3. Mai
Rating:4

Wir Töchter“ von Oliwia Hälterlein ist ein Roman über drei Frauen aus unterschiedlichen Generationen einer polnischstämmigen bäuerlichen Familie: Marianna, Róza und Waleria. Ihre Lebensgeschichten sind auf bewegende Weise miteinander verwoben und spannen einen Bogen über Themen wie Migration, Identität und Herkunft. Besonders gelungen finde ich, wie das individuelle Schicksal mit der Zeitgeschichte verbunden wurde. Am faszinierendsten war für mich Rózas Geschichte. Sie verlässt Ende der 80er Jahre das sozialistische Polen, um ihrer Tochter Waleria ein besseres Leben in Deutschland zu ermöglichen. Ihr Versuch, sich in Westdeutschland anzupassen, ist glaubwürdig beschrieben. Sie verleugnet beinahe ihre polnischen Wurzeln, weil sie dazugehören will, muss aber schmerzhaft erkennen, dass sie in Deutschland nie wirklich willkommen ist. Besonders die Zeit im Auffanglager Friedland und ihre zahlreichen Putzjobs wirken authentisch. Dort merkt sie schnell, dass sie als Migrantin ein Niemand ist. Dennoch gibt sie nicht auf, vor allem für ihre Tochter. Auch die Enttäuschung durch den Vater ihres Kindes, der seine Versprechen nicht hält, macht ihr Weitermachen bewegend. Aber auch Mariannas hartes bäuerliches Leben und Walerias Suche nach Identität und Zugehörigkeit haben einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. In Walerias Gedanken und Erfahrungen konnte ich mich in manchen Momenten sogar selbst wiedererkennen. Ihre Frage nach Herkunft und Zugehörigkeit zieht sich stark durch den Roman. Überhaupt steht das Erinnern und die Beziehung der Frauen untereinander im Mittelpunkt und die Frage, was Frauen vergangener Generationen hinterlassen. Es geht aber auch darum, welche Verantwortung Töchter gegenüber den Frauen vor ihnen empfinden. Gefallen hat mir, dass die Frauen die treibende Kraft des Romans sind. Die Männer bleiben im Hintergrund. Außerdem zeigt das Buch eindrucksvoll, wie prägend Herkunft, Zeit und Lebensumstände sein können. Insgesamt hat mir der Roman gut gefallen. Ein kleiner Aspekt, der mir aufgefallen ist, sind die zahlreichen eingestreuten polnischen Begriffe. Einerseits machen sie die Geschichte authentischer, andererseits haben sie manchmal meinen Lesefluss erschwert, da ich kein Polnisch spreche.

