Schockierend und schwermütig aber dennoch ein Highlight
Dieses Buch ist wirklich harter Tobak, daher würde ich empfehlen vorher die Triggerwarnungen zu checken. Ich fand es stellenweise schwer mitanzuhören und musste öfters Pausen machen. Trotzdem war es für mich ein Highlight, ich hatte es bisher selten in einem Buch, dass ich eine Protagonistin so sehr gehasst aber gleichzeitig so sehr ihre Hoffnung und Gefühle nachvollziehen konnte. Die Taten der Frauen und somit auch Noras Verzweiflung steigern sich im Laufe der Geschichte immer weiter und gipfeln am Ende in einer Wahnsinnstat. Auch wenn man bis zum Schluss hofft, dass es nicht so weit kommt. Hannah Kent lässt in diesem Buch eine unglaublich düstere und schwermütige Atmosphäre entstehen. Besonders interessant fand ich, dass hier sehr oft der Aberglaube thematisiert wird.
4,5 Sterne = fast perfekt, würde ich weiter empfehlen
Ein unglaublich düsteres, beklemmendes und atmosphärisches Buch, mit dem uns die Autorin durch ihre ruhige und stimmungsvolle Sprache ins Jahr 1825 in ein kleines irisches Dorf entführt. Und so fühlt es sich beim Lesen auch tatsächlich an: Man ist plötzlich mittendrin unter den Dorfbewohnern, deren Leben geprägt ist von Dreck, Armut, Hunger, Glaube und Aberglaube. Wie sehr der Aberglaube das Handeln der Menschen beeinflusst und zu welch schrecklichen Schicksalen das führen kann wird dem Leser hier aufgezeigt. Eine Geschichte, die einem wirklich sehr nahe geht!
"Wie viel Angst wir davor haben, erkannt zu werden, und wie verzweifelt wir uns doch danach sehnen"
Als Noras Mann stirbt, ist sie alleine mit ihrem kranken Enkel und hoffnungslos überfordert. Das Mädchen Mary soll ihr zu Hand gehen, insbesondere mit dem kleine Michael. Das Dorf munkelt, Michael ist ein Wechselbalg. Die beiden Frauen wenden sich an die Heilkundige Nance um Hilfe zu erhalten ... und damit beginnt ein großes Unglück. Nach einer wahren Geschichte Ende des 19. Jahrhunders in Irland.
Das Buch war insbesondere in der ersten Hälfte kaum zu ertragen für mich. Aus heutiger Sicht weiß man, dass Michael krank ist, eine Behinderung hat, und Liebe und Fürsorge braucht. Aber der Aberglaube der damaligen Zeit lässt die Leute denken, das Kind wäre von den Feen ausgetauscht worden und dementsprechend wird es behandelt. Wie oft habe ich den Kopf geschüttelt beim Lesen, wie oft hatte ich Tränen in den Augen aufgrund von Aussagen der Personen und vor Allem dem Handeln der Personen. So viele schlimme Gänsehautmomente, so viel Wut beim Lesen. Ich hätte das Buch fast abgebrochen, so fertig hat es mich gemacht. Und doch wollte ich wissen, wohin die Geschichte führen wird. Ich habe es nicht bereut, weiter gelesen zu haben, nimmt es doch noch eine unerwartete Wendung, die zwar auch deprimierend und beängstigend ist aber dennoch interessant zu lesen. Über das Ende lässt sich diskutieren und irgendwie lässt einen das Buch mit keinem guten Gefühl zurück. Dennoch würde ich eine Leseempfehlung geben für Leser*innen, die Bücher über Aberglauben und dessen Folgen lesen wollen. Und mit Sicherheit wird mich die Geschichte nicht mehr loslassen und die Figuren werde ich nicht vergessen. Sehr eindringlich.
Eine wahnsinnig bedrückende Geschichte, die auf wahrer Begebenheit beruht.
Wie gefährlich die Dynamik eines Glaubens werden kann wird sehr eindrücklich geschildert.
Trotz heftiger Thematik fliegt man nur so durch die Seiten und ist immer wieder fassungslos, was man da liest!
Zudem fühlt man unendlich mit und googelt immer mal wieder Begriffe und Krankheitsbilder.
Absolute Empfehlung!
