7. März
Rating:4

Es lässt mich mit gemischten Gefühlen zurück

Dieses Buch zu bewerten fällt mir wirklich schwer. Ich habe selten ein Buch gelesen, bei dem ich währenddessen so viele widersprüchliche Gedanken hatte. Es handelt sich um ein Memoir, also um eine sehr persönliche Geschichte über Molly und ihren Mann Stewart, die ihre Ehe öffnen. Der Ausgangspunkt ist: ein Abend in einer Bar, ein Fremder, ein Gespräch zu Hause und plötzlich steht die Idee im Raum, dass Molly mit diesem Mann schlafen könnte. Daraus entwickelt sich über Jahre hinweg ihre offene Ehe. Was das Buch auf jeden Fall sehr authentisch macht ist, dass Molly sich nicht von ihrer besten Seite zeigt. Sie handelt oft widersprüchlich, unfair oder emotional. Die Situationen stammen aus ihren Tagebüchern und man merkt, dass sie zu dieser Zeit einfach wirklich so gedacht hat. Gleichzeitig hat mich das teilweise auch ziemlich frustriert. Besonders schwierig fand ich manche stereotypen oder klischeehaften Aussagen. Dinge wie „Männer sind eben so“ oder bestimmte Vorstellungen über andere Menschen haben sich für mich manchmal einfach sehr unangenehm gelesen. Natürlich ist das ein sehr ehrlicher Einblick in ihre Denkweise, aber trotzdem hatte ich öfter Momente, in denen ich mich innerlich verkrampft habe. Auch die Dynamik zwischen Molly und Stewart fand ich teilweise schwierig. Am Anfang wird viel davon gesprochen, wie offen sie miteinander kommunizieren. Beim Lesen hatte ich aber eher das Gefühl, dass sich beide ziemlich viel verschweigen oder Dinge unterschiedlich behandeln. Zum Beispiel soll Stewart wenig über seine Dates erzählen, während Molly alles teilt. Gleichzeitig merkt man aber, dass sie es emotional kaum aushält, sich ihn mit anderen vorzustellen. Diese Widersprüche ziehen sich stark durch das Buch. Trotzdem gibt es auch eine Entwicklung. Molly geht immer wieder zur Therapie, später auch zur Paartherapie, und dort werden viele ihrer inneren Konflikte aufgearbeitet. Gerade diese Reflexionen fand ich spannend, weil man langsam besser versteht, warum sie so reagiert und warum ihr die offene Ehe gleichzeitig so wichtig ist und so schwer fällt. Stewart wird im Buch teilweise fast ein bisschen idealisiert dargestellt. Er wirkt oft unglaublich verständnisvoll und geduldig. Klar gibt es auch Momente, in denen ihn Dinge stören, aber meistens scheint er schnell wieder darüber hinwegzukommen oder spricht manches erst gar nicht an (wird erklärt warum). Das hat sich für mich teilweise unausgeglichen angefühlt. Während des Lesens hatte ich insgesamt oft ein seltsames Gefühl. Ich kann es kaum in Worte fassen. Es liegt nicht an der offenen Ehe, sondern eher an de ganzen dynamite unter den Figuren. Gleichzeitig wollte ich aber unbedingt weiterlesen, weil ich wissen wollte, wie sich ihre Beziehung entwickelt und wo das Ganze am Ende hinführt. Sympathisch fand ich ehrlich gesagt keine der Personen wirklich. Aber vielleicht ist das auch gar nicht der Punkt dieses Buches. Für mich fühlte es sich eher so an, als würde ich einfach einer Frau zuhören, die sehr offen von ihren Fehlern, Zweifeln, inneren Konflikten und ihrer Beziehung erzählt. Und genau das macht das Buch am Ende interessant. Wie ich es bewerten soll, weiß ich immer noch nicht so richtig. Einerseits hat es mich oft genervt, andererseits fand ich es auch faszinierend, so ehrlich an den Gedanken einer Person teilzuhaben. Vielleicht ist genau dieses ambivalente Gefühl auch Teil des Buches.

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Mehrby Molly Roden WinterGoldmann