16. Dez.
Rating:4.5

Es geht um Schuld, um Erinnern, Schweigen und um verschobene Identitäten. Aber auch darum, wie Kriege ihre Schatten bis in die Gegenwart werfen.

Dieses Buch war ein Zufallstreffer, den ich auf der Verlagsseite entdeckt hatte. Die Tatsache, dass es von einer Chinesin geschrieben wurde, die nach Kanada immigrierte und die Thematik haben mich sofort angefixt. Ich wurde nicht enttäuscht. Man erfährt viel über die jüngere chinesische Geschichte ab Ende des zweiten Weltkriegs. Mir waren zwar "der große Sprung" und "Kulturrevolution" ein Begriff, aber eine Vorstellung davon hatte ich absolut nicht. Dieses Buch führt an die Mao-Zeit heran und animierte mich vieles zu googeln und nachzulesen. Ich war teilweise wirklich erschrocken, welche Bildungslücken sich da auftaten. Alleine deswegen lohnt es sich schon dieses Buch zu lesen. Der zweite Grund dieses Buch zu lesen sind die vielen Zwischentöne, die der Roman anschlägt. Es geht um Schuld, um Erinnern, Schweigen und um verschobene Identitäten. Aber auch darum, wie Kriege ihre Schatten bis in die Gegenwart werfen. Der dritte Grund, dieses Buch zu lesen sind der Aufbau und der Schreibstil der Autorin. Der Einstieg beginnt mit dem Tod Rains, der Mutter der Protagonistin. Nach dem Ableben der Mutter beginnt die Tochter Nachforschungen zu ihrer Familiengeschichte anzustellen und fliegt kurzerhand zu ihrer Tante Mei nach China. An der Stelle ist mir wichtig zu betonen, dass der Aufbau der Geschichte nicht so ist, wie in herkömmlichen Familienromanen mit einem Geheimnis. Vielmehr widmet sich die Autorin in unterschiedlichen Abschnitten unterschiedlichen Figuren. Erst die Geschichte des Vaters, dann die Geschichte der Tochter und schließlich sie Geschichte der Mutter. Dabei springt Zhang Ling immer wieder von der Binnenhandlung in die Rahmenhandlung, sodass der Leser kurz durchschnaufen kann, was zwar einerseits nötig ist, um das Gelesene zu verdauen, aber andererseits auch nervenaufreibend sein kann, weil man unbedingt wissen will, wie es weitergeht Der Schreibstil ist eher nüchtern gehalten und man baut nur bedingt eine Beziehung zu den Figuren auf, da der Fokus viel mehr auf den Strukturen von Erinnerungen liegt als auf Leserbindung. Definitiv kein Buch fürs Herz, aber definitiv eins zur Horizonterweiterung

Wo die Wasser sich begegnen
Wo die Wasser sich begegnenby Zhang LingC.H.Beck
1. Aug.
Rating:5

Krieg und Familie

Eine sehr empathisch erzählte Geschichte über Familenzusammenhalt und das Kriegsgeschehen. Der Schrecken des Krieges und auch der Nachkriegszeit und die Brutalität werden ungeschönt erzählt. Zudem erhält man ein Bildnis einer tapferen Frau, die alles für ihre Familie gibt.

Wo die Wasser sich begegnen
Wo die Wasser sich begegnenby Zhang LingC.H.Beck
16. Mai
Rating:5