Das Buch spielt im ländlichen Irland, im Jahr 1826 und beruht auf einem wahren Fall. Detailliert werden die Lebensverhältnisse der Menschen beschrieben und welche Bedeutung der Aberglaube hatte, in einer Zeit, in der die Menschen für Vieles noch keine Erklärung hatten und den Launen der Natur ausgesetzt waren. Es herrscht eine düstere Atmosphäre und es passiert teilweise Grausames, dennoch ist das Buch nicht zu niederdrückend, sondern vor allem spannend und mitreißend. Hat mir sehr gut gefallen.
Hannah Kent greift einen wahren Fall auf, der die Grundlage dieser tragischen Geschichte bildet.
Ohne eine Aufwärmphase hat mich die Autorin direkt auf den ersten Seiten in ein dunkles, altes Dorf befördert, in dem die alten Mythen über Wechselbälger und Feen noch lebendig sind.
Schonungslos und glasklar in ihrer Wortwahl erzählt Hannah Kent eine faszinierende, atmosphärische und erschütternde Geschichte über alte Bräuche und darüber, wie gefährlich Aberglaube werden kann, wenn man daran festhält.
Hannah Kent - diesen Namen sollte man sich merken.
Als ich letztes Jahr Das Seelenhaus von Hanna Kent gelesen habe, war mir bereits in der Mitte klar, dass die Autorin damit ein Meisterwerk geschaffen hat, dessen Wurzeln sich tief in meine Seele graben werden. Denn es ist einer jener seltenen Romane der bleibt und den man nie richtig vergessen kann.
Dementsprechend hoch waren aber auch meine Erwartungen an ihr nächstes Werk und ich denke viele können nachvollziehen, dass man an dieses dann etwas nervös und aufgeregt herangeht.
Wird es Wo drei Flüsse sich kreuzen wieder schaffen mich so zu begeistern oder war der Vorgänger einfach nur ein literarisches One-Hit-Wonder?
Dein Sohn bleibt dein Sohn , bis er heiratet, aber deine Tochter bleibt deine Tochter , bis du stirbst. Und jetzt auch noch deinen Mann zu verlieren…Gott ist wirklich grausam: Er nimmt die , die wir am meisten lieben, am ehesten zu sich.
(Seite 51)
Irland / County Kerry zu Beginn des 19 Jahrhunderts.
Bäuerin Nóra lebt seit dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes einsam und von Trauer erfüllt mit ihrem Enkel Micheál in einer abgeschiedenen, mit Reet gedeckten Kate. Bereits im Kleinkindalter wurde der inzwischen 4-Jährige in die Obhut seiner Großeltern gegeben, da auch die gemeinsame Tochter Johanna sehr früh verstarb. Da Micheál aber ein ungewöhnlich zartes und nicht altersgemäß entwickeltes Kind ist, das sehr viel schreit und noch mehr Aufmerksamkeit benötigt, die ihm die überforderte Witwe nun nicht mehr geben kann, beschließt sie, die 14-jährige Magd Mary Clifford einzustellen, um ihr zur Hand zu gehen und sich um das Kind zu kümmern.
Doch der Frieden währt nicht lange, denn die abergläubischen Nachbarn des Tals sind überzeugt, dass der zurückgebliebene Junge in Wahrheit ein Wechselbalg ist, der von Feenwesen ausgetauscht wurde, um schlechte Ernten und defizitäre Milcherträge über die Einwohner zu bringen. Von diesen Gerüchten in die Ecke gedrängt, beschließt Nóra daher die alte Kräuterfrau und selbsternannte Heilerin Nance aufzusuchen, die ebenfalls die Gabe besitzen soll mit der Anderswelt in Kontakt zu treten.
Hannah Kents Roman Wo drei Flüsse sich kreuzen ist ein düsterer Roman, der die dunklen und oft hässlichen Seiten einer vergangenen Gesellschaft aufzeigt. Gefangen in der Schwebe zwischen altem Aberglauben und dem Christentum beschreibt die Autorin merkwürdige Vorkommnisse, die sich heute zwar einfach erklären lassen, aber zur damaligen Zeit fast schon prophetische Züge angenommen haben müssen.
