„Wer ist eine DDR-Frau? Wird man das durch Geburt? Durch Heirat?“ Ich schätze die Autorin für ihre Beobachtungen. Wer sie kennt, findet in dieser Zusammenstellung jedoch nur wenige neue Texte.
Geschichten vom Übergang ist der Untertitel von Helga Schuberts neuester Veröffentlichung. Es beinhaltet Storys aus 65 Jahren. Geschichten aus der DDR, veröffentlichte und verbotene, sowie aktuelle Texte. Es ist wunderbar ein Leben zu verfolgen und einzutauchen in lebendige Geschichte. Eine klare Empfehlung.
In diesem Buch finden wir Geschichten zum Thema Übergang. Es geht zum Beispiel um den Übergang von der DDR zum vereinigten Deutschland. Aber auch um Krankheit, Tod, dem weiterleben nach einschneidenden Erlebnissen. Einige dieser Texte haben in der DDR keine Druckgenehmigung erhalten. Wurden hier zum ersten Mal veröffentlicht. Die Geschichten erfassen eine Zeitspanne von 1960 - 2025. Helga Schubert hat viel zu erzählen, teils mit ihrer autobiografischen Erfahrung, teils fiktiv. Klug, wortgewandt und still sind diese Geschichten. Die Sprache ist ganz klar, fast nüchtern. Keine Sentimentalität, kein Wort zu viel. Helga Schubert ist mittlerweile 85 Jahre alt und hat viel erlebt. Genau das merkt man den Geschichten auch an. Sie hat eine Stimme und nutzt diese auch. Vor allem die Geschichten in der ehemaligen DDR haben mich sehr berührt. Damals war ich noch zu klein um alles zu verstehen. Die Vergleiche mit den Menschen, die auf der anderen Seite Deutschlands gelebt haben, gibt’s ja immer schon. Ich kenne eher nur die Meinung über die Superfrau in der DDR. Vollzeitjob, Kinder, Haushalt. Das macht sie alles so nebenbei. Auch das prangert Helga Schubert an. So einfach war es dann wohl doch nicht. Das ist aber nur ein Beispiel. Ich möchte noch nicht alles verraten. Der Titel des Buches wird zum Sinnbild. Was brauchen wir als Menschen? Zugehörigkeit, die Möglichkeit sich selbst treu zu bleiben, Verständnis…. Eine intensive Leseerfahrung, die viel Aufmerksamkeit verlangt aber auch verdient. Ein stilles, literarisch hochwertiges, vom Themengebiet her wichtiges Werk, das ich euch sehr ans Herz legen möchte.
Ich liebe Helga Schuberts "Vom Aufstehen" und auch "Der heutige Tag" hat mich unendlich berührt. Leider war das bei "Luft zum Leben" nur selten so. Es ist eine Sammlung älterer, teils bisher unveröffentlichter und neuerer Texte. Manches schien mir ein wenig zu luzide, zu sehr zwischen-den-Zeilen geschrieben- ja, so war das in der DDR mit Zensur und so, aber...ich konnte mich nicht einfühlen und war leicht genervt. Vielleicht war es auch eine Meta Ebene zu intellektuell für mich, momentan brauche ich wohl eher leichtere Kost. Ihre tiefe Liebe zu ihrer Heimatstadt Berlin zu spüren, hat mich wieder mit dem Buch versöhnt.

Spaziergänge, Sehnsucht, kleine Rettungen
Helga Schubert trifft einen mitten ins Morgengrauen und lässt einen gleichzeitig lachen und atemlos zurück. Diese Sammlung fühlt sich an wie ein Spaziergang durch Ostberlin mit offenem Kopf — mal lakonisch, mal schneidend, immer genau. Geschichten über kleine Alltage, große Leiberfahrungen und die Art, wie Menschen an sich und an die Welt gewöhnen: selten war Wahrnehmung so unaufgeregt en detail. Da ist die Frau, die nach Feierabend flaniert, weil sie nicht als Erste zuhause sein will — ein kleiner Aufstand gegen Routinen, den man sofort versteht. Die Moskau-Erzählung zeigt, wie Warten zum Leben gerinnt; die Szene mit dem ersten Atemzug eines Kindes und dem letzten Ausatmen einer Großmutter sitzen so tief, dass man die Stille zwischen den Worten hören kann. Humor hat hier nichts mit Klamauk zu tun, sondern mit scharfem Auge und milder Ironie. Schubert schreibt, als würde sie einem guten Freund einen Tipp geben, der zugleich tröstet und wachrüttelt. Die Kapitel sind kurz, aber wie kleine Fenster: man lehnt sich kurz raus, sieht etwas Unverhofftes, und geht weiter — bereichert. Nur selten wird eine Geschichte so melancholisch, dass sie fast klebrig wirkt, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Insgesamt ein Buch für Leute, die feine Beobachtungen mögen, keine Effekthascherei und trotzdem eine Portion Herzlichkeit erwarten. Wer kurzweilige, dennoch tiefe Literatur schätzt, findet hier Luft zum Atmen — und vielleicht ein kleines Rettungsseil fürs Herz.