Sternebewertung Fiktiv

Als Liebhaberin asiatischer Literatur war ich neugierig, als mir auf der Frankfurter Buchmesse dieser chinesische Roman in die Hände fiel. Obwohl ich bereits viele Werke aus Japan oder Korea gelesen habe, war chinesische Literatur bisher eher ein blinder Fleck. Umso mehr hat mich Zhang Lings „Wo die Wasser sich begegnen“ überrascht und zwar im besten Sinne. Im Zentrum der Geschichte steht Phoenix, eine verheiratete Frau, deren Leben stark von ihrer Mutter Rain geprägt ist. Die enge Bindung zwischen Mutter und Tochter ist so intensiv, dass Rain jahrelang mit im Haushalt lebt, bis sie schließlich an Demenz erkrankt und stirbt. Der Roman beginnt mit diesem Verlust. Zurück bleibt ein Koffer voller Erinnerungen, den Phoenix zunächst nicht zu öffnen wagt. Mit dem Öffnen des Koffers beginnt eine eindrucksvolle Zeitreise. Phoenix reist mit der Asche ihrer Mutter nach China und erfährt dort, bei ihrer Tante, von einem Teil der Vergangenheit, den sie nie gekannt hat. Wir tauchen tief ein in eine bewegende Familiengeschichte, die untrennbar mit Chinas politischer und gesellschaftlicher Vergangenheit verknüpft ist, voller Krieg, Unterdrückung, aber auch persönlichem Mut und Widerstandskraft. Rain erweist sich als beeindruckende Figur. Eine Frau, die für ihre Freiheit kämpft und sich ein Leben jenseits von Zwängen erarbeitet hat. Phoenix hingegen wirkt anfangs kühl und distanziert, fast unsympathisch. Doch im Laufe der Geschichte verändert sich dieses Bild. Man erkennt, dass ihre Stärke, ihr kontrolliertes Auftreten, das Erbe einer außergewöhnlichen Mutter ist. Besonders berührt haben mich die vielschichtigen Mutter-Tochter-Beziehungen, das stille Leid und die Kraft, die zwischen den Zeilen mitschwingen. Auch das Porträt einer Ehe, in der die Schwiegermutter ein fester Bestandteil ist, fand ich faszinierend und ungewöhnlich ehrlich. Zhang Lings Roman ist viel mehr als eine Familiengeschichte , er ist eine Annäherung an ein Land, an seine Geschichte und an die unbequemen Wahrheiten, die oft im Verborgenen bleiben. Für alle, die sich über japanische und koreanische Literatur hinaus für Ostasien interessieren, ist dieses Buch eine eindrucksvolle und lohnenswerte Lektüre.

Wo die Wasser sich begegnen
Wo die Wasser sich begegnenby Zhang LingC.H.Beck
30. März
Sehr empatjische Familiengeschichte
Rating:4

Sehr empatjische Familiengeschichte

"Vaters Tod veränderte die Mathematik aller Dinge - seine eigene Vergangenheit, die Gegenwart seiner Frau und die Zukunft seiner Tochter, in Summe bildeten diese Drei eine neue Wirklichkeit, düster und ungewiss." Mit "Wo die Wasser sich begegnen" erzählt uns die Autorin Zhang Ling sehr empathisch von der chinesischstämmigen Phoenix, die eigentlich Yuan Feng heißt, und der Aufarbeitung des Lebens ihrer vor kurzem verstorbenen Mutter Rain, die eigentlich Yuan Chunyu heißt. Auf die Frage ihres Mannes, was sie mit der Asche ihrer Mutter machen möchte, verstummt Phoenix erst einmal. Der Verlust ihrer Mutter trifft sie tief und als sie dann im Koffer ihrer Mutter zwei alte Fotos und ein kleines Fläschchen mit einem seltsamen Pulver findet, sucht sie das Gespräch mit ihrer Tante Mei. Doch um wirklich Klarheit zu bekommen, bleibt Phoenix nur die Reise nach China. So steigt sie mit der Asche ihrer Mutter ins Flugzeug und beginnt ihre Reise in die Vergangenheit. Zhang Ling hat mich mit ihrer Geschichte gepackt und gefangen genommen. Sehr eindrücklich erzählt sie von der Zeit Rains in einem von mehreren Kriegen und der Kulturrevolution gebeutelten China. Einem Land, in dem die Menschen Unsägliches auszustehen hatten, in dem Menschen anderen Menschen schlimmste Gewalt antun und in dem du niemandem vertrauen kannst, da jeder nur an seinen Vorteil denkt. Was mich an diesem Buch ein wenig gestört hat, waren die Mails, die sich Phoenix mit ihrem Mann geschrieben hat. Diese störten mich persönlich etwas im Fluss und meiner Meinung nach, hätte es diese Mails nicht gebraucht, denn die Geschichte der Mutter, ihr Lebens- und Leidensweg wurde dadurch immer etwas verdrängt. Aber vielleicht geht das auch nur mir so damit.

Wo die Wasser sich begegnen
Wo die Wasser sich begegnenby Zhang LingC.H.Beck