
Die Beweislage ist fifty-fifty – das Urteil nicht
Hohes Gericht, werte Geschworene, teuerste Leserschaft, der heutige Fall trägt den passenden Namen „Fifty-Fifty“. Und glauben Sie mir: Selten beschreibt ein Titel eine Anspruchshaltung derartig passend. Denn während der gesamten Verhandlung – entschuldigen Sie, während des gesamten Leseprozesses – war ich mir nicht sicher, auf welcher Seite ich eigentlich stehe. Wird das Buch konsequent zur Reihe „Fünf-Sterne-Rating“ angehören? Oder strauchelt es etwas, minimal vielleicht, denn irgendwann müssen sie doch endlich aufhören, die ganzen Geniestreiche, die mich vier vorherige Bände lang begleitet haben, oder nicht? Die Entscheidung stand, man ahnt es, fifty-fifty. Steve Cavanagh macht in diesem fünften Band nämlich etwas, das fast schon zu seinem Repertoire gehört: Er sorgt dafür, dass man permanent zweifelt. An jedem. An jeder Aussage. An jeder Figur. In diesem Fall haben wir: Zwei Verdächtige. Zwei Anwälte. Zwei Seiten der Geschichte. Und irgendwo da draußen möglicherweise eine Mörderin, die allen einen Schritt voraus ist. Das Buch „fifty-fifty“ trägt seinen Namen nicht umsonst. Es gibt dieses Mal zwei Seiten der Geschichte. Und als Leser sitzt man da wie ein völlig überforderter Ersatzgeschworener und denkt sich alle zwanzig Seiten lang: „Okay. Jetzt hab ich’s.“ Spoiler: Hatte ich nicht. Bis irgendwann die letzten, sagen wir, 60 Seiten anbrachen. Gute Quote bei etwas über 500 Seiten. Aber das ist keinen Stern Abzug wert. Nicht mal einen halben. Dafür ist dann doch zu gut gemacht. Besonders stark fand ich die mehreren POVs. Dieses Mal bekommen wir mehr Perspektiven als in den vorherigen Bänden, überwiegend drei – und genau DAS ist spannend. Jeder Blickwinkel bringt neue Informationen, neue Zweifel und gefühlt drei neue Theorien mit sich. Zwei Angeklagte, eine vertreten durch den allseits bekannten Protagonisten der Reihe: Mr Eddie Flynn. Wir lernen zudem Kate kennen, die die 2. Angeklagte vertritt. Beide Verteidiger verfolgen wir beinahe abwechselnd von Kapitel zu Kapitel. Dazu verfolgen wir die Täterin, „Sie“, die bis zum Schluss quasi namenlos bleibt. Und was wäre Band 5, wären da nicht auch noch die allseits bekannten Gesichter aus den vorherigen Bänden? Inzwischen fühlt sich diese Reihe fast wie eine große Kanzlei an, der man selbst angehört. Eddie Flynn bleibt dabei natürlich Eddie Flynn: sympathisch, clever und wahrscheinlich der einzige Anwalt, der sich benehmen kann wie Sau und trotzdem nicht vor der Anwaltskammer endet. Die neue Protagonistin Kate ist ebenfalls sympathisch und eine interessante Figur. Wie sie aus ihren Fängen ausbricht und den alten, weißen und sexistischen Männern, die ihr zu Beginn begegnen, den Mittelfinger zeigt, ist einen - mit Verlaub - fetten Applaus wert. Was soll ich also abschließend sagen? Die Chancen stehen also fifty-fifty, ob dieser fünfte Band das Niveau der Reihe halten kann. Nach sorgfältiger Prüfung der Beweise kommt die Ein-Mann-Jury jedoch zu einem einstimmigen Urteil, ganz ohne 50:50-Joker: Fünf Sterne. Mal wieder.
























































