15. Mai
Rating:3

Charmantes, lockeres Lesefutter mit 90er-Jahre-Flair

Wenn der Yuppie-Traum mit 30 zerbröselt Cora Schiller ist die Verkörperung des Yuppie-Traums der 90er Jahre. Erfolgreich als PR-Managerin in einer eigenen Agentur in München, sportlich, attraktiv, charmant – sie passt perfekt in die Schublade TSY: Traumfrau, Single, Yuppie. Männer liegen ihr zu Füßen, ihre Karriere läuft wie geschmiert, ihr Selbstbewusstsein scheint unerschütterlich. Dann wird Cora 30 – und plötzlich kracht alles zusammen. Ihr Freund betrügt sie, ihre beste Freundin wird schwanger, ihr wichtigster Kunde springt ab. Während ihre Welt ins Wanken gerät, taucht der eigenwillige Künstler Ivan auf, mit dem sie zunächst gar nichts anfangen kann. Er trägt ihr eine ungewöhnliche Aufgabe an, die ihr ganzes durchgetaktetes Leben auf den Kopf stellt – und ihr Selbstbild gleich mit dazu. Amelie Fried schreibt locker, flüssig und mit einer leichten Selbstironie, die das Lesen angenehm macht. Man kommt schnell durch die Seiten, die Dialoge sind pointiert, der Erzählton durchgehend warm-augenzwinkernd. Das ist genau die Sprache, die das Buch in den 90ern zum Bestseller gemacht hat: zugänglich, charmant, mit feinem Sinn für die Komik des Alltags. Was beim Lesen 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung allerdings auffällt: Sprachlich wirkt vieles heute leicht antiquiert. Worte, Wendungen, Beschreibungen von Mode und Lifestyle – das ist alles deutlich Mid-90s-Vibe. Wer in dieser Zeit aufgewachsen ist, wird das vermutlich charmant nostalgisch finden. Jüngere Leser:innen könnten manche Stellen als „aus der Zeit gefallen“ empfinden. Cora ist eine grundsätzlich sympathische Hauptfigur, mit klaren Stärken und Schwächen. Frieds Trick ist clever: Wir lernen Cora zunächst von ihrer äußerlich perfekten Seite kennen, sehen dann aber Stück für Stück die Risse hinter der Fassade. Die selbst auferlegten Erwartungen, die emotionale Distanz, das ständige Performen – das ist alles authentisch beobachtet und für viele Leserinnen vermutlich erkennbar. Mein Problem: Coras innere Wandlung passiert mir ein bisschen zu schnell und zu glatt. Die wirklich tiefen Brüche, der echte Bruch, das schmerzhafte Hinterfragen des eigenen Lebens, all das hätte mehr Raum verdient. Stattdessen wird Coras Krise eher mit leichter Hand abgehandelt, gelegentlich fast zu humorvoll. Das nimmt der Figur Tiefe, die sie gut hätte vertragen können. Hier wird es für mich am schwierigsten: bei den Geschlechterbildern. Das Buch ist 1996 erschienen, und das merkt man deutlich. Frauen werden viel über ihr Aussehen, ihre Männerwahl und ihre Beziehung zu Schwangerschaft definiert. Männer sind entweder charmante Verführer oder unverstandene Romantiker. Klischees, die damals weniger auffielen und heute oft nicht mehr funktionieren. Gerade die Auseinandersetzung mit Coras schwangerer Freundin oder das ständige Thema „mit 30 unverheiratet“ wirkt heute ungewöhnlich angestaubt. Wer das einordnen kann („das ist halt 90er“), kommt damit klar. Wer mit modernen Wohlfühlromanen aufgewachsen ist, in denen Frauen eigenständige Figuren mit Berufs-, Familien- und Selbstverwirklichungs-Themen sind, wird hier stellenweise die Stirn runzeln. Das Tempo ist gemütlich. Wer einen modernen, schnellen Wohlfühlroman im Stil von Beth O’Leary oder Mhairi McFarlane erwartet, wird hier ausgebremst. Fried nimmt sich Zeit für Coras Berufsleben, ihre Freundschaften, ihre Familie, ihre kleinen Alltagsdramen. Das hat seinen Charme, kann aber auch zähflüssig wirken. Was mir besonders aufgefallen ist: Der Ivan-Plot kommt für meinen Geschmack etwas spät und wird dann auch schnell aufgelöst. Genau hier hätte ich mir mehr Dramatik oder einen größeren Bogen gewünscht. So bleibt das Buch eher in der Wohlfühl-Komfortzone, als wirklich emotional zu fordern. Trotz aller Kritik: „Traumfrau mit Nebenwirkungen“ funktioniert auch heute noch als entspannte Wohlfühl-Lektüre. Für einen verregneten Sonntag, eine lange Zugfahrt oder als Strandlektüre ist das Buch absolut geeignet – es will nicht mehr sein, als es ist, und das macht es ganz gut. Was Fried gut hinbekommt: das Lebensgefühl der 30-jährigen Erfolgsfrau einzufangen, die plötzlich merkt, dass äußere Erfolge nicht automatisch inneres Glück bedeuten. Diese Grundbotschaft ist zeitlos, auch wenn die Verpackung 30 Jahre alt ist. Wer Amelie Frieds aktuellere Bücher wie „Traumfrau mit Ersatzteilen“ mag, sollte den Auftakt der Reihe definitiv lesen, um Cora Schiller von Anfang an zu begleiten. Mein Fazit: „Traumfrau mit Nebenwirkungen“ ist ein typischer deutscher Wohlfühlroman aus den 90ern, mit allem, was dazugehört: charmante Hauptfigur, lockerer Stil, leichte Selbstironie, klassische Beziehungsthemen. Wer das Buch zur Erscheinungszeit gelesen hat, wird es vermutlich nostalgisch im Herzen tragen. Wer heute zum ersten Mal damit anfängt, wird sich freuen, aber wahrscheinlich nicht umgehauen. Solides Lesefutter, aber kein Highlight – und mit Geschlechterbildern, die heute spürbar veraltet wirken. Wer Amelie Fried entdecken will, sollte vielleicht eher mit ihren aktuelleren Büchern starten und dann zurück zur Cora-Schiller-Trilogie kommen. Empfehlenswert für Frauen ab 35, die in den 90ern aufgewachsen sind und Lust auf eine nostalgische Zeitreise haben. Für Fans von Amelie Fried, die alle drei Cora-Schiller-Bände lesen wollen. Auch passende Strand- oder Wohnzimmerlektüre für entspannte Lesestunden, ohne Anspruch auf literarische Tiefe. Eher nichts für Leser:innen unter 30, die mit modernen Wohlfühlromanen aufgewachsen sind und gleichberechtigte Figurenzeichnung erwarten, oder die anspruchsvolle Belletristik mit Tiefgang bzw. schnellere, pointierte RomComs im Stil von Beth O’Leary bevorzugen.

Traumfrau mit Nebenwirkungen
Traumfrau mit Nebenwirkungenby Amelie FriedGoldmann