Rezensionsexemplar „Zu viel Drama, zu wenig Tiefe – verschenktes Potenzial trotz guter Grundidee“
„Frühling, Sommer, Herbst und du“ von Henriette Krohn klang für mich nach einer emotionalen, vielleicht auch versöhnlichen Geschichte über zwei Menschen, die sich auf einem Roadtrip durch Spanien wieder näherkommen. Was ich stattdessen bekommen habe, war ein Buch mit überzeichnetem Drama, unstimmigen Charakteren und einem Schreibstil, der mich oft mehr genervt als berührt hat. Die erste Hälfte des Buchs war für mich sehr zäh. Besonders der Perspektivwechsel zwischen Maya (Ich-Erzählung) und Alex (personaler Erzähler) hat die emotionale Bindung erschwert – Alex blieb dadurch blass und distanziert. Auch Maya war schwer zugänglich: Ihre ständigen extremen Reaktionen wirkten oft überzogen und wenig nachvollziehbar. Die Szene, in der sie ihr Handy mit einem Fleischhammer zerstört, ist nur ein Beispiel dafür. Ein einfaches Ausschalten oder Abgeben an Greta oder ihren Bruder hätte denselben Effekt gehabt – nur realistischer. Auch der Umgang mit Problemen (z. B. Shitstorm, Beziehungsstress) wurde wiederholt mit Wodka oder impulsiven Ausbrüchen beantwortet. Dass Maya sich ständig verletzt oder alles ruiniert (Stichwort: Näharbeit fürs Kleid) hat irgendwann fast schon slapstickhafte Züge. Viele Nebenfiguren wie Laura, Mattias oder Adriana wirken überzeichnet oder dienen nur als Trigger für das nächste Drama. Das Verhalten der Influencerin, die öffentliche Demontage Mayas, und die folgenden Hasskommentare – alles wurde in einem Maße eskaliert, das weder authentisch noch verantwortungsvoll wirkte. Was mich ebenfalls enttäuscht hat: Der Roadtrip nach Spanien, der im Klappentext als zentraler Teil der Geschichte suggeriert wird, spielt tatsächlich nur eine sehr kleine Rolle. Die Reise selbst ist in wenigen Kapiteln abgehandelt und bietet kaum Raum für echte Entwicklung oder Tiefe. Spanien bleibt Kulisse, keine echte Station der Transformation. Einziger Lichtblick war für mich Greta – Mayas Cousine. Sie ist die einzige Figur, die in der Flut aus Drama und Chaos stabil, schlagfertig und empathisch bleibt. Sie bringt wichtige feministische Gedanken ein, verteidigt Maya in schwierigen Momenten und bleibt dabei menschlich. Sie war die einzige, mit der ich wirklich mitfühlen konnte. In der zweiten Hälfte wurde es besser: Es kamen emotionalere Momente, mehr ruhige Gespräche, und die Figuren durften zumindest ansatzweise aneinander wachsen. Trotzdem wurde das weiterhin durch neue, teils unlogische Dramen untergraben – z. B. die plötzliche Ankunft von Yanis (Lauras Affäre) in Spanien oder Maya, die aus dem Nichts Alex körperlich nahekommt, obwohl es bis dahin keinerlei echte Annäherung gab. Die letzten 150 Seiten fand ich deutlich besser – ruhiger, emotional greifbarer, weniger wirr. Aber der Gesamteindruck bleibt durchwachsen. Es wirkt, als wollte das Buch zu viel auf einmal erzählen: toxische Beziehungen, Internet-Shitstorms, Familientrauma, Betrug, Bodyshaming, Identitätssuche – und das alles in 384 Seiten. Ein Buch mit starker Idee, aber schwacher Umsetzung. Wenn Maya und Alex das emotionale Zentrum sein sollen, fehlt dazu die nötige Charaktertiefe und Konsequenz. Das Roadtrip-Versprechen bleibt unerfüllt, die Handlung ist überfrachtet, und viele Nebenfiguren (insb. Laura, Mattias, Adriana) verkommen zu reinen Drama-Generatoren. Greta war die große Ausnahme – sie hat dem Buch immerhin etwas Erdung gegeben.





