Wir Töchter
Wir Töchterby Oliwia HälterleinC.H.Beck
24. Apr.
Rating:4

Dieser interessante Debütroman der jungen Autorin konfrontiert die Leser*innen mit den absolut unterschiedlichen Lebensläufen dreier Frauen einer polnisch stämmigen Familie. Marianna, Róza und Waleria aus Polen kommen auf unterschiedlichen Wegen und in verschiedenen gesellschaftlichen Zeiten mit Deutschland in Berührung. Sie machen jeweils ganz persönliche Erfahrungen im positiven wie auch im negativen Sinne. Der Roman erzählt feinfühlig und voller Empathie mit den drei Frauen diese Erlebnisse und zeigt uns Leser*innen wieviel gesunder Menschenverstand, Charakterstärke und Durchsetzungsvermögen in jeder dieser Frauen unterschiedlicher Generationen steckt. Er erklärt auch feinfühlig und leidenschaftlich wie sie ihre Beziehungen zueinander mit viel Liebe, Zuneigung, aber auch lebensnaher Kritik, realistisch betrachten und/oder bewertet haben. Die Autorin erzählt in bunter und der Situation angepasster Sprache, lebhaft und sehr genau das polnische Leben aus dem ländlichen Bereich, den Städten, aus Zeiten des Krieges und der Umbrüche nach der kommunistischen Herrschaft. Sie beobachtet wie sich die Migrationserlebnisse der beiden letzten Generationen mit der familiären Prägung durch Grossmutter Marianna vermischt haben. Auch beeindruckt beim Lesen, wie sich die zärtliche und verständnisvolle Beziehung zwischen der im Erwachsenenalter kinderlosen Enkeltochter Waleria und der Grossmutter entwickelte. Olivia Hälterlein berichtet in mehreren Zeitsträngen, die oft sehr abrupt beginnen oder enden. Es bedarf eines genauen, ruhigen Lesestils und guter Orientierung im Text um damit klar zu kommen. Die Autorin hat laufend polnische Begriffe, kurze Redewendungen in polnischer Sprache in ihrem Roman eingebunden. Das wirkt stilistisch sehr interessant und bringt die Leser*in eine stimmige Atmosphäre. Diese Ausdrücke werden zwar in einem Glossar übersetzt, aber längst nicht alles wird erwähnt und ich habe mich sehr in meinem Lesefluss dadurch stören lassen. Das empfand ich als sehr schade für diese ungewöhnlichen und guten Debütroman und ich hoffe sehr, dass sich Leser*innen dadurch nicht vom Buch abschrecken lassen. Denn dieser Roman beschreibt ein sehr treffendes Gesellschaftsbild über vergangene und aktuelle, heute bestehende Beziehungen zwischen Polen und Deutschland und ist eine absolute Leseempfehlung. VIER **** STERNE.

Wir Töchter
Wir Töchterby Oliwia HälterleinC.H.Beck
2. Apr.
Ich bin so froh über jede Seite dieses Buches.
Rating:5

Ich bin so froh über jede Seite dieses Buches.

„Wir Töchter“ von Oliwia Härtlein erzählt die Geschichte von drei Frauen: Babcia, Mutter und Tochter – verbunden über Generationen hinweg, über Ländergrenzen, über Erfahrungen, die weiterleben. Wir begleiten Marianna, die in Polen ein Leben geprägt von Arbeit, Strenge und klaren Rollenbildern führt. Ihre Tochter Róza, die nach Deutschland geht und sich ein anderes Leben erhofft. Und Waleria, die irgendwo dazwischen steht – zwischen Herkunft und Gegenwart, zwischen Erwartungen und dem Wunsch, ihren eigenen Weg zu gehen. Es ist ein Roman über Frausein und das, was weitergegeben wird. Über Erziehung ohne viel Wärme, dafür mit Disziplin. Über Traditionen wie wigilia, über Katholizismus und über Sätze, die sich einprägen: „Wir bekommen Kinder, weil Frauen Kinder bekommen.“ (S. 145) Gleichzeitig geht es um Migration, um Anpassung – und um das, was dabei verloren geht. Oder leiser wird. Sprache zum Beispiel. Dieses Gefühl, dass man langsam „seine eigene Zunge verliert“. Der Schreibstil ist dabei etwas ganz Besonderes: literarisch unglaublich stark, fast poetisch, und trotzdem klar. Vieles wird nicht direkt erklärt, sondern gefühlt. Immer wieder fallen polnische Wörter ganz selbstverständlich in den Text – und sie fügen sich so natürlich ein, dass sie nicht fremd wirken, sondern genau richtig. Und selbst ohne polnischen Hintergrund versteht man alles – die Bedeutung ergibt sich aus dem Kontext und zudem kann man die Erklärungen im Glossar nachsehen. Ein absolut tolles Buch! Große Leseempfehlung! | unbezahlte Werbung, Rezensionsexemplar |

Wir Töchter
Wir Töchterby Oliwia HälterleinC.H.Beck
28. März
Rating:4

Zwischen Herkunft, Sprache und Identität – eine Geschichte über weibliche Stärke.

