
Ein frischer Blick auf Thomas Manns Leben und Werk
Werke von Thomas Mann gibt es viele. Bücher über Thomas Mann sogar noch mehr. Warum also die Biografie „Thomas Mann – Ein Leben“ lesen? Weil Dr. Tilmann Lahme eine oft übersehene Seite des Ausnahmeschriftstellers in den Mittelpunkt rückt: seine Sexualität und ihren möglichen Einfluss auf Leben und Werk. Lahme konzentriert sich vor allem auf Thomas Manns frühe Jahre, seine Schulzeit, die ambivalente Beziehung zu Bruder Heinrich und die enge Brief-Freundschaft mit Otto Grautoff. Dabei zeigt er immer wieder mögliche homosexuelle Neigungen, die Mann zeitlebens unterdrückte und nur indirekt in Briefen, Tagebucheinträgen oder seinen Texten verarbeitete. Die letzten Lebensjahrzehnte kommen dadurch etwas kurz. Zu manchen Ereignissen und Familienmitgliedern hätte ich mir mehr Kontext gewünscht. Besonders interessant ist Lahmes Analyse von Manns Werk. Er liest Romane, Erzählungen und Novellen unter einem neuen Blickwinkel und macht sichtbar, wie viele homoerotische Codes sich darin finden lassen. Das ist spannend, ging mir persönlich stellenweise aber etwas zu weit. Denn so interessant dieser Fokus ist: Als alleinige Erklärung für Thomas Manns Leben und Werk greift er mir zu kurz. Lahmes Deutungen sind fundiert und anregend, aber vieles bleibt letztlich Spekulation. Wie ernst all die Anspielungen und Andeutungen tatsächlich gemeint sind, entzieht sich unserer Kenntnis. Thomas Mann hielt sein Innerstes meist lieber für sich und inszenierte sein öffentliches Leben sehr bewusst. Was ging in ihm vor? Wen liebte er wirklich? Und was war echt, was literarische Fiktion? Man kann sich ihm mit Forschung zwar annähern, ganz durchdringen lässt er sich aber wohl nie.