In einer Vergangenheit, die wenig von Wissen sondern von harter körperlicher Arbeit geprägt war, sind es oft Anzeichen und Überlieferungen, die ungewöhnliche Kälte, Dauerregen oder gar das Hühnersterben zu etwas mystischem machen. Missernten werden als Bestrafung angesehen und behinderte Menschen gelten als etwas Böses und unerwünschtes, das vertrieben werden muss.
Die verbreitete Legende, in denen Feen menschliche Babys aus ihren Wiegen stehlen um selbst ihre eigene, böse Brut zu hinterlassen lässt viele heute den Kopf schütteln, doch Hannah Kent erzählt diese so poetisch und voller Tradition, das man sich oft dabei erwischt selbst daran zu glauben. Es ist schlicht und ergreifend angsteinflößend, wie solch ein Aberglaube das Leben vieler Menschen zur damaligen Zeit geprägt und kontrolliert hat – und auch heute noch tut. Vielleicht sind es 2019 keine Feenwesen mehr, die uns zu unvorstellbar grausamen Dingen verleiten, dennoch versetzt unser Glaube heutzutage nicht nur Berge, sondern tötet im schlimmsten Fall noch immer viele Unschuldige.
Es ist erschreckend und faszinierend zugleich, der Autorin in eine Zeit zu folgen, die von Armut und Hungersnöten geprägt war und man merkt auf jeder Seite und in jedem Wort, dass sie sich intensiv mit dem irischen Volk und deren Brauchtümern beschäftigt hat.
Als Leser fühlt man sich direkt zu Beginn in die nass-kalte Kate von Nóra versetzt und kann beinahe das Torffeuer und den Dung der Tiere riechen, der sich aufdringlich in der Behausung verbreitet. Sie schafft eine Atmosphäre, der man nicht entkommen kann und bleibt dabei so dicht an ihren Figuren, dass man sich fühlt, als stünde man direkt neben ihnen. Und dabei muss man nicht einmal mit allen sympathisieren, denn fühlen konnte ich jeden einzelnen ihrer physischen und psychischen Schmerzen.
Das tragische Schicksal von Micheál war es jedoch, das die ganze Zeit wie ein Damoklesschwert über der Geschichte schwebte und mich bis zuletzt hoffen lies. Doch über das Ende möchte ich gar nicht zu viel verraten, sondern euch bitten Wo drei Flüsse sich kreuzen selbst in die Hand zu nehmen um in diesem Meisterwerk zu versinken.
“Wo drei Flüsse sich kreuzen” wird mir mit Sicherheit noch lange in Erinnerung bleiben.
Hannah Kent beschwört mit kristallklarer, ausdrucksstarker Sprache ein Bild des ländlichen Irlands von 1825 herauf. Das Leben der Menschen wird nicht nur von Hunger und tiefster Armut bestimmt, sondern auch von Religion und Aberglaube. Beides gibt ihnen Hoffnung und fördert ihren Zusammenhalt, kann aber jederzeit umschlagen in gegenseitiges Misstrauen und Vorurteile.
Die schwierige Allianz zwischen christlichen Glaubensregeln und uralten, tief verwurzelten Volksbräuchen zieht sich als Leitmotiv durch das Buch.
Die Bewohner des Dorfes, in dem die Handlung angesiedelt ist, gehen sonntags zur Messe, befolgen aber im täglichen Leben eine fast schon absurde Vielzahl von Regeln, um sich vor dem ‘bösen Blick’ zu schützen oder sich das Wohlwollen des ‘Guten Volkes’, wie sie die Feen nennen, zu sichern. Denn diese leben, so glauben die Dörfler, ganz in der Nähe und haben viel Einfluss auf das Leben der Menschen: sie können dafür sorgen, dass Kühe keine Milch und Hühner keine Eier mehr geben, sogar Missbildungen und plötzliche Todesfälle verursachen.
Im Dorf geht die Angst um, man habe irgendwie das Unglück heraufbeschworen.
Es gibt Missernten, Unwetter und Totgeburten, und dann verliert die angesehene Bäuerin Nora innerhalb kurzer Zeit erst ihre Tochter und dann ihren Mann. Kerngesund war der, munkeln die Dörfler, und nicht nur das: ist er nicht just zum Schlag des Hammers auf der Kreuzung vor der Schmiede tot umgefallen? Sicherlich ein böses Omen.
