16. Mai
Rating:2.5

Genialer Titel, wenig dahinter! Bodo Kirchhoff ist ein großer Schriftsteller, keine Frage. Auch hier legt er eine sprachlich-handwerklich überragende Arbeit vor, eine komplexe und spannende Innenschau einer Frau namens Therese, die nach vielen Ehejahren dabei ist, ihren Mann aus guten Gründen zu verlassen. Der innere Prozess dieser Trennung, dem Ende einer Liebe, ist beeindruckend präzise geschildert, wenn auch arg ausführlich. Und da liegt das erste von vielen Problemen des Romans: er ist viel, viel zu lang. Hätte man die 576 Seiten auf 200 Seiten gekürzt, dann wäre es ein richtig starker Kurzroman geworden. So ist es ein überlanger, zum Teil zäher und leider auch immer wieder latent rassistischer Text (Verwendung des M-Wortes und weiterer "Alter-weißer-Mann-Begriffe" inklusive Stereotypen gegenüber Andersaussehenden, Frauen und Homosexuellen), in dem an äußerer Handlung nichts, aber auch gar nichts passiert. Von einer zum Teil verschönigten Vergewaltigung (innerhalb einer Ehe, immerhin als unverzeihlicher Akt benannt) und sich endlos wiederholenden Sexszenen (in Indien, London und in Erinnerungen) mal abgesehen. Ich bin wahrlich nicht prüde, schätze gute Sexszenen sehr, und Kirchhoff kann diese definitiv toll beschreiben, aber wenn ein Text mitunter aus nichts anderem besteht und die Analyse von menschlicher Begierde jedwede Handlung ersetzt, dann wird es meines Erachtens nach schwierig. Und dann die Konstruktion des Romans: die zugegeben interessante Entfernung Thereses von ihrem Mann ist - warum auch immer - ausgerechnet aus der Perspektive des Verlassenen beschrieben. Diesem wird aber nur gefühlt alle hundert Seiten mal ein Abschnitt in Ich-Perspektive zugestanden - und in den restlichen Kapiteln enorm viel Spielraum für Spekulationen und männliche Fantasien aufgemacht. Diese Perspektive für die Befreiungsgeschichte einer Frau ist nicht nur problematisch, sie kann auch nicht funktionieren, ist erzählerisch zum Scheitern verurteilt. Da nützt auch das zweifellos große sprachliche Können eines Bodo Kirchhoff nichts. Zu Gute halten muss man ihm allerdings, dass uns hier einer der wenigen Fälle der Literatur vorliegt, in der einer Frau jenseits der 60 noch eine sexuelle Aktivität und Eigenständigkeit zugestanden wird. Etwas das in der Realität öfter vorkommt als in der Literatur. Und das von einem männlichen Autoren, der es aber gleichzeitig schafft, sie nicht nur darauf zu reduzieren. Das gehört für mich zu den Aspekten, die in diesem Text gut funktionieren. Und dies zeigt für mich, dass seine Grundidee für diesem Text schon eine gute, eine spannende, eine überfällige war. Eine ältere Frau, die sich von einem problematischen Mann löst, weil Alter und viele Ehejahre kein Grund sind, unglücklich zusammen zu bleiben, weil man noch mal neu anfangen kann. Ich wünschte nur, Kirchhoff hätte eine andere Erzählperspektive gewählt mit weniger Redundanz, weniger männlichem Blick, weniger Stereotypen und weniger problematischen Begrifflichkeiten. Und: mit 300 Seiten weniger. Dann wäre es ein gutes Buch geworden.

Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt
Nahaufnahmen einer Frau, die sich entferntby Bodo Kirchhoffdtv Verlagsgesellschaft