21. Dez.
Rating:4

Obwohl es nun schon beinahe zwei Wochen her ist, seit ich dieses Buch beendet habe, fallen mir noch immer nicht die richtige Worte ein, dieses Buch zu beschreiben. Vorerst war ich von einem typischen, etwas paranormalen Jugendbuch ausgegangen, ein neues Mädchen in einer Kleinstadt, ein bevorstehender Ball - ein Kleid; eben eine Geschichte, die man schon tausend Mal gelesen hat. Was ich allerdings bekommen habe war eine faszinierende, mystische und geheimnisvolle Geschichte; ein dunkles Märchen, erzählt in einer bildhaften, poetischen, wunderschönen Sprache, gepaart mit tollen Charakteren, einem mystischen Schauplatz und intensiven Erzählungen. Das nachtblaue Kleid hat mich von der ersten Seite an vollkommen verzaubert. Das Buch wechselt zwischen der eigentlichen Erzählung über Rose Lowell und ihren Vater, die gemeinsam in einen kleinen Ort an der Pazifikküste Australiens ziehen, und ständigen Vorblicken in die Ermittlungen eines tragischen Vorfalls in der Nacht des Balls der Zuckerrohrernte. Besagte Vorblicke findet man immer zu Beginn eines Kapitels, was das Einfinden in die Geschichte um einiges erleichtert und den ganzen Aufbau des Buches interessant und stilvoll macht. Die Geschichte spielt in Australien, Queensland, was in diesem Buch sehr zur Atmosphäre der Geschichte beiträgt. Die Geschichte spielt mitten in der Regenzeit Australiens, starke Stürme ziehen über die Stadt hinweg, es wird früh dunkel und überall auf den Feldern, in den Büschen, Bäumen, etc. muss man immer wieder mit giftigen Schlagen rechnen, die sich durch den feuchten Boden winden. All diese Aspekte tragen zu der mystischen und geheimnisvollen Atmosphäre des Buches bei; verdeutlichen die Schönheit der Natur, die Gefahren, die die Welt verbirgt und wie viel Einfluss die Umgebung, in der man lebt, auf einen selbst haben kann. Das nachtblaue Kleid ist ein unheimliches, mysteriöses Märchen, vermischt mit verbotener Romantik, schrecklichen Geheimnissen, tragischer Freundschaften und dem Kampf gegen die eigenen belastenden Probleme. Das Buch behandelt hauptsächlich zwei Geschichten. Einmal geht es um die Ermittlungen eines tragischen Vorfalls und einmal um Rose und Pearl; eine faszinierende und sehr unterschiedliche Freundschaft zwischen zwei Mädchen, die beide unter ihren eigenen Problemen leiden und versuchen, dagegen anzukämpfen und das Beste draus zu machen. Neben diesen beiden Hauptgeschichten gibt es jedoch noch kleinere, ebenso bedeutende Geschichten, z. B. die verbotene Liebesgeschichte zwischen zwei Personen, die niemals hätten zueinander finden dürfen oder aber die geheimnisvolle und herzzerreißende Familiengeschichte der Edi Baker, die Rose dabei hilft, ihr ganz eigenes, persönliches Traumkleid für den Ball der Zuckerrohrernte zu nähen. Während Edi all diese Geschichten erzählt, Geschichten aus ihrer Vergangenheit; Geschichten aus der Vergangenheit ihrer Eltern kommt es einem wirklich so vor, als wären all diese Worte, all die Emotionen und Gefühle, die Rose in diesem Augenblick empfunden hat, mit in dieses Kleid hineingenäht worden. Karen Foxlee hat einen wunderbaren, mystischen und poetischen Schreibstil. Sie wählt die Worte mit Bedacht und schafft es, jede einzelne Szene mit ihren Worten so real werden zu lassen, dass sie sich wie ein Film vor dem geistigen Auge abspielen. Doch es ist nicht nur ihr bildhafter und fesselnder Schreibstil, der diese Geschichte erst zu etwas besonderem macht. Es sind auch die unglaublich interessanten und einzigartigen Charaktere, mit denen uns Karen Foxlee in ihrem Roman erfreut. Sämtliche Charaktere