Jedes Kapitel erzählt einen Lebensabschnitt der zwölf Kinder von Hattie der Mutter, welche sozusagen als roter Faden über das ganze Buch hinweg dient. Auch wenn es sich hauptsächlich um traurige Erzählungen handelt, wünschte ich mir, dass Hattie doch noch ein paar Kinder mehr zur Welt gebracht hätte, weil für mich einfach jedes Kapitel ein purer Lesegenuss war. Ganz tolles Buch.
Dauer: 10 Std. 20 Min., ungekürzt Sprecher: Adenrele Ojo, Bahni Turpin, Adam Lazarre-White Deutscher Titel: Zwölf Leben 1923 geht die fünfzehnjährige Hatte mit ihrer Mutter und ihren Schwestern nach Philadelphia – weg vom grassierenden Rassismus in den Südstaaten. Zwei Jahre später ist Hattie verheiratet und hat Zwillinge geboren. Doch ist das verhoffte bessere Leben im Norden wirklich besser? Wird es Hatties Kindern dort besser ergehen? Dieser beeindruckende Debütroman wartet mit einer sehr ungewöhnlichen Erzählstruktur auf: Die Familiengeschichte wird nicht fortlaufend aus der Sicht eines Protagonisten erzählt, sondern episodenhaft, wobei jede Episode zeitlich einige Zeit nach der vorherigen angesiedelt ist und das Schicksal eines der vielen Kinder Hatties behandelt. Bis auf zwei Ausnahmen geschieht dies in der 3. Person, lediglich die Geschichte eines Sohnes und einer Tochter ist in der 1. Person verfasst. Manchem Leser mag die durchgängige Erzählung vermissen, ich fand dieses Konzept sehr spannend und es hat für mich absolut funktioniert. Anhand der Erfahrungen, die Hatties Kinder und sie selber machen, gibt uns Ayana Mathis einen lebhaften Eindruck von der afroamerikanischen Kultur im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Keines der Kinder hat es leicht, es gilt, allerlei Schicksalschläge und die Schattenseiten der Gesellschaft zu überwinden. Hattie selbst ist geprägt von der Ehe mit dem falschen, dem unzuverlässigen Mann, von Geldsorgen und Pflichtbewusstsein, das sie hart werden lässt. Doch im letzten Kapitel geht es nicht um ein Kind, sondern um ein Enkelkind, und es wird klar: Die menschliche Natur ist nicht so leicht zu bezwingen, es gibt immer Hoffnung, und wenn sie in der nächsten Generation besteht. Zum Hörbuch: Mir hat dieses Buch durch die Hörbuchform umso mehr Freude bereitet. Ganz einfach aus dem Grund, dass die Sprecherin Adenrele Ojo die Figuren in dem typischen schwarzamerikanischen Dialekt sprechen lässt. Dadurch fühlte ich mich regelrecht in die Geschichte hineingesogen. Das hat mir die Vorzüge eines Hörbuchs so richtig klargemacht. Adenrele Ojo liest alle Kapitel mit Ausnahme der beiden, die in der Ich-Form verfasst sind, eine sinnvolle Vorgehensweise. Adam Lazarre-White liest das Kapitel eines der Söhne genauso gut wie die Hauptsprecherin. Das zweite Ich-Kapitel wird von Bahni Turpin gelesen, ich muss sagen, das mir diese Kapitel am wenigsten gefallen hat, was aber nicht unbedingt mit der Sprecherin zu tun hat, sondern einfach mit der Natur des Kapitels. Ich kann euch dieses Buch wirklich empfehlen, vor allem, wenn ihr Familiengeschichten mögt, euch für das schwarze Amerika interessiert (angesichts der aktuellen Ereignisse in den USA topaktuell) und bereit seid, euch auf eine etwas ungewöhnliche Erzählweise einzulassen. Wer gute Englischkenntnisse hat, dem sei auch das Hörbuch wärmstens empfohlen.

