Literarisch kunstvoll und thematisch relevant – emotional konnte mich der Roman aber nur teilweise erreichen
Wer war Samuel? Ein Mosaik aus Erinnerungen Inhaltswarnung vorweg: Das Buch behandelt Themen wie möglichen Suizid, Tod und Verlust. Wer sich gerade in einer Krise befindet oder bei diesen Themen empfindlich reagiert, sollte das im Hinterkopf behalten. Samuel ist tot. Er ist mit dem alten Opel seiner demenzkranken Großmutter in voller Fahrt gegen einen Baum gefahren. Was nun bleibt, sind die widersprüchlichen Erinnerungen jener Menschen, die ihm im Leben begegnet sind. Ein Erzähler, sein Beruf bleibt lange unklar, sammelt diese Stimmen. Er befragt Vandad, Samuels muskulösen besten Freund und Mitbewohner. Er befragt Laide, Samuels große Liebe, die als Übersetzerin beim schwedischen Migrationsamt arbeitet. Er befragt seine alte Jugendfreundin „Die Pantherin“ und seine demenzkranke Großmutter. Jede dieser Stimmen zeichnet ein anderes Bild von Samuel. Für die einen war er ein fürsorglicher Enkel, für die anderen ein eifersüchtiger Liebhaber, für wieder andere ein hilfsbereiter Idealist, der das Haus seiner Großmutter illegalen Flüchtlingen als Unterschlupf zur Verfügung stellt. Vor dem Hintergrund der schwedischen Migrationspolitik und einer „hypersensiblen Zeit“ entsteht ein vielschichtiges Mosaik mit der zentralen Frage: Wer war Samuel wirklich? Und war sein Tod ein Unfall oder eine bewusste Entscheidung? Khemiri schreibt klar, präzise und ohne Sentimentalität. Sein Stil ist unaufgeregt, fast nüchtern, und gerade das verleiht dem Buch seine ganz eigene Wirkung. Wenn er Schwellenmomente beschreibt, in denen Beziehungen kippen oder Stimmungen umschlagen, trifft er sie mit einer Genauigkeit, die mich an Annie Ernaux erinnert hat. Diese ruhige Klarheit ist Khemiris große Stärke. Susanne Dahmann hat eine hervorragende Übersetzung abgeliefert. Der schwedische Sound, die Eigenheiten der verschiedenen Erzählstimmen, die feinen Tonalitätsunterschiede zwischen Vandads grobschlächtigem Slang und Laides intellektuell-analytischer Sprache – all das funktioniert im Deutschen sehr gut. Die Übersetzung trägt entscheidend dazu bei, dass die Multiperspektive nicht zur reinen literarischen Spielerei wird. Hier liegt die formale Stärke des Romans. Khemiri lässt verschiedene Stimmen sprechen, ohne sie in klassische Kapitel zu sortieren. Die Aussagen wechseln sich ab, manchmal sogar innerhalb einer Szene. Dadurch entsteht ein Sog, der gleichzeitig fordert: Wer spricht hier gerade? Welche Version der Geschichte glaube ich? Was ich besonders gelungen finde: Samuel hat in jeder dieser Stimmen ein anderes Gesicht. Bei Vandad ist er der vertrauensvolle Freund, bei Laide der überforderte Liebhaber, bei der Großmutter der treue Enkel. Khemiri stellt die existenzielle Frage, ob es so etwas wie ein „wahres Selbst“ überhaupt gibt, oder ob wir immer das sind, was andere in uns sehen. Das ist literarisch durchdacht und thematisch hochrelevant. Khemiri verhandelt eine Reihe schwerer Themen, ohne sie didaktisch abzuhandeln: Identität in Zeiten der Anpassung, schwedische Migrationspolitik, illegale Flüchtlinge, die Frage nach Empathie und Verantwortung in einer Großstadt-Gesellschaft. Das ist beeindruckend, weil Khemiri keine einfachen Antworten gibt. Stattdessen zeigt er, wie Menschen in diesen Verhältnissen entscheiden, scheitern, weitermachen. Was mich besonders berührt hat: Samuels Beziehung zu seiner demenzkranken Großmutter. Die Szenen, in denen er versucht, ihr Vergessen aufzuhalten, während er selbst Schwierigkeiten hat, sich an Dinge zu erinnern, die andere ihm erzählt haben, sind eine der stärksten Schichten des Buches. Hier zeigt Khemiri, dass es nicht nur um Identität geht, sondern auch um die Frage, was von uns bleibt, wenn die Erinnerung verschwindet. Hier wird es ehrlich. So sehr ich die literarische Qualität des Buches anerkenne, so wenig ist es mir emotional nahegekommen. Das liegt an Khemiris bewusster Distanz: Samuel bleibt absichtlich ein Phantom, ein Spiegel, in dem sich andere reflektieren. Genau das ist die literarische Pointe, aber genau das hat mich auch davon abgehalten, mit ihm wirklich mitzufühlen. Wer einen klassischen Roman erwartet, in den man emotional eintaucht und einer Hauptfigur folgt, wird hier ausgebremst. Wer Lust auf literarisches Puzzle-Denken hat und sich auf einen Roman einlassen kann, der mehr fragt als beantwortet, wird begeistert sein. Ich war fasziniert von der Konstruktion, aber gleichzeitig nie ganz drin. Eine zwiegespaltene Leseerfahrung. Das Pacing ist gemütlich-langsam. Die Aussagen der verschiedenen Stimmen werden Stück für Stück zusammengesetzt, das große Bild ergibt sich erst gegen Ende. Wer Spannung im klassischen Sinne sucht, wird sie hier nicht finden – die „Spannung“ liegt in der Frage, wie das alles zusammenpasst und ob am Ende eine Antwort auf die zentrale Frage steht. Was mir gefehlt hat: Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass Khemiri tiefer in einzelne Szenen geht. Die fragmentarische Struktur sorgt dafür, dass viele Momente nur angerissen werden. Emotional packende Stellen blitzen auf und sind wieder weg, bevor man wirklich bei ihnen ankommt. Hier liegt für mich der größte Schwachpunkt. Mein Fazit: „Alles, was ich nicht erinnere“ ist literarisch zweifellos beeindruckend. Khemiri ist zu Recht einer der wichtigsten schwedischen Gegenwartsautoren, der Augustpreis ist verdient. Wer literarisch ambitionierte Gegenwartsliteratur mag, die formal etwas wagt und relevante gesellschaftliche Themen verhandelt, sollte das Buch unbedingt lesen. Mein ehrliches Problem: So beeindruckt ich von der Konstruktion war, so wenig hat mich der Roman emotional gepackt. Genau diese Distanz ist Programm, aber sie verhindert auch, dass ich das Buch lieben kann. Empfehlenswert für Fans literarisch anspruchsvoller Gegenwartsliteratur und skandinavischer Autor:innen. Für alle, die auf Multiperspektiv-Erzählungen wie bei Olga Tokarczuk oder David Mitchell stehen. Auch ein wichtiges Buch für Lesekreise, die offenen Fragen laden zu Diskussionen ein. Eher nichts für Leser:innen, die klassische Erzählbögen und emotionalen Sog suchen oder bei Themen wie Suizid, Tod und Demenz empfindlich reagieren – das Buch geht respektvoll mit ihnen um, aber sie sind durchgehend präsent.



