Rating:5★
„Alles steht in Wechselwirkung“
Martina Behm ist mit ihrem Debüt-Roman ein Meisterwerk gelungen, das ich ab sofort zu meinen Lieblingsbüchern zähle und das noch lange Zeit nachhallen wird. Wie so oft beschrieben geht es in „Hier draußen“ ums Landleben, sicherlich richtig. Ich lebe mittlerweile wieder wie meine Großeltern vor mir in einer ländlichen Region, aufgewachsen bin ich aber in suburbanen Gefilden und wandle daher immer ein wenig zwischen den Welten. Daher empfinde ich die Beschreibung der Geflogenheiten und Besonderheiten „uffm Dorf“ (wie man hier statt „uppn Dörp“ sagt), die die Autorin in ihrem Roman mit Worten zeichnet, auch als besonders gelungen und musste sehr oft denken: „Ganz genau so ist es. Ganz genau so.“ Mir gefiel zudem auch der Naturbezug des Romans ausgesprochen gut und auch der mythisch angehauchte Bezug zum Aberglauben im Zusammenhang mit der weißen Hirschkuh verlieh diesem Buch eine ganz besondere Atmosphäre. Am meisten berührt hat mich allerdings das „Dahinterliegende“, das meine Oma mit „nichts Menschliches ist mir fremd“ zusammenfassen würde. Wir begleiten die verschiedenen ProtagnistInnen von „Hier draußen“ ein Stück weit auf ihrem Weg, nachdem ein besonderes Ereignis (wie wir in der Psychotherapie sagen würden) „das gesamte System in Dynamik versetzt hat“. Es geht um enttäuschte Erwartungen an Lebenskonzepte und Mitmenschen, um den Druck gesellschaftlicher Konventionen, Einsamkeit, Leistungsdruck, den Wunsch dazuzugehören, Feminismus, den Wunsch nach freier Entfaltung, Gewalt, Verlust, Abschied, Zusammenhalt, Hoffnung, Neubeginn und auch um Liebe zu unseren Mitmenschen, zur Natur, zu anderen Lebewesen. Kurzum: Es geht um die ganze Bandbreite menschlichen Lebens und Fühlens und dabei sehen wir die Geschehnisse immer punktuell aus der Perspektive eines anderen Mitglieds des Dorfverbunds, mal weniger und mal mehr können wir uns einfühlen, sind gemeinsam mit den BewohnerInnen von Fehrdorf glücklich, traurig und auch wütend. Dabei gelingt es Martina Behm sehr gut, dass all das nicht in Richtung „Pathos“ abrutscht oder den Anspruch erhebt, mehr zu sein als es ist. Auch das Ende ist berührend, lebensnah und weit entfernt davon, kitschig zu sein. Brava.
Hier draußenby Martina Behmdtv Verlagsgesellschaft