in diesem Buch sind einzigartig, speziell und alles andere als 0-8-15. Keine Charaktere, die man so in jedem Buch wieder findet. Hier wäre zum Beispiel Rose, eine Einzelgängerin mit einer - wie sie es selbst gerne beschreibt - dunklen Aura. Und genau das versucht sie mit ihrer äußeren Erscheinung auch auszudrücken. Sie trägt schwarz, nichts als schwarz, färbt ihre Haare ebenfalls schwarz, schminkt sich so stark, dass man ihr hübsches Gesicht kaum sieht und zieht sich gerne in ihre eigene Welt; ihre eigenen kleinen Geschichten, die sie in ihrem schwarzen Notizbuch in der Schublade neben ihrem Bett festhält, zurück. Pearl ist das absolute Gegenteil. Sie ist aufgeweckt, voller Tatendrang, interessiert sich für Mode und Make-Up, liest gerne Bücher, hat jede Menge Freunde, ist beliebt, romantisch und voll von Träumen, irgendwann diese Stadt zu verlassen und die große weite Welt zu erkunden. Am ersten Tag, als Rose in ihre Schule kommt, beschließt sie ihre Freundin zu werden. Auch wenn es sie viel Mühe kostet, färbt Pearls Art - ob Rose dies nun will oder nicht - langsam auf sie ab und bringt sie letztendlich sogar dazu, Zeit mit ihr zu verbringen, obwohl Rose immerzu der Auffassung war, keine Freunde zu brauchen, was mithin wohl auch damit zu tun hat, dass sie in ihren jungen Jahren bereits sehr viel umgezogen ist und kaum Gelegenheit hatte, wirklich Freunde zu finden; Bezugspersonen, mit denen sie sprechen und denen sie sich anvertrauen konnte. Dies war jahrelang ihr schwarzes Notizbuch, ihr persönlicher Begleiter auf all ihren Reisen. Roses Vater und ein junger Mann namens Paul sind Charaktere, die mir von Anfang an ziemlich unheimlich waren und die das Buch erst so düster und gruselig machen. Roses Vater ist Alkoholiker und versucht ständig wieder aufs Neue trocken zu werden. Sie ziehen um, er sucht sich einen neuen Job, fängt wieder an zu trinken und sucht sich dann erneut ein neues zu Hause um dort zum gefühlten 100. Mal einen Neuanfang zu starten. Es gab jede Menge Gänsehaut Momente, Momente, in denen ich eine Pause vom Lesen brauchte, weil ich so überschwappt wurde von all den aufkommenden Emotionen, dass ein Weiterlesen für den Moment nicht möglich war. Es gab Momente, in denen ich gelacht habe, mich gefreut habe mit Rose und Pearl; Momente, in denen ich dem ein oder anderen gerne eine Ohrfeige verpasst hätte und wieder Momente, in denen ich einfach so hingerissen war von dieser mysteriösen und geheimnisvollen Atmosphäre, dass ich die Welt um mich herum - zumindest für ein paar Augenblicke - total vergessen habe. Als dann der Ball vor der Tür stand, das Kleid endlich fertig war und einfach alle glücklich und zufrieden zu sein schienen, passiert etwas, womit ich weiß Gott nicht gerechnet habe. Die Autorin hat es geschafft, ihre Leser in die Irre zu führen, die ganze Zeit über so viel Spannung aufzubauen, dass man bis zum Ende nicht wusste, was nun wirklich passiert bzw. passiert ist, sodass man am Ende des Buches nur noch mit offenem Mund dasitzt und nicht weiß, wie man das Ende finden oder was man denken soll. Ganz am Ende gab es dann noch mal eine emotionalen Explosion, die mir Tränen in die Augen getrieben hat. Auch wenn das Buch keine wirkliche Handlung hat, bzw. fast gar nichts in dieser Geschichte passiert, ist es die Atmosphäre der Geschichte, die einen einfach nicht mehr los lässt. Man ist gefangen von dieser Welt; in diesem dunklen Märchen, das mehr zu bieten hat als man anfangs vielleicht glaubt.

Das nachtblaue Kleid
Das nachtblaue Kleidby Karen FoxleeBeltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG