8. Okt.
Rating:5

Selten ein Buch gelesen was mit Sprache so spielt und so klar ist

„Im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank.“ Mit diesem Satz beginnt Charles Simmons’ Roman Salzwasser – ein Satz, der so schlicht und gleichzeitig so tief ist, dass er sich sofort einprägt. Er enthält bereits alles, was dieses Buch ausmacht: Liebe und Verlust, Jugend und Ende, Schönheit und Schmerz. Ich bin auf dieses Buch über eine Instagram-Story gestoßen. Jemand las genau diesen ersten Satz vor – und ich wusste sofort, dass ich es lesen muss. Dieser Satz hatte etwas, das mich berührt hat. Etwas, das ehrlich klang, unaufgeregt, aber voller Bedeutung. Und nachdem ich Salzwasser gelesen habe, kann ich sagen: Dieses Buch ist tatsächlich etwas ganz Besonderes. Charles Simmons erzählt die Geschichte eines sechzehnjährigen Jungen, der in einem Sommer an der amerikanischen Ostküste seine erste große Liebe erlebt – und gleichzeitig den Tod seines Vaters verkraften muss. Zwei Ereignisse, die nicht nur zufällig nebeneinanderstehen, sondern sich gegenseitig spiegeln. Der Roman ist eine leise, aber eindringliche Erzählung darüber, wie Liebe und Verlust untrennbar miteinander verbunden sind – und wie aus beiden die Erinnerung entsteht, die unser Leben prägt. Was mich an Salzwasser besonders bewegt hat, ist seine Einfachheit. Simmons schreibt ohne Schnörkel, ohne Pathos. Und gerade dadurch trifft er einen umso tiefer. Jeder Satz ist klar, fast kühl – und doch voller Wärme. Man spürt das Salz in der Luft, hört das Rauschen der Wellen, und gleichzeitig fühlt man die Unsicherheit, die Aufregung und die zarte Verletzlichkeit eines jungen Menschen, der zum ersten Mal wirklich liebt. Dieses Buch ist im Kern eine Beschreibung dessen, was Liebe ist – und wie sie sich anfühlt. Aber es geht auch um die Kunst, sie zu erzählen. Simmons schafft es, das Unaussprechliche greifbar zu machen: die Mischung aus Sehnsucht, Schmerz, Glück und Verlust, die Liebe immer begleitet. Er beschreibt sie nicht als großes, alles verschlingendes Gefühl, sondern als etwas, das uns formt, still, aber dauerhaft. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, als erzähle mir jemand eine Erinnerung – nicht laut, sondern in einem Ton, der fast flüstert. Diese Zurückhaltung macht den Roman so stark. Er wirkt nicht übertrieben oder dramatisch, sondern ehrlich und menschlich. Vielleicht liegt darin seine Kunst: in der Fähigkeit, große Emotionen mit leisen Worten auszudrücken. Salzwasser ist eines dieser Bücher, die einen nachdenklich zurücklassen. Es erzählt nicht nur eine Geschichte, sondern weckt eigene Erinnerungen – an den ersten Sommer, an die erste Liebe, an das erste Bewusstsein dafür, dass das Leben immer beides ist: Schönheit und Verlust. Charles Simmons, der 2017 verstarb, hat mit Salzwasser ein Werk geschaffen, das wie das Meer selbst ist: ruhig an der Oberfläche, aber tief und unendlich darunter. Man spürt beim Lesen seine Erfahrung, seine Sensibilität, seine Beobachtungsgabe. Er war nicht nur ein Autor, sondern auch ein genauer Beobachter des Menschlichen – jemand, der wusste, dass wahre Geschichten in den Zwischentönen liegen. Ich muss sagen: Dieses Buch liest man nicht einfach. Man erlebt es. Und wenn man es beendet, bleibt etwas zurück – eine leise Melancholie, aber auch ein Gefühl von Dankbarkeit. Dafür, dass ein Autor wie Charles Simmons uns gezeigt hat, dass die Liebe – so vergänglich sie auch sein mag – das Einzige ist, was wirklich bleibt.

Salzwasser
Salzwasserby Charles SimmonsC.H.Beck
1. Nov.
Rating:2

Einer der besten ersten (und letzten!) Sätze, die ich je gelesen habe. Ich wollte es so sehr mögen, leider sind die Figuren für mich bis zuletzt blass und ungreifbar geblieben. Der ganze Ton ist auffallend unemotional, wirkt aber nicht wie ein Stilmittel sondern auf mich irgendwie flach.

Salzwasser
Salzwasserby Charles SimmonsC.H.Beck
2. Apr.
Eine tragische Geschichte, die nachhallt
Rating:3.5

Eine tragische Geschichte, die nachhallt

„Die Wellen auf der Atlantikseite spritzen bis zu mir herauf. Wahrscheinlich habe ich geweint. Tränen und Salzwasser schmecken gleich.“ (S. 138) Michael verlebt die Sommermonate mit seinen Eltern wie jedes Jahr auf der kleinen Insel Bone Point am Atlantik. Das Gästehaus wird an neue Besucher vermietet und so trifft der 15-jährige Michael auf die 20-jährige Zina; Fotografin, zu Hohem bestrebt, wunderschön, selbstbewusst - und Michael verliebt sich sofort in sie. Es ist die erste große Liebe - zu einer älteren Frau, die selbst noch auf der Suche ist, was sie im und vom Leben will und was Liebe für sie bedeutet. Die beiden Suchenden verbringen Zeit miteinander, doch finden sie wirklich zueinander? Dem gegenüber steht die Ehe von Michaels Eltern, die alles andere als erfüllt und harmonisch ist. Die Beziehung zwischen Michael und seinem Vater allerdings ist sehr innig, doch auch diese wird in dieser Erzählung auf die Probe gestellt, denn die Wege der Liebe sind unergründlich... Der Roman von Charles Simmons ist eine Neuerzählung der Novelle „Erste Liebe“ von Iwan Sergejewitsch Turgenew aus dem Jahre 1860, die mir vorher nicht bekannt war. Simmons lässt die Handlung seiner Erzählung im Jahr 1963 spielen, 1998 wurde der Roman zum ersten Mal veröffentlicht und jetzt vom C.H.Beck-Verlag neu herausgebracht. Auf 143 Seiten begleiten wir den Hauptprotagonisten Michael in diesen Sommermonaten - er erzählt uns von seinen Kindheitserinnerungen auf Bone Point, vom Fischen mit seinem Vater und dann kommt Zina in sein Leben - und das verändert alles. Zwischen Strandpartys, Segeltrips und intimen Spaziergängen am Meer werden wir immer tiefer hineingezogen in den Strudel der Liebe. Verliebtheit - Liebe - was ist der Unterschied? Und die Tragik der unerfüllten Liebe stehen in diesem Roman zentral. „Man empfindet die Liebe als einen Strahl, den man auf einen anderen Menschen richtet. Manchmal wird er zurückgeworfen, manchmal nicht. Aber die Liebe ist kein solcher Strahl, sie ist ein Lichtschein, der in alle Richtungen gleichzeitig leuchtet. Den Verliebten kommt es so vor, als bescheine der Strahl ein einziges Objekt. Das liegt daran, dass er selbst nur dieses eine Objekt sieht. Wenn er sich aber umschaut, merkt er, dass viele sein Licht empfangen.“ (S. 115) Der erste und letzte Satz des Romans lassen mich nachdenklich und melancholisch zurück. Ein Sommer, der alles verändert, eine Kindheit die zu Ende geht und ein Leben. Eine tragische Geschichte, die nachhallt.

Salzwasser
Salzwasserby Charles SimmonsC.H.Beck