20. Feb.
Rating:4.5

Zwischen verlorener Heimat und verschwundenen Töchtern. Ein Roman über Schuld, Schweigen und die lange Spur von Tschernobyl

Die andere Hälfte der Hoffnung hat mich tief berührt und gleichzeitig innerlich aufgewühlt. Mechtild Borrmann verknüpft die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mit aktuellen Verbrechen und zeigt eindrucksvoll, wie lange die Schatten der Vergangenheit reichen. Im Zentrum stehen junge Studentinnen aus der Ukraine, denen unter falschen Versprechungen Visa vermittelt werden. Angeblich für ein Studium und ein besseres Leben. Stattdessen verschwinden sie, ihrer Identität und Zukunft beraubt. Ihre Fälle werden nur halbherzig verfolgt, denn schnell wird deutlich, dass es Kräfte gibt, die kein Interesse an Aufklärung haben. Vertuschung und Korruption greifen ineinander, sodass vieles bewusst im Dunkeln bleiben soll. Besonders bewegend ist die Geschichte einer Mutter, die verzweifelt nach ihrer Tochter sucht. Immer wieder wird sie abgewiesen, vertröstet, nicht ernst genommen. Während ihrer Suche erzählt sie Stück für Stück von ihrem früheren Leben in Tschernobyl. Von ihrem Leben und dem Alltag vor der Katastrophe. Vom schleichenden Entsetzen danach, wo sie ihre gesamte Vergangenheit zurücklassen musste. Die Autorin macht spürbar, wie zerrissen ein Mensch sein muss und wie es ist von heute auf Morgen, seine vertraute Umgebung, sein ganzes Leben hinter sich lassen zu müssen. Verloren sind Fotos, Erinnerungen und Dokumente - ohne die Chance auf Wiederkehr. Gerade diese Verknüpfung aus persönlichem Schicksal, politischem Versagen und gesellschaftlicher Ignoranz macht den Roman so stark. Man kennt die Bilder und Berichte über Tschernobyl, doch hier wird fühlbar, was es mit Beziehungen macht, mit Vertrauen, mit der eigenen Identität. Das Buch ist aufreibend und intensiv, ohne laut zu sein. Es lebt von seiner stillen Wucht und den leisen Zwischentönen. Für mich hatte es alles, was ein gutes Buch braucht: emotionale Tiefe, gesellschaftliche Relevanz und Figuren, deren Schmerz und Hoffnung man mitträgt. Ein bewegender Roman, der zeigt, dass Katastrophen nicht enden, wenn die Welt aufhört hinzusehen.

Die andere Hälfte der Hoffnung
Die andere Hälfte der Hoffnungby Mechtild BorrmannDroemer Taschenbuch
11. Feb.
Rating:3

"Die andere Hälfte der Hoffnung" ist eine Mischung aus Krimi und Zeitgeschichte. Ich werde nicht so richtig warm mit Geschichten aus Osteuropa und einige andere Bücher der Autorin haben mir besser gefallen. Aber abgesehen davon ist das eine sehr interessante Geschichte, die man nicht so schnell vergisst. Es gibt drei Handlungsstränge und es geht um Menschenhandel, Zwangsprostitution, Korruption und die Nuklearkathastrophe von Tschernobyl. Ich kann mich noch gut an diese Katastrophe erinnern, es gibt bis heute eine Strahlenbelastung in unseren Wäldern. Wer sich für diese Themen interessiert, dem kann ich dieses Buch auf jeden Fall empfehlen.

Die andere Hälfte der Hoffnung
Die andere Hälfte der Hoffnungby Mechtild BorrmannDroemer Taschenbuch
21. Dez.
Rating:4

Inhalt: Walentyna lebt in der verbotenen Zone Tschernobyls, dort, wo auch jetzt noch alles verseucht ist. Sie wartet auf die Rückkehr ihrer Tochter, die nach Deutschland gegangen und dort verschwunden ist. Dabei beginnt sie, ihre eigene Geschichte aufzuschreiben. Das Leben in der Ukraine, das Reaktorunglück, die Jahre danach... Unterdessen versteckt Lessmann auf seinem Hof ein fremdes Mädchen, das auf der Suche nach ihrer Freundin ist. Auch Leonid ist auf der Suche nach einem Mädchen und riskiert dabei so einiges. Meine Meinung: "Die andere Hälfte der Hoffnung" ist das dritte Buch, das ich von Mechtild Borrmann lese und ebenso wie die Vorgänger bin ich auch von dieser Geschichte restlos begeistert. Borrmann hat ein feines Gespür für Figuren und ihre Erlebnisse, Borrmann kann erzählen, sodass man alles andere vergisst und man vollkommen in die Geschehnisse des Buches eintauchen kann. Seit ich als Kind für die Schule das Buch "Die Wolke" gelesen habe, hat mich das Thema Tschernobyl und Atomkraft nicht mehr losgelassen. Deshalb war ich umso gespannter, wie Borrmann damit umgehen wird. Denn auch nach der Katarstrophe in Fukushima wird noch immer auf AKWs gesetzt, die Gefahren, die davon ausgehen, zu sehr ausgeblendet. Genau dafür braucht es Bücher wie "Die andere Hälfte der Hoffnung", die uns wieder vor Augen führen, womit wir es eigentlich zu tun haben. Die Autorin schafft es, Bilder in uns entstehen zu lassen, die uns nicht mehr loslassen. Die uns erschaudern lassen. Die uns fragen lassen, ob das wirklich hätte sein müssen. Gekonnt webt Borrmann noch eine andere harte Problematik mit ein: Menschenhandel, Prostitution. Dinge, die vor unseren Augen geschehen und die dennoch keiner sieht. Dennoch wirkt das Buch nicht überladen. Ein Wohlfühlbuch ist es nicht, nein, das muss es aber auch nicht sein. Die drei Stränge von Walentyna, Lessmann und Leonid verbinden sich zu einem grossen Bild und ergänzen sich wunderbar. Es kommt nicht zu Widersprüchlichkeiten und schlussendlich erfahren wir alles, das es zu erfahren gibt. Fazit: "Die andere Hälfte der Hoffnung" ist ein starkes, aussagekräftiges Buch, das einen so schnell nicht mehr loslässt. Flüssig und eindrücklich geschrieben zeigt es, dass Mechtild Borrmann eine talentierte Autorin ist, die ihr Handwerk versteht. Dieses Buch ging mehr sehr nahe. So nahe, wie schon lange keines mehr. Obwohl es nicht zu dick ist und klar und einfach geschrieben, konnte ich immer nur ein paar Seiten pro Tag lesen. Mehr ging nicht. Die Figuren sind so real dargestellt, dass man ihnen so nahe ist, dass man ihr Leid förmlich spüren kann. Trotzdem schafft es Borrmann, nicht ins Theatralische oder Dramatische abzudriften. Ganz grosse Klasse!

Die andere Hälfte der Hoffnung
Die andere Hälfte der Hoffnungby Mechtild BorrmannDroemer Taschenbuch