14. Apr.
Rating:5

Der Doppelgänger von [a:José Saramago|1285555|José Saramago|https://images.gr-assets.com/authors/1497455560p2/1285555.jpg] ist ein Buch, das ziemlich viel anders macht, als ein "konventioneller" Roman. Das möchte ich an zwei Punkten näher beschreiben: 1. Die Story: Die Idee eines Doppelgängers hat Saramago sicher nicht erfunden. Nein, vor ihm gab es zahlreiche andere Versuche, die Einzigartigkeit des Menschen in Frage zu stellen. Z.B. [b:William Wilson|6798492|William Wilson|Edgar Allan Poe|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1334188359l/6798492._SY75_.jpg|2189650] von [a:Edgar Allan Poe|4624490|Edgar Allan Poe|https://images.gr-assets.com/authors/1454522972p2/4624490.jpg], [b:Der Doppelgänger|1959238|Der Doppelgänger|Fyodor Dostoyevsky|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1372081084l/1959238._SY75_.jpg|236056] von [a:Fyodor Dostoyevsky|3137322|Fyodor Dostoyevsky|https://images.gr-assets.com/authors/1506003555p2/3137322.jpg] und [b:Der Doppelgänger|15747158|Der Doppelgänger|Friedrich Dürrenmatt|https://i.gr-assets.com/images/S/compressed.photo.goodreads.com/books/1429957108l/15747158._SY75_.jpg|21438591] von [a:Friedrich Dürrenmatt|41616|Friedrich Dürrenmatt|https://images.gr-assets.com/authors/1201465055p2/41616.jpg], um die bekanntesten zu nennen. Was macht Saramago nun anders? Auf dem ersten Blick wird zwar der Anschein erweckt, dass Tertuliano Máximo Afonso und sein Doppelgänger António Claro beide parallel zueinander existieren, doch werden dem Leser, vor allem gegen Ende der Geschichte, immer mehr Hinweise wie Brotkrumen gestreut, die nahelegen, dass sich alles nur im Kopf des Schauspielers António Claro abspielt, der eine psychische Krankheit entwickelt hat. Diese Vermutung wird allerdings nicht bestätigt, dem Leser bleibt nichts weiteres übrig, als seine eigene Wahrheit aus dem Gelesenen zu ziehen. 2. Die Erzählsituation Der Erzähler ist autoritär, d.h. er bewegt sich in einer anderen Sphäre des Geschehens als die Charaktere. Das erlaubt ihm Einsicht in die Psyche, die Zukunft sowie Vergangenheit eines jeden Charakters, was zu einigen sehr spannungsaufbauenden Passagen führt, die es nicht gegeben hätte, wenn die Geschichte lediglich aus der Perspektive von Tertuliano Máximo Afonso erzählt worden wäre. Der Leser wird meistens mit "wir" angesprochen, was vermuten lässt, dass der Erzähler sich selbst in die Ansprache mit einbezieht. Das erweckt den Eindruck, dass sich fiktiver Erzähler und fiktiver Adressat auf ein und der selben Ebene befinden. Desweiteren unterbricht der Erzähler regelmäßig die Erzählung, um Exkursionen in die menschliche Psyche zu führen oder Ungereimtheiten in der Geschichte aufzuzeigen. All das erweckt bei mir das Bild von einem Psychologieprofessor, der seiner Klasse psychische Krankheiten anhand der Geschichte des António Claro näher bringen möchte. Deshalb finde ich auch die Rezension des Handelsblattes, "Als hätten Alfred Hitchcock und Sigmund Freud Hand in Hand geschrieben.", besonders treffend. Fazit: Ich gebe dem Buch 5 Sterne, weil es zeigt, wie man mit erzähltechnischen Mitteln eine allerhöchstens "gute" Geschichte von einem Doppelgänger zu einem absolut spannenden Einblick in die Tiefe der menschlichen Psyche machen kann. Denn es geht im Endeffekt nicht darum, ob es wirklich exakte Duplikate von Menschen auf dieser Welt gibt, sondern um die Bandbreiten psychischer Krankheiten und wie sich kranke Menschen ihre eigene Realität erschaffen, um ihren Zustand nicht anerkennen zu müssen.

Der Doppelgänger
Der Doppelgängerby José Saramagobtb