Ein Aberglaube, der sich besonders hartnäckig hält, ist der Mythos vom Wechselbalg. Die Feen, so heißt es, entführen die schönsten, klügsten Menschenkinder und lassen im Austausch einen Doppelgänger des entführten Kindes zurück.
Und so ist es Micheál, der kleine Enkel von Nora, der die Menschen am meisten verunsichert.
Vor zwei Jahren war er noch ein gesundes, glückliches Kind, das herumlief und plapperte wie jedes andere. Jetzt ist er stumm, seine Arme und Beine sind mager und verdreht, und er windet sich in Krämpfen und Zuckungen.
Micheál muss ein Wechselbalg sein, ganz klar.
Als moderner Leser zerreißt es einem schier das Herz, wie viel Angst, Widerwille und sogar Hass diesem offensichtlich behinderten Kind fortan entgegen schlägt.
Im Mittelpunkt des sich entfaltenden Dramas stehen drei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: die überforderte, verzweifelte Nora, ihre 14-jährige Magd Mary und das alte Kräuterweib Nance, der nicht nur ein umfassendes Wissen um allerlei Heilmittel zugeschrieben wird, sondern auch eine Verbindung zum Guten Volk.
Unter Nances Anleitung versucht Nora, den ‘Wechselbalg’ zu bannen, um die Feen dazu zu bewegen, den echten Micheál zurückzugeben – während Mary zunehmend verunsichert zusieht…
Die Autorin zeichnet ihre Charaktere grandios: komplex, glaubhaft und bewegend.
Auch wenn die Protagonistinnen aus heutiger Sicht auf tragische Art und Weise fehlgeleitet erscheinen, sind sie doch in keinster Weise böse. Was sie tun, tun sie mit den besten Absichten, und Nance, die vielleicht zwiespältigste Figur in dieser Geschichte, ist felsenfest überzeugt von ihren eigenen übernatürlichen Fähigkeiten.
Das Buch zeigt die enorme Spannweite der menschlichen Natur und verzichtet dabei auf Stereotypen oder einfache Urteile. Hannah Kent erzählt eine spannende Geschichte, die dennoch einen ungeheuren Tiefgang entwickelt.
Aber es ist mehr als nur eine Geschichte: das Buch beruht auf historisch belegbaren Tatsachen.
Möglicherweise hieß Micheál nicht Michaél, aber es gab einmal einen Jungen wie ihn. Und es gab drei Frauen wie Nora, Mary und Nance. Natürlich möchte ich hier noch nicht verraten, wie die Geschichte ausging, im Buch oder in der Wirklichkeit, aber ich würde Lesern empfehlen, es selber herauszufinden.
| FAZIT |
Irland im Jahr 1825: in einem kleinen Dorf häufen sich die unerklärlichen Unglücksfälle, und die Menschen suchen nach Erklärungen – und einem Schuldigen. Genau deswegen versteckt Nora ihren Enkel Micheál, damit niemand dessen verdrehte Glieder sieht oder seine merkwürdigen Schreie hört. Aber schon bald beginnt sie selber zu befürchten, dass Micheál ein ‘Wechselbalg’ sein muss, ein Doppelgänger, der von den neidischen Feen gegen ihren echten Enkel ausgetauscht wurde.
Es handelt sich hier keineswegs um Fantasy!
“Wo drei Flüsse sich kreuzen” ist ein auf Tatschen beruhender historischer Roman, in dem der irische Volksglaube im Umfeld eines von Hunger und Armut gezeichneten Dorfes zum Auslöser eines Dramas wird.
Was Hannah Kent kann ist Atmosphäre aufbauen. Man fühlte sich , als wäre man ein Teil des Dorfes . Selbst der Aberglaube, kam einen irgendwann ganz normal vor und man wurde am Ende mit einer Wucht herausgezogen.
Man war den Figuren nie zu nah und das hat hier auch richtig gut gepasst. So hatte man immer die Vogelperspektive.
Das Grauen baute sich langsam auf und man sucht verzweifelt einen Schuldigen.
Grandios geschrieben und immer fesselnd. Gelesen von Vera Teltz, die einen immer tiefer zog .