Wir Töchter erzählt auf eine ganz besondere Weise die Geschichten von Marianna, Roza und Waleria – drei Generationen Frauen aus einer polnischen Familie, deren Leben später nach Deutschland führt. Jede von ihnen wächst unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen auf und muss sich mit ganz eigenen Herausforderungen auseinandersetzen. Dabei zeigt der Roman auf eindrucksvolle und zugleich feinfühlige Weise, welche Hürden Frauen über Generationen hinweg überwinden mussten und wie viel Stärke in ihnen steckt. Der Einstieg fiel mir zunächst jedoch zwischendurch etwas schwer. Die Perspektiven wechseln zwischen den drei Protagonistinnen teilweise recht abrupt, sodass ich mich immer wieder kurz neu orientieren musste. Mit der Zeit hat sich das jedoch gelegt und ich wusste wer wer ist und „wo ich gerade bin“. Zusätzlich fließen polnische Wörter und Sätze ganz natürlich in die Geschichte ein und verleihen ihr viel Authentizität. Ein sehr schönes stilistisches Mittel und auch wenn es meinen Lesefluss stellenweise leicht gebremst hat, hat es die Atmosphäre des Buches insgesamt sehr bereichert. Am Ende hat mich Wir Töchter tief berührt. Ein Debüt, das zeigt, wie viel Stärke über Generationen hinweg weitergegeben wird und wie eng Frauen miteinander verbunden sind.

Wir Töchter
Wir Töchterby Oliwia HälterleinC.H.Beck
13. März
So besonders wie die Autorin selbst

So besonders wie die Autorin selbst

Wenn man erst die Autorin trifft und sie einen auf Anhieb sooo sympathisch ist und erst danach den Roman liest, der auch noch ihr Debüt ist, dann sind die Erwartungen ziemlich hoch. So ging es mir mit Oliwia Hälterlein, die in Rahmen einer C.H. Beck Programmvorschau ihr neues Buch bzw. ihren ersten Roman vorgestellt hat. Dass sie nicht zum ersten Mal schreibt, merkt man bereits auf den ersten Seiten. Das ist hohe Qualität (sage ich als Lesende. Nicht als Literaturexpertin). So gar nicht sanft. Landen wir direkt in einer harten Realität als Frau. Nämliche in der, wenn gesundheitlich eben nicht alles stimmt und ein Stück des Frauseins operativ entfernt werden muss. Was tut Frau/Tochter danach? Sie fährt zu ihrer Mutter. Und Srück für Stück lernen wir über die Mütter bzw. die Großmütter. Die Töchter kennen. Leben zwischen Anpassung und Aufbegehren, mit Aufbrüchen und Neusnfängen. Mir gefällt, dass die Frauen hier ganz viel Raum bekommen. Ich musste zwar manchmal etwas zurückblättern und mir zu vergegenwärtigen in welcher Zeit ich mich beim Lesen befinde und ich habe auch etwas gebraucht. Im in die Geschichte zu finden, aber Oliwia Hälterlein schafft es, dass ich dran bleiben will. Spätestens ab dem Zeitpunkt des Aussiedelns aus Polen nach (West) Deutschland war ich vollkommen drin. So authentisch wird das Leben beschrieben, auch die Suche der jüngsten Tochter nach ihren eigenen Werten und dem Auseinandersetzen mit den verschiedenen Generationen fand ich so spannend zu lesen. Beim Lesen musste ich oft innehalten und mich fragen, welche transgenerationale Traumata wohl in meiner Familie noch nicht aufgearbeitet wurden. Die turbulenten Leben von Mama und Omi bieten da so einiges an Zündstoff. Oliwia Hälterlein ist ein kluges, feministisches Buch gelungen, dass einerseits nüchtern und sachlich ist, aber dann doch auch wieder mitten ins Herz trifft. Einen großen Anteil daran, haben die lyrischen Durchbrechungen, die sich durch den Roman ziehen. Sehr lesenswert.

