Durchwachsen, muss man mögen
In „Die Stille ist ein Geräusch“ reist Juli Zeh durch Bosnien, ein Land, das wenige Jahre zuvor noch vom Krieg und Genozid geprägt war. Statt großer politischer Erklärungen beschreibt sie, was sie sieht, hört und fühlt: verlassene Dörfer, merkwürdige Begegnungen, Gespräche mit Soldaten und Einheimischen. Dabei bleibt sie ehrlich und nahbar, oft fragt sie sich selbst, was sie dort eigentlich sucht. Das Buch ist kein klassischer Reisebericht, sondern eher ein persönliches Tagebuch in literarischer Sprache. Die Eindrücke sind manchmal traurig, manchmal überraschend oder seltsam, oft nachdenklich. Es gibt keinen klaren roten Faden, aber genau das macht den Reiz aus: Man entdeckt das Land durch Juli Zehs Augen, neugierig, offen und ohne zu urteilen. Wenn man selbst aus Bosnien stammt, begegnet man dem Buch mit einer gewissen Voreingenommenheit. Man kennt vieles.. aber genau das macht es spannend: Manchmal muss man schmunzeln, wenn einem das Bekannte durch die Sicht einer Fremden begegnet. Der Perspektivenwechsel ist interessant und lohnt sich. Wer poetische Sprache mag und sich für stille, eindrückliche Beobachtungen interessiert, wird dieses Buch wahrscheinlich schätzen. Wer eine spannende Handlung oder tiefe politische Analyse erwartet, wird es vielleicht als zu ruhig oder zu „fragmentarisch“ empfinden. Für alle anderen ist es eine leise, kluge und eindrucksvolle Reise durch ein vergessenes Stück Europa.



