Zwischen verlorener Heimat und verschwundenen Töchtern. Ein Roman über Schuld, Schweigen und die lange Spur von Tschernobyl
Die andere Hälfte der Hoffnung hat mich tief berührt und gleichzeitig innerlich aufgewühlt. Mechtild Borrmann verknüpft die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mit aktuellen Verbrechen und zeigt eindrucksvoll, wie lange die Schatten der Vergangenheit reichen. Im Zentrum stehen junge Studentinnen aus der Ukraine, denen unter falschen Versprechungen Visa vermittelt werden. Angeblich für ein Studium und ein besseres Leben. Stattdessen verschwinden sie, ihrer Identität und Zukunft beraubt. Ihre Fälle werden nur halbherzig verfolgt, denn schnell wird deutlich, dass es Kräfte gibt, die kein Interesse an Aufklärung haben. Vertuschung und Korruption greifen ineinander, sodass vieles bewusst im Dunkeln bleiben soll. Besonders bewegend ist die Geschichte einer Mutter, die verzweifelt nach ihrer Tochter sucht. Immer wieder wird sie abgewiesen, vertröstet, nicht ernst genommen. Während ihrer Suche erzählt sie Stück für Stück von ihrem früheren Leben in Tschernobyl. Von ihrem Leben und dem Alltag vor der Katastrophe. Vom schleichenden Entsetzen danach, wo sie ihre gesamte Vergangenheit zurücklassen musste. Die Autorin macht spürbar, wie zerrissen ein Mensch sein muss und wie es ist von heute auf Morgen, seine vertraute Umgebung, sein ganzes Leben hinter sich lassen zu müssen. Verloren sind Fotos, Erinnerungen und Dokumente - ohne die Chance auf Wiederkehr. Gerade diese Verknüpfung aus persönlichem Schicksal, politischem Versagen und gesellschaftlicher Ignoranz macht den Roman so stark. Man kennt die Bilder und Berichte über Tschernobyl, doch hier wird fühlbar, was es mit Beziehungen macht, mit Vertrauen, mit der eigenen Identität. Das Buch ist aufreibend und intensiv, ohne laut zu sein. Es lebt von seiner stillen Wucht und den leisen Zwischentönen. Für mich hatte es alles, was ein gutes Buch braucht: emotionale Tiefe, gesellschaftliche Relevanz und Figuren, deren Schmerz und Hoffnung man mitträgt. Ein bewegender Roman, der zeigt, dass Katastrophen nicht enden, wenn die Welt aufhört hinzusehen.






