
Ali Smiths "Es hätte mir genauso" hat mich gleichermaßen fasziniert und erschöpft. Die Grundidee des Romans – ein Mann schließt sich während einer Dinnerparty in einem Gästezimmer ein und bleibt dort – eröffnet viele spannende Gedankenräume über Gesellschaft, Einsamkeit und die Sehnsucht, aus allen Erwartungen auszusteigen. Besonders die Figur Mark fand ich dabei deutlich interessanter als Miles selbst, der eher eine Projektionsfläche bleibt. Was mich wirklich begeistert hat, waren die kleinen poetischen Einsprengsel im Text. Manche dieser fast gedichtartigen Passagen hatten eine große Schönheit und Tiefe. Von mir aus hätte das ganze Buch nur daraus bestehen können. Diese sprachlichen Momente erinnerten mich daran, wie stark Literatur sein kann, wenn sie Atmosphäre und Gefühl verdichtet. Zitat: "Jede Knospe, die je entsteht, ist wert, dass altes Laub zugrunde geht. Ein Schöpfen ist's mit Messers Stahl, fühllos, fühlend, lebend allemal." Gleichzeitig war mir Ali Smiths Stil auf Dauer zu viel. Fast jeder Absatz ist voller Sprachspiele, Anspielungen und intellektueller Wendungen. Ich mag anspruchsvolle Literatur und lasse mich gern herausfordern – aber hier fehlten mir Ruhe und Lesefluss. Während mich etwa Herta Müllers "Atemschaukel" trotz seiner sprachlichen Dichte emotional getragen hat, fühlte sich "Es hätte mir genauso" irgendwann eher anstrengend als bereichernd an. Ich verstehe sehr gut, warum viele Leser Ali Smith lieben. Für mich blieb am Ende aber vor allem der Eindruck eines literarisch beeindruckenden Buches, das mich mehr zum Denken gebracht als wirklich berührt hat. ⭐️⭐️⭐️

