1. Juni
Rating:4

Schwere Kost aber satirisch wertvoll

Die totale Familie ist ein satirischer Roman von Heimito von Doderer – oder, wie man nach der Lektüre sagen könnte: ein sprachliches Labyrinth, das einem einiges abverlangt. Der Autor entwirft ein absurd-verzweigtes Gesellschaftspanorama rund um die uralte, adlige Familie der Merowinger, die in der Wiener Nachkriegszeit eine Art groteskes Spiegelbild der österreichischen Gesellschaft darstellt. Was sofort auffällt – und was viele Leser vermutlich abschrecken wird – ist der stilistisch sehr eigene Tonfall. Doderers Sprache ist verschachtelt, ironisch, überladen, und man muss beim Lesen wirklich sehr, sehr aufmerksam bleiben. Wer auf der Suche nach einer klaren Handlung ist, wird sich schwer tun – denn hier geht es eher um die Figuren, ihre absurden Verbindungen, und die beißende Satire auf Macht, Stand und Gesellschaft. Trotz (oder gerade wegen) dieser Sprachgewalt hat der Roman seinen Reiz: Er ist ungewöhnlich, fordernd und bitterböse witzig – aber ganz sicher nichts für zwischendurch. Man muss sich einlassen, mitdenken und durchhalten. Wer das tut, wird mit einem einzigartigen Einblick in die österreichische Seele und einem Feuerwerk an literarischer Exzentrik belohnt. Fazit: Ein wirklich gewöhnungsbedürftiger, aber ebenso faszinierender Roman. Sprachlich exzentrisch, inhaltlich satirisch – und definitiv ein Buch, das zum Nachdenken (und Nachschlagen) zwingen.

Die Merowinger oder Die totale Familie
Die Merowinger oder Die totale Familieby Heimito von Dodererdtv Verlagsgesellschaft