1. Juli
Rating:5

"Mir hat einmal geträumt, daß ich einen widerwärtigen Dummkopf mitten in seine glatte Visage hinein schlagen müsse, und es ging nicht! Ich hatte gebundene Hände, nicht durch ein Geschäftsgeheimnis gebunden, sondern mit Ketten an den Knöcheln, eine Hand an die andere gebunden -" "Haben Sie immer so lebhafte Träume?" fragte Eisner, dem unbehaglich zumute wurde. ... - Zitat, Seite 71 Während seiner Rekonvaleszenz, so kann man es im Nachwort lesen, im Jahre 1917 nach einem Brustschuss an der Ostfront im 1. Weltkrieg, hat Leo Perutz mit dem Schreiben dieses Romans begonnen. Später wurde er unter dem Titel "Freiheit" in den großen Zeitungen Prags, Wiens und Berlins vorabgedruckt. Das rasch auch eine Bühnenfassung entstand, überrascht den Lesenden kaum, bei einem Roman der mit so vielen raffiniert aufgebauten Szenen aufwartet. Allein aus der Filmadaption ist dann trotz verkaufter Rechte an ein renommiertes Studio nichts geworden, aber so kann jeder seine Phantasie spielen lassen, wenn er diese unglaubliche Geschichte liest, die so bodenständig beginnt und sich zu einem spannenden Fiebertraum entwickelt. Man spürt es bereits bei der ersten Begegnung: mit diesem Stanislaus Demba, dem Protagonisten oder auch Antihelden - je nach Lesart - stimmt etwas nicht. Was ist der Grund für sein seltsames Verhalten? Ist er ein Dieb? Ist er bekifft? Oder sogar schwer bewaffnet? Klar ist nur eine Sache: der Mann steht mächtig unter Strom, die Zeit für seine Mission ist begrenzt (von neun bis neun) und er ist bereit mit allen Mitteln zu kämpfen... Selbst als Leo Perutz das scheinbar ganz große Rätsel nach einigen Kapiteln auflöst, hält er die Spannung aufrecht, nein, er lässt sie sogar ansteigen. Er lässt seinem Protagonisten keine Pause, ständig kreuzen Bekannte und Unbekannte seinen Weg durch Wien. Immer mal wieder lässt der Autor etwas Hoffnung auf Erfolg des Vorhabens von Herrn Demba aufblitzen, um diesen Funken in einer weiteren abstrus ausgehenden Szene verglühen zu lassen. Obwohl die tragische Note über dem feinen Humor der Geschichte in jedem Moment mitschwingt, ist die Lektüre ein wahres Lesevergnügen. FAZIT Obwohl ich bereits zwei Romane von Leo Perutz las, ist dieser hier wohl wirklich einzigartig! Es ist die reine Freude wie der Autor jede Szene aufbaut und jede Figur so lebensecht gestaltet, dass man sich so gut in das Wien zu Anfang des 20. Jahrhunderts hineinfindet. Auch wie dieser laute und kämpferische Demba mit seinem seltsamen Gebaren für Irritationen und Spekulationen sorgt, ist so großartig dargestellt. Und natürlich lässt sich, wie bei anderen Werken des Schriftstellers, die Nähe zu den klassischen Motiven aus der Welt des großen Shakespeare nicht verbergen - meiner Meinung nach. Traum oder Tragödie? Ich kann nur jedem Lesenden raten, stürzt euch ins Abenteuer und findet es selbst heraus. Unbedingte Leseempfehlung.

Zwischen neun und neun
Zwischen neun und neunby Leo PerutzDroemer Knaur
29. Sept.
Rating:5

Ein junger Student muss in kurzer Zeit Geld auftreiben, während er von einem 'Handicap' dabei behindert wird. Grandios. Nicht mehr und nicht weniger lässt sich dieses Werk betiteln. Ich sah Filme wie '&^%€@×@' (aus Spoilergründen zensiert) oder auch '\□♤¥¥}' (aus Spoilergründen zensiert) und suchte nach dem Ursprung des erzälerischen Kniffs. Dieses Buch (1917 geschrieben) wurde mir genannt und so las ich es (auch wenn ich den erzählerischen 'Twist' bereits kannte). In 20 Kapiteln wird jeweils eine andere Szenerie eröffnet auf der Jagd nach Geld, Freiheit und Liebe. Zunächst war ich erstaunt: so viel absurder Humor. So viel kafkaeske Entwicklungen, so viel Brillianz in der Sprachlichkeit. So bühnentauglich, filmisch und doch Literatur durch und durch. So viele Themen werden angerissen und stellenweise philosophisch und gesellschaftskritisch kurz beleuchtet, bevor diese skurile Reise weiter geht. Große Empfehlung für Freunde der ganz großen (was auch immer dies heißt) Literatur

Zwischen neun und neun
Zwischen neun und neunby Leo PerutzDroemer Knaur