20. Jan.
Rating:2.5

Wenn die Charaktere die Story erdrücken

James Clavell ist bekannt für epische Romane, die tief in historische Ereignisse eintauchen. Mit Wirbelsturm liefert er eine Geschichte voller Spannungspotenzial: Revolution, Flucht, politische Umbrüche. Aber leider wird das alles durch eine Überdosis an Charakteren und Schauplätzen gnadenlos erdrückt. Worum geht’s? 1979 im Iran: Der Schah wird gestürzt, Ayatollah Khomeini übernimmt die Macht, und plötzlich steht der Alltag Kopf. Frauen verlieren ihre Rechte, Hinrichtungen sind an der Tagesordnung, und ausländische Firmen versuchen verzweifelt, irgendwie die Kurve zu kriegen. Mittendrin: die Hubschrauberfirma S-G Helicopter Services. Ihre englischen Piloten und iranischen Familien werden von der Revolution überrascht und versuchen jetzt, sich und ihre Maschinen aus dem Land zu retten. Klingt nach einer spannenden Story, oder? Ja, könnte es auch sein – wenn einem beim Lesen nicht fast das Hirn platzen würde. Was geschah 1979? Der Iran wurde durch die Islamische Revolution komplett auf den Kopf gestellt. Der Schah, ein westlich orientierter Herrscher, wurde gestürzt, und Ayatollah Khomeini führte eine islamische Republik ein. Innerhalb weniger Wochen änderte sich das Leben radikal. Mullahs und Ayatollahs: Mullahs sind islamische Gelehrte, Ayatollahs dagegen hochrangige religiöse Führer mit politischem Einfluss. Hisbollah: Eine islamistische Gruppierung, die während der Revolution die Scharia-basierte Ideologie unterstützte. Clavell weiß, wie man Atmosphäre schafft. Die politischen Umbrüche und die Verzweiflung der Menschen im Iran sind beklemmend dargestellt. Besonders die Situation der Frauen geht einem unter die Haut: "In unserem islamischen Staat werden alle nach dem Koran und der Scharia leben. Die Frauen sollen nicht arbeiten, sie müssen in ihr Heim zurückkehren, in ihrem Heim bleiben und ihre heilige, von Allah bestimmte Pflicht tun, die darin besteht, Kinder zu gebären und aufzuziehen und ihren Herren zu dienen." (Zitat) Man fühlt die Ungerechtigkeit, die Angst und die Wut – zumindest in den wenigen Szenen, die sich diesen Themen widmen. Leider bleibt das nur ein Randthema in einem Buch, das viel mehr darauf abzielt, die Flucht der Piloten möglichst detailreich zu schildern. "Einige Mullahs sagen, wir Frauen könnten keine Richterinnen sein, sollten uns nicht bilden dürfen und müssten den Tschador tragen. Seit drei Generationen gehen wir ohne Schleier. Seit drei Generationen haben wir das Recht, uns zu bilden, und seit einer Generation können wir auch wählen. Allah ist groß..." (Zitat) Diese Momente sind eindringlich, aber selten. Das Problem: Clavell liebt Details – und Charaktere So sehr, dass er hier einfach zu viel des Guten liefert. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass eine Charakterliste von 10 Seiten nötig gewesen wäre, um den Überblick zu behalten. Wir haben: - Viele verschiedene Hubschrauberpiloten, - einen Haufen Mechaniker, Funker und Standortleiter, - die Ehefrauen der Piloten (teils Britinnen, teils Iranerinnen), - deren Familien, - Mullahs, Ayatollahs, Revolutionäre und sogar ein paar Bergvölker. - dazu kommen noch verschiedene Charaktere, die aus den vorherigen Büchern bekannt sind Das alles wird in Kapitel gepackt, die noch mal in weitere Unterkapitel zerschnipselt sind, jedes mit neuen Figuren und Perspektiven. Das Ergebnis? Kopfchaos. Obwohl das Buch vor Ereignissen und Konflikten nur so strotzt – Demonstrationen, Fluchtversuche, Verhaftungen –, bleibt die Spannung oft auf der Strecke. Die Handlung springt zwischen verschiedenen Schauplätzen und Figuren hin und her, sodass der rote Faden verloren geht. Statt eines mitreissenden Romans entsteht eher eine Aneinanderreihung von Ereignissen und fragt sich die ganze Zeit: "Wer war das jetzt noch mal?" Die einzige Ausnahme bilden Erikki und Azadeh, deren Geschichte heraussticht. Beide sind besser ausgearbeitet und bleiben dem Leser im Gedächtnis. Vielleicht hat Clavell das selbst erkannt, denn er widmete den beiden später einen eigenen Roman: Escape (nur auf Englisch erschienen). Fazit: Eigentlich passiert in Wirbelsturm ständig etwas: Tote hier, Kämpfe dort, verzweifelte Fluchtversuche überall. Und trotzdem zieht sich das Buch wie Kaugummi. Schuld ist die Charakter-Flut, die es unmöglich macht, sich in die Story hineinzufühlen. Dabei ist das Thema spannend und hätte so viel Potenzial gehabt. Die Beklemmung der Revolution, die existenzielle Bedrohung für die Piloten und ihre Familien – all das ist da, geht aber in der Masse an Details unter. Für wen ist das Buch was? - Du liebst historische Romane und Clavells Stil? Vielleicht ist das Buch was für dich. - Du suchst nach einer Geschichte, die dich emotional packt? Finger weg – das Chaos wird dich nur frustrieren.

Wirbelsturm
Wirbelsturmby James ClavellDroemer Knaur