"Wenn man genau hinhörte, war sie [die Bühne] nie ganz still. Ständig murmelte sie. Im Laufe der Zeit waren Millionen Wörter durch die Ritzen zwischen den Bühnenbrettern gefallen, und immer mal gelang es einigen, sich wieder emporzuarbeiten, und dann schwebten sie umher wie Staubkörner, und langsam kam ihnen die Erinnerung an ihr früheres Leben."
Eine sonderbare Geschichte, ganz außergewöhnlich. Liebevoll, düster und kurios, schaurig schön und mit so viel Talent geschrieben.
Dieses Buch ist etwas besonderes. Besonders, weil ich etwas vergleichbares noch nie gelesen habe! Besonders, weil es ganz sicher nicht den Allerwelts-Geschmack trifft.
Besonders gut gefallen haben mir die Einblicke in das alte viktorianische Theater mit all seinen Finessen, das auch irgendwie zum Leben zu erwachen scheint, und dass wir bis zum Ende nie so genau wissen, was tatsächlich passiert, was Teil der Inszenierung ist und was der blühenden Fantasie der 12-jährigen Edith entspringt.
Edith ist, mit all ihren Merkwürdigkeiten, ein Charakter den man lieb gewinnt und auch über die Eigenarten einiger anderer Charaktere musste ich häufig lachen. Gleichzeitig entwickelt sich eine Aschenputtel-Ähnliche Story, aus der Edith sich aber selbst herauskämpft.
Zwischendrin hatte das Buch einige Längen und ich muss gestehen, dass ich, was historische Figuren Englands angeht, viel mehr hätte recherchieren müssen, um jede Anspielung zu verstehen.
Am Ende zieht das Tempo aber ordentlich an und wir bekommen ein bühnenreifes Finale geliefert.
Was den Horror angeht, ist das Buch auch etwas für eher Zartbesaitete. Tod und Grausamkeiten sind zwar allgegenwärtig, aber gleichzeitig hat es mich auch stark an gruselige Märchen erinnert, wie man sie auch Kindern früher erzählt hat. Heutzutage wäre man da wohl vorsichtiger, aber wer mit Grimms Märchen, Max und Moritz oder dem Struwwelpeter aufgewachsen ist, versteht was ich meine. ;)
Viel Spaß gemacht haben mir auch die Illustrationen des Autors, die in ihrer Bildsprache genauso skurril sind wie das, was in der Geschichte passiert.
Wer Theater und Schauspiel liebt, viktorianische Geschichten und verschrobene Charaktere mag („normal“ ist hier niemand), keine Käfer-Phobie hat und märchenhaften Horror mag, der sollte dieses Buch definitiv lesen!
Durch Markus Gasser bin ich auf das Buch gekommen und es hat mich gleich von Anfang an gepackt. Es ist eine Mischung aus Fantasy, Horror und Graphic Novelle. Die Zeichnungen unterstreichen noch die tolle Story. Der Showdown ist grandios! Ein Highlight des Jahres!
❝Ich lernte, das Schwanken meiner Hüften und Beine zu nutzen, um das Gewicht der Geister besser auf mir zu verteilen. Heute bin ich überzeugt davon, dass viele Menschen in ihrem Leben schwere Geister mit sich herumtragen, ohne dass sie davon wissen.❝
(Seite 370)
Norwich, England 1901: Seit ihrer Geburt verbringt die 12-jährige Edith Holler ihr Leben unter den exzentrischen Bewohnern des Holler-Theaters, da ihr von ihrem Vater verboten wurde genau dieses jemals zu verlassen. Denn durch einen Fluch, der ihr von einer verrückten Tante auferlegt wurde (kurz bevor diese wortwörtlich explodiert ist), soll das Theater einstürzen, sobald sie auch nur einen Fuß auf Norwichs Straßen setzt.
Demnach hat sie ihre Heimatstadt bisher nur durch Fenster, vom Dach des Theaters und durch Geschichten kennengelernt und letztere faszinieren sie ungemein - vor allem diejenigen, in denen es um die verschwundenen Kinder der Stadt geht. Aus diesem Grund beschließt Edith, ein eigenes Stück über Mawther Meg zu schreiben, eine monströse Gestalt, der nachgesagt wird, dass sie das Blut zahlloser Kinder zur Herstellung von "Käfermarmelade", einer lokalen Delikatesse, verwendet hat.
Doch mit diesem Vorhaben setzt sie Dinge in Gang, die nicht nur sie, sondern auch das gesamte Theater zu verschlingen drohen.
➸ Wow, was für eine positiv abstrakte Monstrosität an Buch habe ich hier eigentlich gerade gelesen? Ich dachte mir anhand von Cover und Klappentext ja eigentlich direkt, dass die Geschichte um Edith Holler etwas besonderes sein wird, aber nie und nimmer hab ich mit dem hier gerechnet.
Wobei ich am Anfang zugegebenermaßen so meine Zweifel hatte, denn Edward Carey lässt sich mit der Einführung seiner Charaktere und deren alltäglichen Gepflogenheiten sehr viel Zeit. So erfahren wir beispielsweise, dass Edith, gebrechlich und geisterhaft wie sie ist, ihre Tage damit verbringt, Stücke in ihrem Kartentheater aufzuführen und sich vor zu aufdringlichen Tanten zu verstecken.
Doch als eine neue Figur in ihr Leben tritt, beginnen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu verschwimmen, und ab diesem Punkt hatte mich der Roman dann so richtig in seinen grotesken Bann gezogen.
Edith ist eine witzige und sympathische Figur, die ziemlich erwachsen spricht, da sie durch ihre eingeschränkten Bewegungsradius auch nur von jenen umgeben ist, besitzt aber dennoch eine kindliche Unschuld, die ihren Charakter perfekt ergänzt.
Die Geschichte selbst, die in fünf Akten aufgeteilt wurde, gleicht einem sehr skurrilen und dennoch gut ausgefeilten Horrormärchen und Ediths anatomische Bindung an die Konstruktion des Theaters sorgt für eine sehr gute und originelle Spannung, da beide drohen, unter dem auferlegten Druck jederzeit zu zerbrechen.
Zudem hat mich der folkloristische Aspekt des Romans direkt gefesselt. Ich habe zwischendurch immer wieder nach der Historie von Norfolk gegoogelt um herauszufinden, was auf echten Traditionen beruht und was der Autor schlichtweg erfunden hat.
Zudem spielen Themen wie Wahrheit, Illusion, Glaube, Nicht-Glaube, Macht und Handlungsfähigkeit eine zentrale Rolle.
Von ihrer Familie kontrolliert, hat Edith außerhalb des Theaters keinerlei Freiheiten. Ihr Blick und ihre Wahrnehmung der realen Welt sind geprägt und bestimmt durch Vertrauen, Erzählungen und Büchern und ihre Zukunft liegt in dem Wunsch des Lesers, die Selbstkontrolle über ihr eigenes Leben und Schicksal zu erlangen.
Fazit:
"Edith Holler" ist düster, makaber, grotesk, witzig und ironisch zugleich und gespickt mit Careys einzigartigen Illustrationen, die den leicht traurigen Unterton der Geschichte perfekt widerspiegeln.
Ein seltsam fabelhafter Roman, der die Welt des Theaters erzählt und Einblicke in große Dramen wie Shakespeare, lokale Legenden und Folklore bietet.
Wenn ihr eine Vorliebe für klug konstruierte, verstörende und exzentrische Literatur habt, könnte dieses Buch genau das Richtige für euch sein.