die Tragik hinter einem realen Schicksal, all das wird eindringlich, klug und erschütternd erzählt. Wer sich nicht vor der Seitenzahl scheut und tiefer in die Thematik Schizophrenie eintauchen möchte, wird hier ein Werk finden, das sowohl zum Nachdenken anregt als auch emotional bewegt.

The Best Minds
The Best Mindsby Jonathan Rosenbtb