
»Der Gedanke, dass sich dadurch etwas zum Besseren wendet, wenn man die Hände in die Luft hält, hat etwas Hoffnungsvolles.« aus „Zwischen uns liegt August“ (2025) von Fikri Anıl Altıntaş, S. 31, C. H. Beck »Meine Worte prallen an deiner Zeitzone ab. Du hast dir eine Welt gebaut, die wir nicht verstehen, aber von der wir abhängig sind. Noch schauen wir nach dir, riechen dich, zeichnen deine Bewegungen im Haus nach. Rufen nach dir, um uns zu vergewissern, dass du in unserem Kreis bist. Niemand spricht aus, dass es bald zu Ende geht. Wir bleiben stehen, während du weitermusst.« aus „Zwischen uns liegt August“ (2025) von Fikri Anıl Altıntaş, S. 212, C. H. Beck „Zwischen uns liegt August“ ist Fikri Anıl Altıntaş’ Roman über den Abschied von seiner krebskranken Mutter und eröffnet einen intimen Einblick in letzte Male und Monate einer Frau, die einen Traum vom Leben hatte, die zwischen Selbstbestimmung und Zwang gefangen war und die am Ende, konfrontiert mit der hoffnungslosen Perspektive auf ihren Abschied aus diesem Leben, schweigt, sich ehrlich macht, aber auch einen Umgang mit Routinen sucht. Es ist ein Eintauchen ins Alltägliche - damals als Kind Mürüvvet in der Türkei, dessen Vater als Gastarbeiter nach Deutschland kam, aber auch als Mutter, die nach Deutschland kommen musste und dort ein emsiges Leben, der Familie verschrieben, bestritt. All das ist eingebettet in Altıntaş selbstreflexive Gedanken, die Zweifel zulassen, die aber auch nach Liebe suchen, die Zeit wieder gutmachen wollen und, schließlich, die würde- und liebevoll loszulassen. In den letzten Wochen, seitdem ich das Buch gelesen habe, denke ich wieder viel über meine Mutter, meinen Vater, meine Geschwister und mich nach. Bei meinem letzten Besuch sagte meine Mutter mir beiläufig, dass, so wie es gerade ist, es nicht ihrer Vorstellung von Familie entspreche. Früher hatte sie einen anderen Wunsch an ihre Familie. Dieser Moment ihrer Offenheit und Verletzlichkeit betrübt und beschäftigt mich seitdem verstärkt. Dort, wo bei mir schon Risse waren, ist jetzt etwas eingebrochen - katalysiert durch mein Leseerlebnis. Hier und da hatte ich eine so intensive Resonanz, dass ich wegen meiner persönlichen Erschütterung das Buch zur Seite legen musste. Weil es so ehrlich ist, weil es nicht kaschiert, weil es wehtut. Altıntaş’ Worte zu lesen war für mich schon bei „Im Morgen wächst ein Birnbaum“ etwas sehr Besonderes und ist hier nicht anders. Der Autor findet eine Sprache, die sofort berührt und mich bis ins Mark getroffen hat. Es ist das Minutiöse, die Abfolge letzter Momente ihrer Alltäglichkeit, die dem Text ihre emotionale Schwere verleihen. Beeindruckend und wieder ein persönliches Lesehighlight dieses Jahr.





