Ljudmila Ulitzkaya ist mit ihrem epochalen Familienroman "Medea und ihre Kinder" ein atemberaubendes, wundervolles, feingliedriges Buch gelungen. Schon ihre titelgebende Medea ist eine bezaubernde, edle, fast mystische Figur, wie ich sie in zeitgenössischer Literatur schon lange nicht mehr kennen lernen durfte. Medea ist die sechstgeborene unter 13 Geschwistern der Familie Sinopli. Selbst kinderlos wird ihr Haus auf der Krim und auch sie selbst zum festen Ankerpunkt ihrer Familie, den über 30 Cousinen und Cousins, Nichten, Neffen, Großnichten und Großneffen, durch Zeiten von Krieg, Vertreibungen, Deportationen und Annexionen hindurch. Jeden Sommer kommt abwechselnd die ganze Familie in Medeas Haus - und Medea, die eine Art Clananführerin wird, liebt, lebt und leidet mit ihnen und gibt Rat, wo sie kann. Dies ist die Gegenwartsebene dieses Romans. In jedem der 16 Kapitel wird aber auch von der Geschichte der einzelnen Figuren erzählt, wie und unter welchen Umständen sie zu dem wurden, die sie sind. So schleicht sich das Politische in das Private der einzelnen Familienmitglieder, subtil und klug in die Handlung eingewoben. Ebenso geschickt gelingt es der Autorin, die Rückblenden jeweils damit zu verbinden, welches Familienmitglied sich in der Gegenwartshandlung gerade in Medeas Haus befindet - ihre oder seine Geschichte wird dazu passend durch Medeas Erinnerung erzählt. Ich habe selten einen Roman gelesen, der Rückblenden so gelungen erzählt. Die Beschreibungen sind fein und poetisch, die Figuren trotzdem durch eine schlichte, klare und trotzdem empathische Sprache beschrieben. In der 2022 neu aufgelegten Taschenbuchausgabe gibt es ein Vorwort der 2022 nach dem russischen Angriffskrieg von Moskau nach Berlin emigrierten Autorin, das ich ebenfalls sehr empfehle. Hilfreich ist in dieser Ausgabe außerdem, dass dem Text ein Familienstammbaum vorangestellt ist. Dies hilft sehr, bei den vielen Figuren, die, wie so oft in russischer und osteuropäischer Literatur mehrere Namen haben, den Überblick zu behalten. Fazit: Es ist ein großes Werk, das Ljudmila Ulitzkaya hier gelungen ist. Ein Familienpanorama durch ein Jahrhundert hindurch, dass im Gegensatz zu Nino Harataschwilis "Das achte Leben" oder Thomas Manns "Buddenbrooks" aber keine mehr als 1000, sondern nur 344 Seiten braucht, um intensiv, dicht, ergreifend und berührend, mit großer Liebe zum Detail und eindringlichen Figurenbeschreibungen, gleichzeitig privat und politisch die Chronik einer Familie in Osteuropa des 20. Jahrhunderts zu erzählen. Manchmal sind so poetisch verknappte, dichte 344 Seiten eben doch mehr als nicht enden wollende Romane. Und gleichzeitig wünschte ich, dieser wunderbare Roman wäre jetzt noch nicht zu Ende. Ein grandioser Roman. Leseempfehlung? Unbedingt!
6. Apr.Apr 6, 2023
Medea und ihre Kinderby Ljudmila Ulitzkajadtv Verlagsgesellschaft
