Zwei drei blaue Augen“ von Victor Schefe ist ein Coming-of-Age-Roman, der persönliche Entwicklung mit Zeitgeschichte verbindet.
Der Einstieg fiel mir nicht ganz leicht. Ich habe etwas gebraucht, um in die Erzählweise hineinzufinden. Mit der Zeit wurde genau das aber zu einer Stärke des Buches: Der teilweise stakkatoartige Stil entfaltet eine besondere Dynamik und spiegelt die inneren Zustände der Figuren sehr eindrücklich wider.
Der Roman ist stark autofiktional geprägt, zudem werden immer wieder Originalakten und Dokumente aus der Zeit eingebunden. Das ist normalerweise nicht ganz mein Fall, passt hier aber überraschend gut und verstärkt die Authentizität der Geschichte.
Inhaltlich hat mir besonders gefallen, wie das Aufwachsen und die Suche nach Identität mit gesellschaftlichen und historischen Entwicklungen verknüpft werden. Nicht jede Formulierung sitzt perfekt, stellenweise wirkt die Sprache etwas sperrig. Trotzdem überwiegt für mich der positive Eindruck.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat mir das Buch insgesamt viel Spaß gemacht. Vor allem durch seinen eigenwilligen Stil und die gelungene Verbindung von persönlicher Geschichte und Zeitgeschehen ist es für mich eine Leseempfehlung.
„Schwuler pazifistischer Taubenichts mit nichts als (F)Läusen in Kopf und Hose.“ - Diese Selbstbezeichnung trifft es im Kern. Trotz eines schwierigeren Stils wird man in die Handlung hineingezogen. Klare Empfehlung!
Man liest vom Aufwachsen des jungen Tassilo in der DDR der 1980er Jahre. Erzählt wird von Familie, politischem Druck, ersten Beziehungen und der Suche nach der eigenen Identität. Dabei verbindet die Geschichte persönliche Erinnerungen mit historischen Ereignissen und folgt Tassilos Entwicklung über mehrere Jahre hinweg. Hier erfolgt eine Art Collage aus Erzählung, Tagebucheinträgen, Briefen, Erinnerungen und Akteneinträgen.
Zu Beginn warf mich der Roman ziemlich unvermittelt ins Geschehen. Die schnellen und sehr bildhaften Sätze enthalten viel Information auf engem Raum, wodurch der Einstieg für mich nicht ganz leicht war. Auch die eine Mischung aus verschiedenen Textformen, Erinnerungen und Zeitsprüngen hat mich anfangs überfordert. Gerade weil ständig zwischen Zeiten gewechselt wird, war ich zwischendurch immer wieder kurz raus. Dazu kommen viele konkrete Zeitdetails, politische Bezüge und popkulturelle Anspielungen aus der DDR, die das Setting zwar sehr lebendig machen, den Text stellenweise aber auch etwas überladen wirken lassen.
Mit der Zeit bin ich dann aber deutlich besser reingekommen. Besonders spannend fand ich, wie man Schritt für Schritt in das Leben des jungen Protagonisten eintaucht: seine distanzierte Beziehung zur Mutter, das authentisch wirkende Outing und auch seine Beziehungen zu anderen Männern. Beeindruckend ist für mich auch, wie selbstverständlich er und sein Umfeld seine eigene Homosexualität akzeptiert (gerade vor dem Hintergrund der frühen 1980er Jahre).
Der Wechsel zwischen verschiedenen Zeiten und die tagebuchartige Darstellung einzelner Monate (besonders der Jahre 1984 und später 1986) erzeugen außerdem eine interessante Dynamik, weil die Entwicklungen relativ schnell sichtbar werden. Dazu kommen viele popkulturelle Momente, die Tassilos Sehnsucht nach Freiheit begleiten. Seine Euphorie und seine (Sehn-)Sucht (zuerst nach der ersten Liebe Konstantin, später nach der nächsten Liebe Mikis) gelten dabei als Zeichen für diesen Wunsch nach Ausbruch.
Insbesondere die Figur Mikis nimmt in Tassilos Gedanken sowie im Roman viel Raum ein, dahingehend fand ich den Ausgang dieser Handlung zu knapp geschildert.
Im letzten Teil des Romans kommt noch einmal eine neue, spannende Komponente in die Handlung, die der Geschichte zusätzliche Tiefe gibt und einige Perspektiven verändert. Trotz der stilistischen Hürden und der manchmal etwas überladen wirkenden Struktur hat mir das Lesen insgesamt Spaß gemacht, gerade weil man so intensiv in das Leben und die Entwicklung des Protagonisten (und aufgrund der stark biografischen Hintergründe somit auch des Autors) hineingezogen wird.