Wir Töchter
Wir Töchterby Oliwia HälterleinC.H.Beck
9. März
Rating:4

Dieser Roman spannt ein Netz zwischen drei Frauen: Marianna, Róza und Waleria. Zwischen Dorf und Stadt, Polen und Deutschland, Krieg, Sozialismus und Gegenwart. Und zwischen all dem: das leise, aber unerschütterliche Band zwischen Frauen einer Familie. Was mich an diesem Buch so berührt hat, ist seine Perspektive. Einige Dinge waren für mich neu – besonders die polnische Migrationsgeschichte und das Aufwachsen in Polen, das in der deutschen Gegenwartsliteratur so selten erzählt wird. Gleichzeitig fühlte sich vieles unglaublich vertraut an. Vor allem Walerias Beziehung zu ihrer Babcia Marianna. Diese Nähe zwischen Enkelin und Großmutter, dieses Gefühl, dass in dieser Beziehung etwas Zeitloses liegt. Oliwia Hälterlein schreibt mit einer poetischen Zartheit, die gleichzeitig sehr präzise ist. Ihre Sprache wirkt fast filigran – emotional, aber nie überladen. Besonders schön fand ich die Mehrsprachigkeit des Romans: Polnische Wörter und Sätze tauchen ganz selbstverständlich im Text auf, ohne sofort erklärt zu werden. Die Übersetzungen finden sich erst im Glossar. Und trotzdem funktioniert es – selbst wenn man kein Wort Polnisch versteht. Vielleicht gerade deshalb. Ich liebe schon lange Drei-Generationen-Romane über Frauen. Aber dieses Buch hat mir zum ersten Mal wirklich klar gemacht, warum. Töchter erleben vieles, was ihre Mütter und Großmütter erlebt haben – nicht identisch, aber in Variationen. Die gleichen Fragen, ähnliche Brüche, andere Entscheidungen. Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie hinterlässt Spuren. Wir Töchter ist ein stiller Roman. Und gleichzeitig ein kraftvoller. Einer, der zeigt, wie Herkunft, Sprache und Körper Erinnerungen tragen und wie Frauen einander durch Zeit und Geschichte hindurch verbunden bleiben.

Wir Töchter
Wir Töchterby Oliwia HälterleinC.H.Beck
17. Feb.
Rating:4.5

Danke an C.H. Beck für die kostenlose ARC (die meine Meinung natürlich nicht geändert hat) Oliwia Hälterlein erzählt in ihrem Debütroman gekonnt von drei Generationen Frauen und verwebt dabei fein Themen wie Migration, Identität und Patriarchat in die Handlung. Marianna wächst gegen Ende des 2. Weltkrieges in Polen auf und führt ein einfaches Bauernleben, nach der Grundschule muss sie auf dem Hof helfen, eine gute Partie machen und schwanger werden. Ihre Tochter, Róza, geprägt von ihrer bäuerlichen Herkunft, zieht erst nach Danzig, mitten in die Solidarność-Revolution und schließlich nach Deutschland, wo sie sich ein besseres Leben für sich und ihre Tochter Waleria erhofft. Das Buch beleuchtet Mariannas Perspektivlosigkeit, Rózas Schwierigkeiten als Migrantin und Walerias Suche nach Identität und Herkunft und auch ihren Kampf mit ihrer PCO-Diagnose. Besonders hervorzuheben ist, dass Oliwia Hälterlein einem viele polnische Begriffe und kulturelle Einblicke bietet, was ich sehr bereichernd fand. Der einzige wirkliche Abstrich für mich sind die fehlenden Alters- und Jahresangaben, sodass ich oft etwas desorientiert durch die Handlungsstränge gestolpert bin. Für mich sind die besten Bücher die, die einem neue Perspektiven verschaffen und etwas Neues vermitteln. Das hat Wir Töchter geschafft, auch wenn ich mir manchmal etwas mehr Nähe zu den Protagonistinnen gewünscht hätte und mich stattdessen oft wie eine etwas distanzierte Zuschauerin gefühlt habe.

Wir Töchter
Wir Töchterby Oliwia HälterleinC.H.Beck